Politik

Die Kritik am Rückzug aus Afghanistan ist scheinheilig

Lesezeit: 3 min
18.08.2021 16:36  Aktualisiert: 18.08.2021 16:36
DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph hat eine andere Sichtweise als die meisten Kommentatoren der übrigen deutschen Presse.
Die Kritik am Rückzug aus Afghanistan ist scheinheilig
Dieser afghanischer Junge und seine Familie sind vor den Taliban geflohen. Die Frage ist: Kann der Westen dem geschundenen afghanischen Volk helfen? (Foto: dpa)

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Die USA haben ihre Truppen aus Afghanistan abgezogen, die Deutschen – militärisch viel zu schwach, um in dem von Terror gebeutelten Land allein etwas bewegen zu können – mussten ihnen wohl oder übel folgen. Der Westen hinterlässt einen gescheiterten Staat, der sich in keinem besseren Zustand befindet als 20 Jahre zuvor, als der Afghanistan-Feldzug seinen Anfang nahm: Die Macht befindet sich in Händen radikaler Islamisten, die ein Terrorregime errichten und unter Umständen dem Entstehen einer Terroristenhochburg Vorschub leisten. Schon jetzt suchen Millionen von Afghanen ihr Heil in der Flucht. Nicht abwegig, dass Deutschland ein Szenario bevorsteht wie das von 2015.

Dementsprechend fallen hierzulande die Beurteilungen der jüngsten Ereignisse fast einhellig aus: Der Abzug sei zu früh erfolgt; es könne nicht angehen, dass der riesige finanzielle Aufwand und vor allem der Blutzoll – in Afghanistan haben circa 3.500 Soldaten der westlichen Allianz, einschließlich 59 Deutsche – ihr Leben gelassen, umsonst gewesen sein sollen.

Eine auf den ersten Blick verständliche Sichtweise. Wenn man aber genauer hinschaut, zeigt sie nur, mit wie wenig Kompetenz und mit wie viel Scheinheiligkeit die Afghanistan-Diskussion in Deutschland geführt wird.

Was die mangelnde Kompetenz angeht: Keiner, der sich gegen den Abzug der Truppen ausspricht, kann sagen, wie lange sie stattdessen noch hätten bleiben sollen. Einfach eine bestimmte Zeitdauer festzulegen, wäre sinnlos gewesen – warum soll die Lage in, sagen wir mal, sechs Monaten, einem Jahr oder auch einem Jahrzehnt besser sein als jetzt? Natürlich hätte man die Dauer des Engagements mit dem Erreichen eines bestimmten Ziels verknüpfen können. Aber mit welchem? Dem Sieg über die Taliban vielleicht? Dann hätte man einen ausgewachsenen Krieg führen müssen, an dessen Ende immer noch genug Gotteskrieger am Leben gewesen wären, um - sowie die westliche Allianz das Land verlassen hätte – die Macht zu übernehmen. Man hätte natürlich auch die Truppen bis zur Entstehung von stabilen Verhältnissen im Land stationiert lassen können. Nur – wie lange hätte das wohl gedauert? Sind stabile Verhältnisse in diesem Land mit seinen archaischen Gesellschaftsformen und Denkmustern überhaupt möglich? Was, wenn nicht – in den letzten 20 Jahren wurden solche Verhältnisse jedenfalls nicht erreicht. Sollen westliche – und eben auch deutsche – Soldaten über viele Jahre, über Jahrzehnte gar, in Afghanistan bleiben (und immer wieder kämpfen und sterben), ohne dass sie dem Ziel, für dessen Erreichung sie eingesetzt werden, jemals näher kommen?

Als noch schlimmer empfinde ich die Scheinheiligkeit, mit der die Diskussion geführt wird. Vor allem gegen die Amerikaner richtet sich der Zorn. Es heißt, mit ihrem Abzug, mit ihrem Verzicht auf Fortsetzung ihrer militärischen Präsenz, ließen sie die Afghanen im Stich. Nun gut, das klingt erst einmal logisch. Aber: Wird den Vereinigten Staaten ansonsten nicht regelmäßig Kriegstreiberei, Imperialismus und das sich Einmischen in die Angelegenheiten fremder Völker vorgeworfen? Mit anderen Worten: Für gewöhnlich wird die Supermacht verdammt, wenn sie ihre militärischen Muskeln spielen lässt. Nun aber soll sie genau das tun. Da kann ich nur fragen: Ja, was denn nun?

Tatsache ist jedoch auch: Der Feldzug war so, wie die USA ihn planten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Jeder US-Präsident, zu dessen Regierungszeit Truppen in Afghanistan standen, machte Fehler: Unter George W. Bush begann die Invasion – ohne dass eine klare Ausstiegsstrategie festgelegt worden wäre, überhaupt ohne eine langfristige Planung. Man vertrieb die Taliban, glaubte, damit das Land befriedet zu haben und kümmerte sich primär wieder um den Irak – dass die Gotteskrieger nur auf einen günstigen Zeitpunkt warteten, um wieder auf der Bildfläche zu erscheinen, begriffen die Amerikaner nicht. Überhaupt entwickelten sie zu keinem Zeitpunkt ein Verständnis der den heutigen Verhältnissen in Afghanistan zugrunde liegenden Kultur und Historie (ein Fehler, den die USA bei ihren außenpolitischen Engagements immer wieder machen). In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Volksgruppe der Paschtunen, aus der sich die Taliban primär rekrutieren, eine viele Jahrhunderte alte Geschichte ihr Eigen nennt, eine Geschichte, die ihr Handeln und Denken bis heute prägt – während die USA im Jahr 1776 gegründet wurden.

Unter Obama wurde die Zahl der Truppen dann immer weiter verstärkt, erreichte 2009 die stolze Zahl von 100.000. Eine Verbesserung der Sicherheitslage wurde dadurch allerdings nicht erreicht. Trump versuchte dann zwar, das Afghanistan-Engagement zu beenden, verhandelte dabei aber vor allem mit den Taliban, statt mit der Regierung in Kabul, was sowohl deren Legitimität als auch der Glaubwürdigkeit der USA schweren Schaden zufügte und gleichzeitig die Taliban politisch enorm aufwertete. Biden schließlich beging den Fehler, zu verkünden, der Abzug der Truppen bis zum 11. September geschehe „bedingungslos“ – eine willkommenere Einladung für ihre brutale Machtübernahme hätten sich die Steinzeitkrieger nicht wünschen können.

Angesichts der Tatsache, dass für die USA die Auseinandersetzung mit der neuen Supermacht China im Vordergrund steht, dürften außenpolitische Engagements in Sachen Nationenbildung für sie in den nächsten Jahren keine Option mehr darstellen. Vielleicht erinnert man sich auch an die eigene Geschichte: Vor 250 Jahren besiegten militärisch deutlich unterlegene Siedler die Weltmacht Nummer eins (und schüttelten das Kolonialjoch ab). Ob der Abgang des Weltpolizisten von der internationalen Bühne positive oder negative Folgen zeitigt, wird die Zukunft zeigen.


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