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Sechs Wochen nach der Flut: „Die Soforthilfe ist eine Nadel im Heuhaufen“

Lesezeit: 6 min
25.08.2021 13:56  Aktualisiert: 25.08.2021 13:56
Es wurde erwartet, dass die Politik nach der Flutkatastrophe im Ahrtal den Wiederaufbau selbst in die Hand nimmt, um die Bürger zu unterstützen. Das dem nicht so ist, schildern die Betroffenen. Sie sind auf sich allein gestellt.
Sechs Wochen nach der Flut: „Die Soforthilfe ist eine Nadel im Heuhaufen“
Die Bundesstraße, die durch das Ahrtal führt, ist bei Altenahr hinter einem Tunnel durch die Flut weggerissen worden. (Foto: dpa)
Foto: Thomas Frey

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Bernd Gasper hat alles verloren. Hotelier Wolfgang Ewerts baut drei Häuser wieder auf. Die Schaustellerfamilie Himmes weiß noch nicht, wie es weitergeht. Und dem Ehepaar Wurst schwinden die Kräfte. Rund sechs Wochen nach der verheerenden Flutwelle im Ahrtal sind Tausende Häuser in den Rohbau zurückversetzt - und müssen jetzt monatelang austrocknen, in vielen wird noch immer Putz abgeschlagen.

Die ersten besonders stark beschädigten Häuser sind abgerissen, die meisten der meterhohen, mit Öl verseuchten, Schlamm überzogenen Müllberge abtransportiert und einige Notbrücken über der Ahr errichtet. Doch die Folgen der zerstörerischen Gewalt, mit der sich die tsunamiartige Welle durch das idyllisch gelegene Tal gebrochen hat, sind noch überall zu sehen.

Die Menschen zwischen Schuld und Sinzig in Rheinland-Pfalz lässt die Katastrophennacht des 14. Juli noch lange nicht los. 133 Menschen - darunter Verwandte, Freunde und Nachbarn - kamen in den Wassermassen um. 766 wurden verletzt. Drei werden noch immer vermisst, meldet die dpa.

Viele Überlebenden überwältigt immer wieder die Todesangst, in der sie viele Stunden gefangen waren. Wieder und wieder finden die schrecklichen Erinnerungen an die Flutnacht einen Weg in ihren Alltag, und sie kämpfen mit den Tränen und mit Verzweiflung.

„Wir haben die ganze Nacht nicht gewusst, ob der andere noch lebt“, erzählt etwa Bianca Wurst, die innerhalb von zehn Minuten von den Wassermassen von ihrem Mann getrennt wurde und die Horrornacht allein mit der Katze in Dunkelheit auf dem Dachboden ihres Hauses verbringen musste. Ihren Mann Christoph überkam kürzlich eine Panikattacke, als sich auf einem Platz Regen zu einem wachsenden Rinnsal sammelte.

Bernd Gasper, der mit seiner Frau am Tag nach einer Nacht voller Todesangst von einem Hubschrauber vom Dach seines Elternhauses im besonders schwer getroffenen Altenahr-Altenburg gerettet wurde, muss immer wieder an das Zischen der Gastanks denken, die - von der Flut mitgerissen -, gegen sein Haus prallten und zu explodieren drohten. „Ich habe mit meiner Frau in totaler Dunkelheit auf dem Dach gesessen und versucht, sie zu beruhigen“, erinnert sich der 69-Jährige. „Dabei wusste ich die ganze Zeit: Wenn der Giebel unterspült wird, dann ersaufen wir hier.“

Das Paar ist in einem renovierungsbedürftigen Haus bei Wachtberg in der Nähe von Bonn untergekommen. Gasper packt dort an - und in Altenburg. Beim Blick auf sein schwer beschädigtes Elternhaus, in dem er und seine beiden Brüder zur Welt kamen und er mit seiner Frau gelebt hat, überkommen ihn die Tränen. Seine Frau will gar nicht mehr mit ihm hinunter ins Tal fahren. Bernd Gaspers Sohn Achim sagt: „Meine Frau fängt jetzt noch an zu zittern, wenn sie das Wort Starkregen hört.“

Zu den kräftezehrenden Anstrengungen der Menschen im Ahrtal, das eigene völlig verschlammte Haus mitsamt den unbrauchbaren Erinnerungen, Papieren und Möbeln zu entmüllen und wieder bewohnbar zu machen - zumindest irgendwann - kommen Existenz- und Zukunftssorgen. Die Soforthilfen sind zwar angekommen, reichen aber nicht lange.

Bernd Gasper etwa konnte gar nichts retten, nicht mal die Kleidung, die er trägt, gehörte ihm. Alle insgesamt zehn Häuser seiner Familienangehörigen im Ahrtal seien schwer beschädigt worden, acht davon allein in Altenburg.

Wann Geld aus dem mit 30 Milliarden Euro ausgestatteten Hilfsfonds von Bund und Ländern für Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen fließen wird, und wie viel - das kann sich noch keiner so recht vorstellen. Eine Elementarversicherung haben nur wenige.

„Und wenn man dachte, man ist elementarversichert, merkt man jetzt, dass das so einfach nicht ist“, sagt Achim Gasper. Manche Klausel gelte nur bei Hochwasser, aber nicht bei Starkregen oder bei Wasser-Rückstau. „Die Versicherung behandelt das auch so, als ob nur ein Haus beschädigt wurde“, kritisiert der 37-Jährige. „Hier ist aber alles kaputt. Kernschrott“, sagt der Berufssoldat.

„Dazu kommt ja auch noch die psychische Komponente“, ergänzt sein Bruder Oliver. Der 40 Jahre alte Kripobeamte entkam den Wassermassen mit seiner Frau und den drei und sechs Jahre alten Kindern paddelnd auf einem Surfbrett.

„Das ist ein Geisterdorf, hier lebt keiner mehr“, sagt ihr Vater Bernd. Gerüchte, aus Altenburg solle in Zukunft ein Stausee werden, machten schon die Runde. Eine reale Grundlage haben die Gerüchte nicht. In dem Ortsteil mit seinen rund 500 Einwohnern sind fast ohne Ausnahme alle Häuser beschädigt worden, viele müssen abgerissen werden. Auch Bernd Gasper hat ein Gutachter nahegelegt, sein vor zwei Jahren komplett renoviertes Elternhaus abzureißen. „Geht es noch tiefer als Null?“, fragt er.

Besonders schlimm für die Gaspers: Bernds Schwiegermutter konnte sich in der Flutnacht nicht retten. „Ich war noch um 19 Uhr bei der Oma, wenn sie rechtzeitig evakuiert hätten, würde sie noch leben“, sagt Achim Gasper. Warum der Katastrophenalarm nicht ausgelöst wurde und die Menschen nicht aufgerufen wurden, ihre Häuser zu verlassen, versteht keiner der drei Männer. «Hier kann man überall schnell auf die Berge hoch», sagt Bernd Gasper.

„Es muss eine Perspektive für den Ort geben, dann kommt auch der Optimismus wieder“, meint Oliver Gasper. „Das muss aber zeitnah sein, sonst sind die Leute weg“, ergänzt sein Bruder Achim. „Nächstes Jahr im Frühjahr muss eine Perspektive da sein und dann muss es losgehen“, sagt ihr Vater Bernd. „Und es muss künftig für jeden eine bezahlbare Elementarversicherung geben.“

„Jetzt brauchen wir Macher und keine Sesselfurzer, sonst geht die Region unter“, formuliert es Hotelier Wolfgang Ewerts aus Insul. Viele - auch Ältere - die erst weggehen wollten, kämen jetzt doch zurück. „So schnell verlässt man seine Heimat nicht.“

Das Verhalten von Landrat Jürgen Pföhler (CDU) in der Krise bewertet Ewerts mit „Note 6 minus“ und spricht von einer „Enttäuschung auf ganzer Linie“. Christoph Wurst aus Schuld meint, viele Menschen, zumindest aber die zwölf aus einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig hätten doch gerettet werden können, wenn rechtzeitig gewarnt und evakuiert worden wäre. „Zwischen der Flut in Schuld und Sinzig lagen doch viele Stunden.“

Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen Pföhler und ein weiteres Mitglied des Krisenstabes. Dabei geht es um den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen am Flutabend des 14. Juli. Der Katastrophenalarm soll sehr spät ausgelöst worden sein.

Der 53 Jahre alte Ewerts will seinen Bungalow und sein Mietshaus in Insul bis Ende des Jahres wieder aufbauen. „Die Einrichtung in unserem Haus war erst ein halbes Jahr alt. Wir konnten dem Möbelmann sagen: ,Das Gleiche wie vorher!‘“, sagt er zwischen dröhnenden Trockengeräten.

Zwar nicht für die Häuser, aber für sein Hotel hatte er eine Elementarversicherung und versucht, sich jetzt an alles zu erinnern - für die vom Gutachter geforderte Liste. Die untere Etage mit Küche und Speisesaal sowie der Biergarten an der Ahr sind völlig zerstört. Wie das genau mit der Versicherung werde, „steht noch ein bisschen in den Sternen“, sagt Ewerts. Er hoffe, dass das Hotel bis März, April 2022 fertig werde, sagt er - und lacht, weil er das Ziel selbst für extrem ehrgeizig hält. „Das ist aber meine Existenz. Ich verdiene kein Geld - und wir kommen aus Corona.“

„Alle sind ein bisschen gereizt und angespannt“, beschreibt Ewerts, der auch Gemeinderatsmitglied ist, die Stimmung in dem knapp 500 Einwohner großen Ort. Es gebe auch Neid, weil der eine schneller Geld oder einen Handwerker bekommen habe. Vor allem Samstags kämen dankenswerterweise immer noch private Helfer aus ganz Deutschland und packten mit an. Deren Einsatz und die Solidarität sind für die meisten Bewohner des Ahrtals unfassbar - und gehören zu den wenigen Glücksmomenten.

„Sonntags sind viele nicht mehr so am Arbeiten“, berichtet Ewerts. „Man setzt sich ins Auto und fährt um die Ecke, da ist das normale Leben.“

Das Ehepaar Wurst will nächste Woche zum ersten Mal seit der Katastrophe wenigstens einen Tag Pause machen von der körperlich und psychisch anstrengenden Arbeit in ihrem beschädigten Fachwerkhaus und das Ahrtal auch mal verlassen. Die Ecke des Hauses aus dem 17. Jahrhundert, die ein in den Wassermassen treibender Gabelstapler weggerissen hat, ist schon repariert. „Es geht langsam weiter“, sagt Bianca Wurst. „Es gibt aber auch immer wieder Rückschläge“, ergänzt ihr Mann bitter.

Nach einer Freistellung seines Arbeitgebers und zwei Wochen Urlaub für die Entkernung des Hauses würde er jetzt auch gerne wieder zurück in seinen Job als Lastwagenfahrer. „Aber ich weiß nicht, ob ich das jetzt überhaupt kann“, sagt er sichtlich mitgenommen.

Vor dem Haus der Wursts inmitten von Schuld sind die Gefahrenstellen soweit beseitigt, dass die beiden Elfjährigen Jason und Ronas mit einem zerbeulten Fahrradanhänger auf dem Kies ein bisschen Ablenkung und Spaß haben können. Jason zeigt stolz die Kleidung, die er von der Bundeswehr geschenkt bekommen hat - sagt aber auch: „Ich fand die Ferien blöd.“ Das neue Schuljahr in der Schule im höhrer gelegenen Adenau beginne aber ganz normal, sagen die beiden.

Jasons Onkel Tim Himmes kommt gerade von seinem Minijob als Kanalreiniger zurück. Denn: „Die Soforthilfe ist eine Nadel im Heuhaufen.“ Der 21-Jährige ist fertig mit der Entkernung der unteren Etage seines Elternhauses, in der er mit seinen Eltern und zwei jüngeren Schwestern wohnt. Bald kann er mit Rigips und Holz eine neue Decke einziehen. „Trocknen, Trocknen, Trocknen“, beschreibt er, was aktuell zu tun ist - und das Abwasserrohr muss repariert werden. Vom Haus bis zur Straße sei das die Aufgabe seiner Familie.

Tim Himmes gehört zu einer Schaustellerfamilie, die schon die Corona-Pandemie hart getroffen hat. „Ich habe sieben Schwestern und zwei Brüder“, erzählt er. Etwa 20 Menschen aus der Großfamilie hätten von den Wurf- und Losbuden sowie dem Karussell gelebt. „Wir haben einen kleinen Rummel.“ Wegen Corona hätten sie aber alles abgemeldet, sagt sein Vater unter Tränen.

Jetzt ist das Meiste in den Fluten zerstört worden, wie das Grundstück und die gesamte Einrichtung im Erdgeschoss auch. Sein Vater könne sich nicht mehr so gut bewegen. „Wir haben ihm ein neues Bett gekauft. Vier Mal hat er darin geschlafen.“ Dann kam die Flut. Tim Himmes zeigt auf den abgerissenen Balkon, erzählt vom zerstörten Wintergarten und dem „wunderschönen Garten“ mit wildem Wein und einem Bogen aus Rosen. „Jetzt glauben viele, hier wäre eine Straße gewesen.“


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