Finanzen

Analysten: Anstieg der Ölpreise ist Gift für Aktien und die Weltwirtschaft

Lesezeit: 4 min
13.07.2021 11:59
Anleger sollten die Entwicklung der Ölpreise in den kommenden Wochen im Auge behalten.
Analysten: Anstieg der Ölpreise ist Gift für Aktien und die Weltwirtschaft
Blick auf die New York Stock Exchange. (Foto: dpa)
Foto: Frank Franklin Ii

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der Anstieg der Preise für Rohöl wirkt sich Beobachtern zufolge zunehmend negativ auf die Weltwirtschaft aus und könnte darüber hinaus die Bewertungen an den Aktienmärkten unter Druck setzen. Stiegen die Notierungen weiter, drohe insbesondere der US-Wirtschaft langsam die Luft auszugehen, schreibt Kriti Gupta, makroökonomischer Analyst bei Bloomberg.

Die Korrelation zwischen Ölpreis und weltwirtschaftlicher Entwicklung basiert auf der überragenden Bedeutung, die Rohöl und auch Erdgas als Energiequelle zufällt. An dieser Dominanz haben auch verstärkte Bemühungen zahlreicher Staaten bislang nichts grundlegend verändert, ihre Energieversorgung von fossilen auf alternative Quellen wie Wind- und Solarenergie umzustellen. Rohöl ist Ausgangsstoff für Treibstoff - mit denen Maschinen betrieben und Fahrzeuge und Schiffe angetrieben werden - für chemische Produkte, die Herstellung von Plastik, Verpackungen und Kunststoffen, die Erzeugung elektrischer Energie sowie für zahlreiche weitere Anwendungen - etwa in der Kosmetikindustrie. Die Allgegenwärtigkeit von Öl- und Ölprodukten in den Lieferketten führt dazu, dass deutliche Ölpreisanstiege eine insgesamt preistreibende Wirkung in der Wirtschaft entfalten.

Ölpreise steigen kräftig, Washington interveniert

Diese Korrelation gilt für alle Volkswirtschaften, insbesondere aber für die größte, die amerikanische Volkswirtschaft. Dort ist es der private Binnenkonsum, auf den etwa zwei Drittel des erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukts entfallen. Steigen die Ölpreise deutlich, dann steigen früher oder später auch die Verkaufspreise. Im Fall der USA ist dies besonders bedeutsam, weil das Land seit Jahrzehnten massive Außenhandelsdefizite anhäuft, also weitaus mehr Waren aus dem Ausland importiert als nach Übersee exportiert, es kommt zu einer „importierten Inflationierung“.

Mit rund 76,60 US-Dollar je Barrel (Faß zu 159 Liter) hat die amerikanische Leitsorte WTI inzwischen den höchsten Stand seit November 2014 erreicht. Die Sorte Brent liegt mit derzeit 77,60 Dollar auf dem höchsten Niveau seit Oktober 2018.

Gupta schreibt: „So sehr dies auch den Ölförderern hilft sind es gleichwohl schlechte Nachrichten für Volkswirtschaften wie die amerikanische, die vom Konsumenten vorangetrieben werden. Hier kommen nun die Aktien ins Spiel. Die Konsumausgaben der Bürger flachen bereits ab und die Effekte der fiskalpolitischen Sondermaßnahmen werden Ende September auslaufen. Steigende Preise in Supermärkten und an Tankstellen werden zu sinkenden Ausgaben und weniger touristischen Reisen führen. Und dies schlägt sich in geringeren Einnahmen - und wahrscheinlich geringeren Gewinnen - auf viele Segmente von Corporate America nieder.

Sorgen hinsichtlich dieses Zusamenspiels von Erdöl-Teuerung und nachlassender Nachfrage lassen sich bereits am Finanzmarkt erkennen. Schauen Sie sich beispielsweise die 66-Tage-Korrelation zwischen dem Aktienindex S&P 500 und dem Preis für Brent-Öl an. Diese ist für gewöhnlich positiv, weil eine stärkere Nachfrage nach Öl mit einem starken Wirtschaftswachstum einhergeht, von dem in aller Regel auch die Aktienmärkte profitieren. Aber die Korrelation ist negativ - ein Phänomen, das zuletzt im Jahr 2017 auftrat.

Rohstoffe verteuern sich auf breiter Front

Verstärkt wird der inflationäre und die Nachfrage hemmende Effekt der steigenden Ölpreise durch den enormen Preisauftrieb in anderen Bereichen des Rohstoffsektors.

So signalisieren die Preise für wichtige Industriemetalle und -rohstoffe, zementiert durch die schwerwiegenden Unterbrechungen im Welthandel, seit Monaten einen Bullenmarkt. Massive Preissteigerungen bei Molybdän (plus 114 Prozent seit Jahresbeginn), Lithium (plus 91 Prozent), Kohle (plus 69 Prozent), Kobalt und Zinn (jeweils plus 57 Prozent), Asphalt (plus 55 Prozent), Eisenerz (plus 40 Prozent), Aluminium (plus 28 Prozent), Kupfer (plus 25 Prozent), Stahl (plus 19 Prozent), Blei (plus 15 Prozent) und Nickel (plus 11 Prozent) sorgen dafür, dass die Kosten für das produzierende Gewerbe in die Höhe schießen und in Form höherer Verkaufspreise an die Kunden weitergegeben werden.

Dasselbe Phänomen zeigt sich auch bei den Grundnahrungsmitteln, deren Notierungen in den vergangenen 12 Monaten teilweise extrem zulegten, zuletzt aber in vielen Fällen wieder nachgaben. Trotzdem rangieren die Preise der meisten Grundnahrungsmittel seit Jahresbeginn noch immer deutlich im positiven Bereich, angeführt von Schweinefleisch (plus 50 Prozent), Mais (plus 44 Prozent), Geflügel (plus 22 Prozent), Zucker (plus 18 Prozent), Kaffee (plus 18 Prozent), Rindfleisch (plus 12 Prozent), Sojabohnen (plus 11 Prozent), Hafer (plus 10 Prozent) und Reis (plus 7,5 Prozent). Der Bloomberg Agricultural Subindex stieg in den vergangenen sechs Monaten um rund 20 Prozent und damit so stark wie seit rund zehn Jahren nicht mehr.

Washington interveniert

Um einer weiteren Preissteigerung bei Erdöl entgegenzuwirken, drängt die US-Regierung inzwischen die im Opex+-Format versammelten Länder zu einer Einigung um eine Anhebung der Förderbegrenzungen, um den dem Markt mehr Rohöl zur Verfügung zu stellen.

„Wir sind nicht an diesen Gesprächen beteiligt, aber Regierungsbeamte haben sich mit relevanten Hauptstädten ausgetauscht, um auf eine Kompromisslösung zu dringen, die es ermöglicht, die vorgeschlagenen Produktionssteigerungen voranzubringen“, teilte ein Präsidialamtssprecher in Washington am Montag der Nachrichtenagentur Reuters mit. „Die Vereinigten Staaten beobachten die Verhandlungen der Opec+ und ihre Auswirkungen auf die globale wirtschaftliche Erholung von der Corona-Pandemie genau.“ Die Minister der „Opec+"-Staaten, zu denen neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, konnten sich in mehreren Verhandlungsrunden bislang nicht auf eine Anhebung der Produktionsquoten einigen.

Bereits Mitte April hatte US-Präsident Joe Biden seine Energieministerin Jennifer Granholm nach Saudi-Arabien geschickt, um mit dem saudischen Energieminister Abdulaziz bin Salman al-Saud zu sprechen. Zwar sind keine konkreten Ergebnisse des Treffens bekanntgeworden - Beobachter waren sich allerdings einig, dass die Amerikaner höchstwahrscheinlich um eine Erhöhung der Förderquoten baten.

Wichtige Rohstoffhändler allerdings erwarten, dass der Ölpreis in den kommenden Jahren schon allein aus rein strukturellen Gründen die Marke von 100 Dollar je Barrel erreichen werde. Zu geringe Investitionen in die Erschließung neuer Felder in den vergangenen Jahren würden aus Sicht von Unternehmen wie Vitol, Trafigura und Gunvor zu einer ernsten Angebotsknappheit auf dem Ölmarkt führen, wie deren Vertreter kürzlich auf einer von der Financial Times ausgerichteten Veranstaltung sagten.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Weniger Administration, mehr Innovation: Digitale bAV-Verwaltung schafft Raum für Neues

Was macht einen Arbeitsplatz attraktiver als andere. Sicherlich mehr als nur das monatliche Gehalt. Langfristiges Denken kann sich für...

DWN
Politik
Politik Linke-Chefin Susanne Hennig-Wellsow: „Wir müssen noch viel mehr für das Impfen werben“

Die Linke-Chefin Susanne Hennig-Wellsow fordert von der Bundesregierung eine offensive Impf-Kampagne. „Warum laufen vor der...

DWN
Politik
Politik Die Linke verteidigt linksextremistisches Gewalt-Portal „Indymedia“

Ein Gericht hatte das linksextremistische Portal „Indymedia“ verboten. „Indymedia“ hatte nämlich wörtlich mitgeteilt: „Wir...

DWN
Finanzen
Finanzen Immer mehr Länder heben die Leitzinsen an

Norwegen ist das vorerst letzte Land einer Reihe von Staaten, deren Zentralbanken die Finanzierungsbedingungen verschärfen.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB: Wie die lockere Geldpolitik die Rente gefährdet

Die staatliche Rente hat nicht bloß ein Demografie-Problem. Niedrigzinsen und hohe Inflationsraten belasten zunehmend auch die gesetzliche...

DWN
Politik
Politik Iran wird Vollmitglied der Shanghai Cooperation Organization

Der Iran ist vergangene Woche zu einem Vollmitglied der eurasischen Shanghai Cooperation Organisation geworden.

DWN
Politik
Politik Hohe Inflation: In der Union regt sich zunehmend Widerstand gegen die EZB

Angesichts der hohen Teuerungsraten in vielen Bereichen regt sich innerhalb der Union Widerstand gegen die Untätigkeit der EZB - zumindest...

DWN
Politik
Politik Nur beim Uhu sagte Merkel "Nein"

Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte auf ihrer Abschiedstournee in ihrem angestammten Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern einen Vogelpark.

DWN
Politik
Politik DGB kritisiert Spahn wegen Aus der Lohnfortzahlung für Ungeimpfte in Quarantäne

Jens Spahn und die Gesundheitsminister der Länder haben das Ende der Lohnfortzahlung für Ungeimpfte, die sich in Quarantäne begeben...