Politik

Neues Vietnam-Desaster? Amerikaner verlassen endgültig Afghanistan

Die USA treiben ihren Abzug aus Afghanistan voran. Nun haben sie ihre größte Basis, den Luftwaffenstützpunkt Bagram, verlassen. Einer Zeitung zufolge sei der Abzug vergleichbar mit dem Vietnam-Desaster.
02.07.2021 13:00
Lesezeit: 3 min
Neues Vietnam-Desaster? Amerikaner verlassen endgültig Afghanistan
Bei einer Übergabezeremonie von der US-Armee an die afghanische Nationalarmee im Camp Anthonic wird eine US-Flagge vom Mast heruntergelassen. (Foto: dpa) Foto: -

Nach fast 20 Jahren haben die US- und andere Nato-Soldaten ihren größten Stützpunkt in Afghanistan verlassen. Alle Koalitionstruppen seien aus der Luftwaffenbasis Bagram heraus, teilte ein hoher Beamter des US-Militärs am Freitag mit. Der Stützpunkt sei an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben worden, hieß es in US-Medienberichten. Das afghanische Verteidigungsministerium äußerte sich dazu zunächst nicht. Damit dürfte der Anfang Mai begonnene Abzug der internationalen Truppen kurz vor seinem Abschluss stehen. Offiziell hatten die USA angekündigt, bis spätestens 11. September alle Truppen abzuziehen. Allerdings gab es schon länger Berichte, dass der Rückzug bereits rund um den 4. Juli, den Nationalfeiertag in den USA, abgeschlossen werden könnte. Die Bundeswehr hatte am Dienstag ihre letzten verbliebenen Soldaten aus dem Norden des Landes ausgeflogen, , so „Euronews“.

Es gibt keine offiziellen Angaben dazu, wo sich nun noch US- oder andere Nato-Truppen befinden. Internationale Soldaten dürften noch am Flughafen Kabul sein, im Hauptquartier der Nato-Mission „Resolute Support“ im Zentrum der Stadt und wohl auch noch in der daneben liegenden US-Botschaft. Der Beamte des US-Militärs fügte hinzu, dass der Kommandeur der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, General Austin Scott Miller, weiter alle Fähigkeiten und Befugnisse besitze, um die Truppe zu schützen. Die Schließung von Bagram hat Symbolkraft. Bagram war über die Jahre für viele Afghanen zum Symbol des US-Einsatzes in Afghanistan geworden. Ursprünglich war der Flugplatz in den 1950-er Jahren von der Sowjetunion gebaut worden. Als die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan einmarschierten, war die Basis rund eine Autostunde nördlich von Kabul weitgehend zerstört.

Über die Jahre wurde sie massiv ausgebaut und beschäftigte Tausende Afghanen, die täglich teils eine Stunde oder länger in Schlangen in Sicherheitsschleusen verbrachten, um morgens auf die Basis zu kommen. Berühmt-berüchtigt ist ein auf Bagram betriebenes Gefängnis. Immer wieder gab es Vorwürfe von Folter und unrechtmäßigen Inhaftierungen. Immer wieder wurden auch Afghanen, die in Bagram arbeiteten, am Weg zur Basis von militant-islamistischen Taliban getötet.

Gleichzeitig kamen über Bagram unzählige westliche Güter ins Land, die in der Folge in Kabul am „Bush-Bazar“ landeten - von Proteinshakes bis zu Parmesan. Benannt wurde der Basar nach US-Präsident George W. Bush, der den Einmarsch in Afghanistan angeordnet hatte, Zuletzt geriet Bagram in die afghanischen Schlagzeilen, weil täglich Dutzende Lastwägen mit Schrott von zerstörten Fahrzeugen und Ausrüstung der US-Truppen den Flugplatz verließen. Viele Afghanen ärgerten sich darüber, dass das US-Militär derartige Mengen verschrottete und nicht den Sicherheitskräften überließ. Die Militärs begründeten dies unter anderem damit, dass die Ausrüstung nicht in feindliche Hände fallen solle.

In der Tat sind zuletzt Unmengen von US-finanzierter Ausrüstung in die Hände der Taliban gefallen. Mit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen haben die Islamisten mehrere Offensiven in dem Land gestartet. Rund 90 der etwa 400 Bezirke haben sie seither von den vom Abzug demoralisierten afghanischen Sicherheitskräften erobern können - und dabei Hunderte Sturmgewehre, gepanzerte Fahrzeuge und teils auch schweres militärisches Gerät erbeutet. In der Vergangenheit wurden Taliban-Offensiven vor allem mit Hilfe von US-Luftangriffen und teils auch amerikanischen Spezialkräften gestoppt. Der Abzug bedeutet, dass die Regierungstruppen nun ohne solche Kampfunterstützung auskommen müssen. Die afghanische Luftwaffe kann nur einen Bruchteil dessen leisten, was amerikanische Kampfflugzeuge bisher boten.

Es ist zudem unklar, ob die Maschinen ohne ausländische Vertragskräfte, die sie reparieren und warten, aber jetzt auch abziehen, flugtauglich gehalten werden können. Die Luftwaffe ist ein Schlüssel im Kampf gegen die Taliban. Das Weiße Haus hat der Regierung in Kabul zugesichert, dass sie weiterhin «nachhaltige» Sicherheitshilfe leisten wird. Washington blieb bisher allerdings vage, was dies genau bedeutet. Ein hochrangiger US-General hatte zuletzt im Gespräch mit „Voice of America“ ausgeschlossen, dass die USA nach ihrem Abzug afghanische Streitkräfte mit Luftangriffen unterstützen würden.

Das bedeutet nicht, dass der militärische Vormarsch der Taliban in Washington keine Sorgen auslöst. Im Gegenteil: Angesichts der Entwicklungen sollen die US-Geheimdienste laut «Washington Post» ihre Afghanistan-Prognosen revidiert haben. Demnach könnte die afghanische Regierung bereits in sechs bis zwölf Monaten fallen. Dawud Moradian von der Kabuler Denkfabrik Afghan Institute for Strategic Studies (AISS) will einem derart düsteren Ausblick allerdings nicht zustimmen. Westliche Einschätzungen hätten in der Vergangenheit durchweg daneben gelegen, sagt er. Aktuell liege das Momentum bei den Taliban. Wenn es der Regierung in Kabul aber gelinge, dieses zu durchbrechen, könne der Ausblick schnell wieder ein ganz anderer sein. Es gebe erste Anzeichen dafür - etwa die jüngsten lokalen Aufstände gegen die Taliban im Land, den Wechsel der militärischen Führung oder eine zunehmende Einheit der politischen Führung. Nun gehe es darum, ob Kabul dieses Gegen-Momentum aufrechterhalten könne.

Zum Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan schreibt die lettische liberale Tageszeitung „Diena“ am Freitag: „US-Truppen sollen Afghanistan früher als erwartet verlassen. (...) Auch westliche Einheiten haben es eilig, Afghanistan zu verlassen, und die Taliban, wegen der vor zwanzig Jahren zumindest offiziell US- Truppen nach Afghanistan gebracht wurden, erobern immer mehr Provinzen des Landes. Obgleich angekündigt wurde, dass die USA sich aus Afghanistan zurückziehen, weil sie ihre ursprünglichen Ziele erreicht haben, ist klar, dass sie trotz ihres militärischen Erfolgs eine beeindruckende politische Niederlage erlitten haben. Sie ist vergleichbar mit der in Vietnam oder die der ehemaligen Sowjetunion in eben demselben Afghanistan.“

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