Wirtschaft

Trotz Chipmangels: Chinas Wirtschaft 7,9 Prozent größer als vor einem Jahr

Der Chipmangel bremst das Wachstum der chinesischen Industrieproduktion. Ökonomen befürchten bereits ein Stottern des Konjunkturmotors.
15.07.2021 10:26
Aktualisiert: 15.07.2021 10:26
Lesezeit: 2 min

Chinas Wirtschaft hat nach einem Rekordwachstum zu Jahresbeginn im Frühjahr wie erwartet einen Gang zurückgeschaltet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal um 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das staatliche Statistikamt am Donnerstag mitteilte. Von Reuters befragte Experten hatten mit einem leicht höheren Plus von 8,1 Prozent gerechnet.

Zu Jahresbeginn lief der Konjunkturmotor noch auf vollen Touren und hatte mit 18,3 Prozent das stärkste Wachstum seit fast 30 Jahren hingelegt. Der Exportweltmeister profitierte dabei von starker Nachfrage nach Produkten, die in der Corona-Pandemie weltweit gefragt sind - etwa Medizinausrüstung und Masken.

"Es war nun zu befürchten, dass nach Abebben dieser Sondernachfrage die Volkswirtschaft ins Stottern gerät", so Ökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank. Die Einzelhandelsumsätze legten im Juni nicht mehr ganz so schnell zu wie im Vormonat. Und auch die Industrie drosselte ihr Wachstumstempo bei der Produktion - insbesondere wegen Fertigungsproblemen in der Automobilindustrie, die weltweit unter einem Mangel an Halbleitern leidet. Dennoch fielen beide Kennziffern besser aus als von Experten erwartet, was Sorgen von Investoren vor einer allzu kräftigen Konjunkturabkühlung dämpfte.

Das Statistikamt warnt allerdings vor einer ungleichmäßigen wirtschaftlichen Entwicklung im Land und möglichen Rückschlägen in anderen Volkswirtschaften. Dahinter steht die Furcht, dass das Pendel in der Pandemie zurückschlagen und sich die Delta-Variante des Coronavirus weiter um die Welt verbreiten könnte, was neue Eindämmungsmaßnahmen erforderlich machen könnte. Chinas Zollbehörden gehen vor diesem Hintergrund davon aus, dass sich das Wachstum des Außenhandelsgeschäfts im zweiten Halbjahr auf allerdings weiterhin hohem Niveau abschwächen wird.

Notenbank ist gefragt

Beobachter erwarten daher eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch die chinesische Notenbank. "Wenn die Verantwortlichen nicht reagieren, könnte das Wachstum im vierten Quartal aus dem angestrebten Korridor fallen", sagte Anlagestratege Xing Zhaopeng von der ANZ Bank. Denn der Jahresabschluss 2020 sei wegen der Erholung von den Folgen der Coronavirus-Pandemie außergewöhnlich stark gewesen.

"Die Signale stehen auf Konjunkturabkühlung", sagte Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe. Die Zentralbank werde die Wirtschaft in bewährter Weise mit vorsichtigen Lockerungsimpulsen unterstützen: "Dabei werden potenzielle Kreditrisiken aus der hohen Unternehmensverschuldung nicht aus den Augen verloren. Im Zweifelsfall geht aber Wachstumsförderung vor Schuldenabbau."

Ministerpräsident Li Keqiang hat bereits klargestellt, dass die Führung des Landes keine groß angelegten Konjunkturhilfen mehr mit der Gießkanne verteilen wird, wie dies in Krisenzeiten mehrfach der Fall war.

Die Notenbank PBOC verschafft den Geldhäusern bereits mehr Freiraum für Kredite und will damit der Konjunktur größeren Schub verleihen. Seit diesem Mittwoch ist ihnen erlaubt, weniger Kapital als Mindestreserve zu halten. Damit sollen rund eine Billion Yuan (umgerechnet knapp 130,4 Milliarden Euro) an Liquidität freigesetzt werden. Einige Marktbeobachter erwarten, dass die PBOC möglicherweise bereits nächste Woche die Anforderungen an die Mindestreserve weiter senken wird.

Auch wenn die BIP-Zahlen etwas hinter den Expertenerwartungen zurückblieben, droht der Wirtschaft der Volksrepublik laut VP-Bank-Ökonom Gitzel keine "harte Landung" nach dem Corona-Boom. Der Experte verweist darauf, dass sie während der Pandemie-Krise mit dem Trend zur Heimarbeit auch von einer hohen Nachfrage nach elektronischen Produkten und Möbeln profitiert habe. Das Bruttoinlandsprodukt habe daher bereits Ende 2020 wieder das Vorkrisenniveau erreicht - ein Ziel, das die Euro-Zone wohl erst Ende des laufenden Jahres erreichen wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: 5 Chip-Aktien, die Sie haben müssen – Bitcoin-Kurs mit großem Potenzial
05.10.2026

Der S&P 500 legt trotz höherer Zinsen und geopolitischer Spannungen weiter zu. Investoren hoffen auf eine historisch starke Schlussrallye...

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
05.10.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Saatgutproduzent Christopher Rudloff im Interview: „Wir können keine Sonderschichten fahren“
04.10.2026

Hitze erreicht die Bilanz von Saatgutproduzenten mit zwei Jahren Verzögerung. Christopher Rudloff führt die RUDLOFF GmbH in Sereetz bei...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienvermögen: Warum Erben Arbeit schlägt
04.10.2026

Deutschlands Wohlstandsversprechen gerät ins Wanken: Während Immobilien- und Erbschaftsvermögen immer wichtiger werden, lässt sich mit...

DWN
Politik
Politik Handwerkerbonus wird gekappt: Bis zu 300 Euro weniger – Fiskus profitiert
04.10.2026

Mehr Geld im Portemonnaie – das verspricht die Einkommensteuerreform 2027. Beim Handwerkerbonus passiert das Gegenteil: Statt 1.200 Euro...

DWN
Finanzen
Finanzen 800 Milliarden Dollar für KI: Was passiert mit der Börse, wenn das größte Technologierennen langsamer wird?
04.10.2026

Die größten US-Techkonzerne investieren in diesem Jahr fast 800 Milliarden Dollar, vor allem in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur...

DWN
Politik
Politik „Auf dünnem Eis“: Weltenergie-Chef warnt, drei neue Schocks könnten Europas Preise in die Höhe treiben
04.10.2026

Europa könnte vor einem schwierigen Winter stehen. Nach Einschätzung von IEA-Chef Fatih Birol laufen gleich drei Faktoren aus, die die...

DWN
Panorama
Panorama Sie bezahlte ein Croissant mit Karte und tippte ihre PIN ins Trinkgeldfeld
04.10.2026

Ein gewöhnlicher Einkauf in einer Bäckerei am Bahnhof von Winterthur endete für eine Seniorin mit einer Abbuchung von rund 1.707 Euro....