Wirtschaft

Analyst: Vorstoß der Internationalen Energieagentur gegen fossile Energie „rücksichtslos und unmöglich“

Die weitreichenden Forderungen der Internationalen Energieagentur nach einem sofortigen Stopp aller Investitionen in fossile Energiequellen stoßen bei Schwellenländern und Marktinsidern auf Unverständnis.
20.05.2021 15:43
Aktualisiert: 20.05.2021 15:43
Lesezeit: 3 min
Analyst: Vorstoß der Internationalen Energieagentur gegen fossile Energie „rücksichtslos und unmöglich“
Eine Leuchtboje vor wartenden Öltankern in der Meerenge von Singapur. (Foto: dpa) Foto: Stephen Morrison

Die weitreichenden Forderungen der Internationalen Energieagentur (IEA) für einen sofortigen Stopp aller Investitionen in fossile Energiequellen treffen in Teilen der westlichen Medienwelt und Politik auf Zustimmung, in der Energiebranche und in Asien allerdings weitgehend auf Unverständnis.

IEA fordert sofortigen Investitionsstopp

Um das Netto-Nullemissionsziel bis 2050 zu erreichen, reichten die bisherigen Zusagen der Regierungen nicht aus, schrieb die IEA mit Sitz in Paris in einem am vergangenen Dienstag veröffentlichten Bericht. Es gebe einen Weg, das Nullemissionsziel bis 2050 zu erreichen, dieser sei aber schmal. Die Art und Weise, wie Energie weltweit produziert, transportiert und genutzt wird, müsse sich fundamental ändern, heißt es weiter.

So darf es aus Sicht der Agentur ab heute keine Investitionen in neue Projekte zur Versorgung mit fossilen Brennstoffen mehr geben. Es dürften beispielsweise keine weiteren endgültigen Investitionsentscheidungen für neue Kohlekraftwerke getroffen werden. Es brauche außerdem eine Politik, die den Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotor bis 2035 beende, schreibt die Organisation.

Im Jahr 2050 müsse der Energiesektor weitgehend auf erneuerbaren Energien statt fossilen Brennstoffen beruhen. Zwei Drittel der gesamten Energieversorgung im Jahr 2050 würden aus Wind, Sonne, Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft stammen, schreiben die IEA-Analysten. Autos würden hauptsächlich dann mit Strom betrieben, die Luftfahrt setze weitgehend auf Biokraftstoffe und synthetische Kraftstoffe. Das Ziel: „Im Jahr 2050 stammen fast 90 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen (...). Der Rest kommt größtenteils aus der Kernenergie.“

Die Forderungen der IEA werden in Asien weitgehend kritisch aufgenommen. Wie das auf Rohstoffthemen spezialisierte Portal Oilprice berichtet, weisen beispielsweise australische Energieunternehmen und Politiker aus Japan und den Philippinen darauf hin, dass es mehrere Wege gäbe, um das Ziel einer Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 zu erreichen und nicht nur den von der IEA vorgezeichneten Pfad.

Dem Vize-Direktor für auswärtige Angelegenheiten im japanischen Wirtschaftsministerium, Akihisa Matsuda, zufolge plant das Land keinen sofortigen Stopp von Investitionen in Öl, Gas oder Kohle-Projekte, weil solche Maßnahmen nicht mit dem Ziel der Energiesicherheit vereinbar seien.

Der philippinische Energieminister Alfonso Cursi weist darauf hin, dass ein sofortiger Stopp der Finanzierung fossiler Energieträger dazu führen würde, dass der ostasiatische Inselstaat sein Ziel, eine breite Mittelschicht aufzubauen, kaum noch erreichen dürfte.

Analyst: Vorschläge sind „rücksichtslos und unmöglich“

Der im Energiesektor tätige Berater Cyril Widdershoven macht auf potenzielle Folgen des IEA-Vorstoßes aufmerksam, sollte dieser umgesetzt werden. Widdershoven zufolge würde die Energie-Organisation Opec langfristig von einer Abkehr westlicher Länder von fossilen Energieträgern profitieren. Ihr Marktanteil würde von derzeit 37 Prozent auf 52 Prozent im Jahr 2050 steigen. Der Grund: besonders die privatwirtschaftlich kontrollierten, multinationalen Energiekonzerne sind dem Druck ihrer Investoren und Aktionäre zur Energiewende ausgesetzt und müssen auf diesen reagieren. Für staatseigene Betriebe gelte dies in viel geringerem Ausmaß, weil diese allein den Entscheidungen der jeweiligen Regierungen unterworfen sind.

„Bedacht werden sollte zudem die zentrale Funktion, welche multinationale Ölgesellschaften im Welthandel spielen. Indem man sich darauf konzentriert, einen Teil des Weltmarktes zu entfernen, wird die Stabilität der Energieversorgung und der Wirtschaft gefährdet. Jahrzehntelang diente gerade die Symbiose multinationaler Konzerne und staatseigener Unternehmen als Schlüsselsäule der Energiesicherheit, weil beide Seiten unterschiedliche Strategien und Ansätze verfolgen. Indem man nun die Finanzierung der Privatunternehmen unterbindet, werden die Staatsbetriebe mächtiger und können ihren Einfluss ausbauen.“

Zur Zeit sei außerdem völlig unabsehbar, ob die rasant steigende Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen wie Lithium, Kobalt, Palladium und Seltenen Erden, welche für den Bau von Windrädern, Elektroautos und Solarpaneelen benötigt werden, überhaupt in ausreichendem Maße gefördert und weltweit verteilt werden könnten. „In ihrem Bestreben, die Emissionen bestimmter Gase bis zum Jahr 2050 vollständig herunterzufahren, scheint sich die IEA in Wunschdenken zu ergehen, weil sie die existierenden Beschränkungen und immensen Investitionen ignoriert, die für die Realisierung dieses Ziels notwendig sind. Die Agentur gibt selbst zu, dass auf dem Weg zu „Netto Null“ ernste Risiken lauern – etwa geopolitische Risiken oder Gefahren, welche von einer zu starken Abhängigkeit von kritisch wichtigen Ressourcen ausgehen“, schreibt Widdershoven.

Extrapoliere man das gegenwärtig starke Nachfragewachstum im Bereich dieser strategischen Rohstoffe in die Zukunft fort, dürften die Märkte bald kaum noch in der Lage sein, das Angebot der Nachfrage anzugleichen, so Widdershoven. Schon jetzt stiegen die Marktpreise für strategische Ressourcen rasant und auf dem Markt für Halbleiterchips herrsche seit Monaten eine weltweite Knappheit, die noch auf unbegrenzte Zeit anhalten werde.

Diejenigen die fordern, sofort sämtliche Investitionen in Erdöl, Erdgas und Kohle weltweit zu stoppen „scheinen die zentrale Rolle zu vergessen, welche die Kohlenwasserstoffe – hauptsächlich Erdöl und Erdgas – in der Weltwirtschaft spielen. Indem sie Öl und Gas einfach nur als Energieprodukte versteht, scheint die IEA jene Produkte zu übersehen, die ebenso Teil der Wertschöpfungskette sind“ – etwa Chemikalien, Plastik oder Düngemittel.

Wohlhabenden Industriestaaten, die über die nötigen Finanzmittel und die einschlägigen Infrastrukturen verfügen, könnte der Wandel weg von fossilen Energieträgern mittelfristig vielleicht gelingen. Die ärmeren Länder jedoch seien wegen der höheren Effizienz von Öl und Gas gegenüber Windkraft und Solarenergie in der Regel weiterhin auf fossile Energiequellen angewiesen, um Wirtschaftswachstum zu generieren und den Transport von Waren und Menschen zu gewährleisten. „Kurzum, der Vorstoß der IEA ist deshalb nicht nur unmöglich umzusetzen, sondern auch rücksichtslos“, so Widdershoven.

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