Finanzen

Insider: EZB-Inflationsziel soll zeitnah angehoben werden

Bei der EZB herrscht Einigkeit darüber, dass das derzeitige Inflationsziel von "unter, aber nahe 2 Prozent" ausgedient hat. Die Bürger müssen sich auf stärkere Preisanstiege einstellen.
22.06.2021 16:49
Lesezeit: 2 min

Die EZB ist bei ihrem Strategiecheck noch nicht am Ziel. Auch wenn EZB-Chefin Christine Lagarde nach der jüngsten Klausurtagung von "guten Fortschritten" berichtete, hakt es laut Insidern noch an einer entscheidenden Stelle: Die Frage, wie die Währungshüter künftig Preisstabilität definieren und wie sie dieses Ziel konkret erreichen wollen. Der Teufel steckt dabei im Detail.

Grundsätzlich sei man sich zwar einig, dass künftig ein mittelfristiges Ziel von 2 Prozent gelten und die sperrige Vorgabe von "unter, aber nahe 2 Prozent" ausgedient hat. Zudem herrsche weitgehend Konsens, dass die EZB ein Überschreiten dieses Ziels tolerieren werde. Doch wie weit dies gehen darf und wie lange dieses "Überschießen" von der Europäischen Notenbank (EZB) geduldet würde, müssen die Währungshüter noch klären.

Dabei ist die Notenbank bemüht, das Ziel nicht mehr im Fachjargon zu formulieren, sondern möglichst gut verständlich zu fassen. Die Währungshüter hoffen, dies noch vor der Rats-Sitzung im September unter Dach und Fach bringen zu können, wenn voraussichtlich wichtige Weichenstellungen für die Zukunft des Corona-Notprogramms der EZB anstehen.

"Da werden in den nächsten Tagen eine Menge Entwürfe kursieren," sagte eine mit der Sache vertraute Person mit Blick auf die künftige Strategie der EZB. Das slowakische EZB-Ratsmitglied Peter Kazimir hofft, dass Ergebnisse bereits "in den kommenden Wochen" präsentiert werden können. Die EZB hüllt sich dazu offiziell in Schweigen.

Die US-Notenbank Fed hatte ihren Strategieschwenk bereits 2020 vollzogen. Sie stellte in Aussicht, die Zinsen so lange nahe Null zu halten, bis die Inflation auf dem Weg sei, "für einige Zeit" das Ziel von zwei Prozent Teuerung "moderat zu übertreffen". Doch innerhalb des EZB-Rats gab es offenbar große Vorbehalte ähnlich vorzugehen, da man sich nicht zu sehr festlegen will.

Andererseits ist sich die Notenbank auch bewusst, dass ihre bisherige Formulierung des Inflationsziels nicht ideal ist. Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau hat beispielsweise darauf verwiesen, dass es "symmetrisch" zu verstehen sei und nicht als eine Obergrenze, wie es manchmal interpretiert werde. Symmetrie bedeute demnach, dass die Euro-Notenbank es auch für einige Zeit zulassen könnte, wenn die Inflationsrate etwas über dem Ziel liegt.

BEKENNTNIS ZU "GRÜNERER" GELDPOLITIK

Die Führungsspitze der EZB hatte sich über das Wochenende zu einer Klausurtagung zurückgezogen, um in Ruhe noch offene Fragen zu besprechen. Die Notenbank hatte letztmalig im Jahr 2003 ihre Strategie auf den Prüfstand gestellt. Auf der Klausur wurde nun laut mehreren mit der Sache vertrauten Personen Einigkeit erzielt, dass künftig auch umweltpolitische Überlegungen in geldpolitische Rats-Entscheidungen einfließen sollten. Details, wie eine "grünere Geldpolitik der EZB" aussehen kann, sollen aber erst später folgen.

Zudem wurde ein weiteres Thema abgeräumt: Nämlich die Frage, ob bei der Berechnung der Teuerungsrate in der Euro-Zone die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum einbezogen werden sollen. Im Unterschied zu anderen Währungsräumen wie etwa den USA ist selbst genutztes Wohneigentum nicht im Warenkorb des Europäischen Statistikamts Eurostat enthalten. Bislang werden dort nur Mieten erfasst.

Die Währungshüter sind den Insidern zufolge dafür, dass künftig das selbst genutzte Wohneigentum mitberücksichtigt werden sollte. Doch bis es soweit ist, könnten wegen der sich langsam drehenden Mühlen des europäischen Räderwerks noch Jahre ins Land gehen. Denn die EZB hat es nicht allein in der Hand darüber zu bestimmen, anhand welcher Faktoren Eurostat und die nationalen Statistikbehörden die Inflationszahl messen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spieler verfolgen lokale Nachrichten, um Streaming-Schnäppchen zu finden

Die Suche nach den besten Streaming-Angeboten über bekannte Marken und Pop-up-Anzeigen läuft für Spieler selten so, wie sie es sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Goldpreis: Europas neue Goldsuche beginnt an Russlands Grenze
21.05.2026

An der Grenze zu Russland stößt ein finnischer Konzern auf neue Goldadern. Der Fund kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Goldpreis...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie: US-Chipgigant überrascht Wall Street mit Rekordzahlen
20.05.2026

Mit Spannung warteten Anleger weltweit auf die neuen Nvidia-Zahlen – und der KI-Gigant enttäuschte nicht. Die Nvidia-Aktie profitiert...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Luftfahrtaktien ziehen stark an, da laut Trump Iran-Gespräche in der „Endphase“ sind
20.05.2026

Ein möglicher geopolitischer Durchbruch sorgt für reichlich Bewegung an den Börsen – was Anleger jetzt wissen müssen.

DWN
Politik
Politik Analyse: Ukraine-Krieg kippt Putins Rechnung in Russland
20.05.2026

Der Ukraine-Krieg verlagert sich immer stärker auf russisches Gebiet. Kiews Drohnen und Raketen treffen Raffinerien, Rüstungsbetriebe und...

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank-Aktie: Warnung vor Unicredit-Offerte
20.05.2026

Zwischen Übernahmeofferte, politischen Widerständen und milliardenschweren Interessen verschärft sich der Machtkampf um die Commerzbank....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Tsunami setzt Kapitalfonds unter Druck und macht IT-Firmen unverkäuflich
20.05.2026

Der KI-Tsunami trifft Kapitalfonds ausgerechnet dort, wo sie jahrelang besonders teuer eingekauft haben. Viele IT- und Softwarefirmen...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie: Prognose bei Nvidia-Quartalszahlen entscheidend – KI-Boom auf dem Prüfstand
20.05.2026

Die nächsten Nvidia-Quartalszahlen dürften richtungsweisend für die gesamte KI-Branche werden. Nach der jüngsten Kursrally der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stihl kämpft mit Flaute und setzt auf Akku-Geräte
20.05.2026

Motorsägen, Heckenscheren und Akku-Technik: Stihl setzt konsequent auf den Wandel im Gartengeräte-Markt. Während die Nachfrage nach...