Deutschland

Ehemaliger Diplomat der DDR: "Mit zunehmendem Abstand wächst das Gefühl der moralischen Überlegenheit"

Lesezeit: 6 min
29.08.2021 08:04
Otto Pfeiffer war hochrangiger DDR-Diplomat, unter anderem Botschafter sowie Leiter der Abteilung "Auslandsinformation" im Außenministerium. Im Interview mit DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph gibt er faszinierende Einblicke.
Ehemaliger Diplomat der DDR:
Ein verwitterter Grenzpfosten der DDR in Hötensleben (Sachsen-Anhalt). (Foto: dpa)

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Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Pfeiffer, Sie waren einst ein außenpolitischer Vertreter eines Staates, der nicht mehr existiert. Selbst die politische Ideologie, auf der dieser Staat basierte, gilt heute weitestgehend als desavouiert. Wie fühlen Sie sich?

Otto Pfeiffer: Danke, sehr gut. Vor 30 Jahren war das zugegebenermaßen noch etwas anders. Die plötzliche Arbeitslosigkeit war schon ein schwerer Schlag. Aber mit zunehmendem Abstand wächst das Gefühl der moralischen Überlegenheit, das sich aus meinen Erfahrungen des Umgangs der BRD mit den ehemaligen DDR-Diplomaten speist.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können Sie das näher erläutern?

Otto Pfeiffer: Das diplomatische Corps der DDR ist nach der Wiedervereinigung sehr schändlich behandelt worden. Wir wurden fast alle in die Arbeitslosigkeit entlassen. Insgesamt wurden – so hat es ein Vertreter des Auswärtigen Amts 1993 vor dem Berliner Arbeitsgericht gesagt – nur neun Diplomaten übernommen, und das schließt junge Attachés ein, die sich noch in der Ausbildung befanden. Ich möchte aus einem Artikel zitieren, den ich 1997 veröffentlicht habe: „Für mehr als tausend Menschen mit einer spezialisierten Ausbildung, profunden Länder- und Fremdsprachenkenntnissen sowie internationalen Erfahrungen wurde mit einem Federstrich das berufliche Aus verfügt.“

Im Übrigen geht es nicht nur um die Tatsache der Entlassungen an sich, sondern auch um die Art und Weise, wie sie über die Bühne gingen. Nämlich absolut stillos. Der damalige Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, gab bereits im Mai 1990, also nach dem Mauerfall, aber noch vor der Wiedervereinigung, auf einer Personalversammlung des Auswärtigen Amts bekannt, dass keine DDR-Diplomaten übernommen werden würden. Wir wurden davon nicht etwa offiziell unterrichtet, sondern ich erhielt die schlechte Nachricht von einem Herrn vom Bundespresseamt (das damals noch seinen Sitz in Bonn hatte), der gelegentlich nach Berlin kam.

Das Auswärtige Amt tat allerdings so, als wäre die Übernahme in den Dienst der Bundesrepublik möglich. Man sagte uns, wir sollten uns für Bewerbungsgespräche melden. Das war absolut heuchlerisch, diese Gespräche waren reine Scheinveranstaltungen. Sie dienten nur dazu, uns klar zu machen, dass wir – angeblich – nicht geeignet wären. Rund die eine Hälfte von uns hatte an der „Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft“ in Potsdam-Babelsberg studiert (ich übrigens auch), die andere Hälfte am „Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen“ (IMO). Wir hatten alle eine langjährige Ausbildung durchlaufen, doch sie wurde in der wiedervereinigten Bundesrepublik nicht anerkannt, so dass wir 1990 beim Arbeitsamt offiziell als Ungelernte ohne Berufsausbildung geführt wurden.

So mancher von uns ist dann in einem vollkommen fachfremden Beruf gelandet, einer hat tatsächlich einen Imbiss eröffnet. Der Bahnsteigschaffner vom Bahnhof Berlin Friedrichstraße war allerdings eine Zeitungsente, die alle anderen Blätter anschließend abschrieben. Aber das nur nebenbei.

Unsere angeblich mangelhafte fachliche Eignung wurde unter anderem damit begründet, dass wir Spezialisten waren, keine Generalisten wie die bundesrepublikanischen Diplomaten. Die DDR-Diplomaten waren ausgebildet worden für den Dienst in einer bestimmten Region, deren Sprache sie erlernten – darunter auch solche wie Chinesisch und Japanisch, Hindi und Indonesisch, Suaheli und Amharisch - und in deren Politik, Wirtschaft, Geschichte und Kultur sie umfassend unterrichtet wurden. Die Bundesrepublik setzte dagegen auf den Typ des überall einsetzbaren Diplomaten, des „Wanderers durch alle Welten“, der vor allem Englisch und Französisch sprach.

Schließlich wurde von Seiten des Auswärtigen Amts auch behauptet, eine Wiedereinstellung käme deshalb nicht infrage, weil es keinem westdeutschen Diplomaten zuzumuten sei, einen Ostdeutschen als Vorgesetzten zu haben.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Glauben Sie denn, dass Diplomaten, die einem – je nach Sichtweise - sozialistischen oder kommunistischen System entstammten, die Bundesrepublik im Ausland hätten vertreten können?

Otto Pfeiffer: Selbstverständlich wäre das schwierig geworden. Wenn ich mir erlauben darf, meine Person als Beispiel heranzuziehen: Botschafter der Bundesrepublik Otto Pfeiffer: Nein, das wäre nicht möglich gewesen. Ich hätte auch nicht ins Auswärtige Amt gepasst. Dort waren in einem viel zu hohen Maß Ellenbogen gefragt – ich war an Kollegialität gewöhnt. Aber als Analyst hätte ich arbeiten können, fürs Auswärtige Amt oder für eine andere Institution.

Den Kollegen ist doch bewusst gewesen, dass es für sie keine Zukunft als Diplomaten geben würde. Aber mit ihren Fähigkeiten, Kenntnissen und internationalen Kontakten waren sie für eine Tätigkeit in der Industrie prädestiniert. Tatsache ist, dass der während der Wendezeit gegründete „Verband der Berufsdiplomaten der DDR“ damals bereits mit namhaften Personalberatungs-Gesellschaften in Verbindung stand.

Wie wir von diesen erfuhren, hat Genscher diese Bemühungen sabotiert. Er hat einen vertraulichen Brief an die großen Unternehmen sowie die Industrie- und Handelskammern geschickt, um die Einstellung ehemaliger DDR-Diplomaten zu verhindern.

VW stellte damals einen solchen Diplomaten für sein Werk in Mexiko ein. Dann machte das Unternehmen jedoch einen Rückzieher, obwohl der Vertrag bereits unterschrieben war. Der Mann bekam – ohne je einen Finger für den Konzern gerührt zu haben – sogar eine Abfindung. Aber die Stelle, die bekam er nicht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Warum soll Genscher so etwas getan haben?

Otto Pfeiffer: Ich glaube, dass es schlicht und ergreifend Rache war. Er hatte das Scheitern des Alleinvertretungsanspruchs und der Hallstein-Doktrin miterlebt – die Bundesrepublik hatte es nicht geschafft, die DDR außenpolitisch zu isolieren, im Gegenteil: Sie wurde etwa ab 1970 nach und nach von immer mehr Staaten außenpolitisch anerkannt. Das wertete er als Niederlage.

Übrigens machte sich Genscher auch dafür stark, ehemalige DDR-Diplomaten, die für die Vereinten Nationen arbeiteten, zu entlassen. Doch die UNO hat da nicht mitgespielt. Sie vertrat den Standpunkt: Das sind unsere Leute – da kann der Herr Genscher noch so viel Druck ausüben, wir bleiben stur.

Der ehemalige westdeutsche Diplomat Werner Kilian hat all diese Ereignisse in sehr sachlicher Weise dargestellt (ein sehr interessantes Interview mit Kilian hat die taz geführt – Anm. d. Red.).

Ich will ja auch nicht verhehlen, dass in der DDR vieles falsch gelaufen ist. Aber in Sachen auswärtige Beziehungen kann man ihr nichts vorwerfen – die waren in keiner Weise in irgendeiner Art von Aggressivität geprägt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was kann man der DDR denn vorwerfen?

Otto Pfeiffer: Die Führungsschicht lebte in einer Blase, teilweise weit weg von der Realität. Mein letzter Posten im diplomatischen Dienst war der des Leiters der Abteilung „Auslandsinformation“ beim Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MfAA). Unsere Botschaften informierten uns darüber, wie unsere Propaganda (ein damals gebräuchlicher Begriff; heute würde man wohl PR sagen), im Ausland ankam.

Nun, in bestimmten Fragen gar nicht gut. So wurde der Begriff „antifaschistischer Schutzwall“ in sehr vielen Ländern klar abgelehnt – damit war nun wirklich kein Blumentopf zu gewinnen. Aber das wollten die hohen Herren nicht akzeptieren. „Wenn unsere Diplomaten nicht wissen, was sie zum antifaschistischen Schutzwall zu sagen haben, dann sollen sie zu Hause bleiben“, hieß es. Das war typisch: Es herrschte eine geistige Enge, ein Mangel an Kenntnissen. Man war ja auch nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen. Honecker beispielsweise glaubte, es sei notwendig und gleichzeitig ausreichend, die Forderungen zu erfüllen, die die Menschen in seiner Jugendzeit gestellt hatten: eine Wohnung, ein Arbeitsplatz und genug zu essen. Dass die Ansprüche inzwischen gestiegen waren, war ihm nicht bewusst.

Na ja, und dann wurde das Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit in der Normannenstraße mit der Zeit immer weiter ausgebaut …

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Kommen wir zurück zu Ihrer Tätigkeit als Diplomat. Sie waren Spezialist für den spanischsprachigen Teil der Welt, amtierten unter anderem als Geschäftsträger (also Vertreter des Botschafters bei dessen Abwesenheit) in Spanien sowie als Botschafter in Venezuela. Können Sie uns etwas aus dieser Zeit berichten?

Otto Pfeiffer: Interessant war das Verhältnis beziehungsweise Nicht-Verhältnis zu den diplomatischen Vertretern der Bundesrepublik. Sie beobachteten uns stets mit Argusaugen. So meldete der bundesdeutsche Botschafter, nachdem die DDR und Spanien 1973 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten, pflichtschuldig nach Bonn, dass ich Spanisch spräche. Außerdem beschwerte sich die bundesdeutsche Botschaft einmal beim spanischen Außenministerium, dass ich bei meiner Ankunft zu hochrangig empfangen worden sei. Und zwar vom spanischen Protokoll-Chef, der dort aber gar nicht meinetwegen war, sondern wegen der gleichzeitigen Ankunft des portugiesischen Außenministers – dass wir uns getroffen hatten, war also eher Zufall gewesen.

Bei einem Leichtathletik-Wettbewerb sollte die bundesdeutsche Botschaft einmal verhindern, dass die DDR-Flagge gehisst würde, was ihr jedoch nicht gelang. Der Botschafter konnte aber trotzdem gute Kunde nach Bonn vermelden: Im Stadion sei es windstill gewesen, weshalb die Fahnen schlaff hinuntergehangen hatten und das Staatswappen der DDR nicht sichtbar gewesen sei.

Mein erster bundesdeutscher Kollege in Venezuela war vorher Botschafter in Chile gewesen. Dort hatte die Botschaft der DDR eine wichtigere Rolle gespielt als die der Bundesrepublik – man muss bedenken, dass es die Zeiten des Sozialisten Allende waren. Der BRD-Botschafter hatte also immer versucht, zu unserer Botschaft – selbstverständlich diskret - gute Beziehungen zu pflegen, um an Informationen über das Land zu gelangen. Als er dann in Venezuela war, änderte sich seine Einstellung zur DDR-Botschaft vollkommen – sie war für ihn nicht mehr wichtig. Einmal kam er zu unserem Empfang eine Stunde zu früh, um rechtzeitig wieder aufbrechen zu können.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sie haben viele interessante Persönlichkeiten erlebt und kennengelernt. Gibt es eine, die Sie besonders beeindruckt hat?

Otto Pfeiffer: Ja, und zwar Fidel Castro. Seine rhetorischen Fähigkeiten waren grandios. In meiner Zeit als Presseattaché in Havanna habe ich ihn zwar nie persönlich gesprochen, aber auf einigen Empfängen erlebt.

Er hatte die Gabe, in jeder Situation angemessen zu kommunizieren. Wenn er einer Schule einen Besuch abstattete, war er in der Lage, sich absolut kindgerecht mit den Mädchen und Jungen zu unterhalten. Und als er anlässlich des Todes von Che Guevara die Trauerrede hielt, tat er das wie immer aus dem Stand und absolut druckreif – man konnte sie wortwörtlich ohne Korrekturen veröffentlichen. Das war gesprochene Literatur.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Pfeiffer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person: Otto Pfeiffer (Jg. 1937) studierte Außenpolitik an der „Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft“ in Potsdam-Babelsberg, Fachrichtung Außenpolitik. Als Schwerpunkt hatte er die spanischsprachige Welt gewählt. Von 1959 bis 1990 war er Mitarbeiter des „Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten“ (MfAA) der DDR. Unter anderem war er Presseattaché in Havanna, Erster Sekretär und Geschäftsträger (Vertreter des Botschafters in dessen Abwesenheit) in Madrid, Botschafter in Caracas sowie Leiter der Abteilung Auslandsinformation des MfAA in Ost-Berlin. Nach der Wiedervereinigung wurde er – wie fast alle DDR-Diplomaten – nicht in den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik übernommen. Stattdessen war er bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 1997 bei einem Verein zur Erforschung der Geschichte Berlins sowie einem Kultur-Verein tätig.


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