Finanzen

Ist Bitcoin digitales Gold?

Das Weltwährungssystem gerät zunehmend in Bedrängnis – selbst Gold ist in Verruf geraten. Bitcoin springt in die Bresche und zeigt – trotz seiner noch bestehenden Mängel – durchaus Potenzial.
Autor
16.10.2021 11:02
Aktualisiert: 16.10.2021 11:02
Lesezeit: 4 min
Ist Bitcoin digitales Gold?
Eine Bitcoin-Münze. (Foto: dpa) Foto: Ina Fassbender

Seit einigen Jahren wird Bitcoin von seinen Befürwortern nicht mehr in erster Linie als Kryptowährung angepriesen, sondern eher als „digitales Gold“, das dem eigentlichen Gold nicht nur ebenbürtig, sondern in mancher Hinsicht sogar überlegen sei. Manche wollen Bitcoin gar zur Grundlage eines neuen Weltwährungssystems machen. Mit anderen Worten: Sie wollen in Anlehnung an den traditionellen Goldstandard einen „Bitcoin-Standard“ schaffen.

Wenn Bitcoin „digitales Gold“ sein soll, dann muss es über die entscheidenden vier Eigenschaften des Goldes verfügen, die der griechische Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus im Rahmen einer Abhandlung darüber, was gutes Geld ausmacht, erstmals schriftlich festhielt. Gold erfüllt die vier von Aristoteles vorgebrachten Kriterien und ist demnach sehr gut als Geld einsetzbar – aber auch Bitcoin? Gehen wir die Kriterien durch.

Erstens: Ein gutes Geld sollte beständig sein. Gold ist praktisch unzerstörbar und kann selbst über Jahrtausende gelagert werden, wie die Erfahrung zeigt. Das gleiche gilt für Bitcoin. Denn eine Menge Bitcoin zu besitzen, heißt grob vereinfacht, dass man im Besitz des privaten Schlüssels ist, mit dem man diese Bitcoin im Netzwerk versenden kann. Dieser Schlüssel ist einfach eine Zeichenfolge, die man mit Leichtigkeit bis in alle Ewigkeit sicher lagern kann.

Zweitens: Ein gutes Geld muss teilbar sein, ohne dabei seinen Wert zu verlieren, damit es für unterschiedlich große Transaktionen nutzbar ist. Gold erfüllt dieses Kriterium relativ gut, obgleich das Teilen von Gold Kosten nach sich zieht. Kleinere Goldmünzen sind deshalb deutlich teurer als der Materialpreis. Auch Bitcoin kann in sehr kleine Stückelungen zerlegt werden, was jedoch ebenfalls mit nicht unerheblichen Transaktionskosten verbunden ist.

Zur Teilbarkeit gehört auch, dass bei einem guten Geld eine bestimmte Menge davon gleichwertig mit einer anderen ebenso großen Menge sein muss. Sicherlich gibt es historische Goldmünzen, die mehr wert sind als neu geprägte Münzen. Doch der Wert des Goldes selbst ist nur vom Gewicht abhängig. Bitcoin erfüllt dieses Kriterium nur eingeschränkt. Denn ein Bitcoin ist nicht dasselbe wie ein anderer Bitcoin. Daher werden zum Beispiel neu geprägte Bitcoin zu deutlich höheren Preisen verkauft als ältere Münzen. Und Hacker können ihre erbeuteten Bitcoin oftmals überhaupt nicht verkaufen. Denn das Diebesgut ist in der Blockchain als solches erkennbar und kann von Börsen blockiert werden.

Drittens: Ein gutes Geld muss praktisch sein. Viel Wert muss in ein kleines Paket passen. Bei Gold ist dies offenbar der Fall. Mit zwanzig Kilobarren im Koffer kann man den Gegenwert von einer Million Euro mit sich führen. Bei Bitcoin geht es sogar noch einfacher. Hier kann man etwa einen privaten Schlüssel auf Papier ausdrucken und auf diese Weise viele Milliarden Euro in der Hosentasche mit sich führen. Zudem kann man Beträge über das Internet in alle Welt versenden.

Viertens: Ein gutes Geld muss einen intrinsischen Wert haben. So wurde Gold lange vor seiner Funktion als Geld zur Herstellung von Schmuck und anderen Kunstgegenständen verwendet. Heute findet es zudem im großen Maße auch Anwendung in der Industrie. Bei Bitcoin besteht der intrinsische Wert, wenn überhaupt, nur darin, dass es verwendet werden kann, um Bitcoin-Transaktionen durchzuführen. Mit anderen Worten: Man kann mit Bitcoin – und nur mit Bitcoin – dafür bezahlen, Guthaben in dieser Kryptowährung schnell und sicher rund um die Welt zu versenden. Allerdings sind mithilfe der Bitcoin-Blockchain derzeit im Schnitt nur etwa 7 Transaktionen pro Sekunde möglich, weshalb der intrinsische Wert, wenn überhaupt, wohl eher gering sein dürfte.

Um „intrinsischen Wert“ zu haben, muss zudem die Zunahme der Geldmenge Grenzen haben. So wurden im vergangenen Jahr 3.241 Tonnen Gold abgebaut, wodurch die gesamte Goldmenge auf der Erde um lediglich rund 1,7 Prozent gewachsen ist. Zwar ist die Menge der Bitcoin im letzten Jahr etwas stärker gestiegen (von rund 18,1 auf rund 18,6 Millionen). Doch die Menge der Bitcoin wächst mit der Zeit immer langsamer und ist zudem auf 21 Millionen begrenzt. Bitcoin schneidet hier also noch besser ab als Gold.

Im Hinblick auf die Frage nach einem guten Geld scheitert Bitcoin in seiner derzeitigen Form also zum einen daran, dass nicht alle Münzen den gleichen Wert haben. Das heißt, Bitcoin mangelt es an der sogenannten „Fungibilität“. Zum anderen ist umstritten, inwiefern Bitcoin einen intrinsischen Wert hat. Allerdings könnten Weiterentwicklungen von Bitcoin diese Probleme lösen. Andere Kryptowährungen, darunter vor allem Monero, haben bereits Fungibilität erreicht. Auch seinen intrinsischen Wert kann Bitcoin erheblich steigern, wenn das Problem der Skalierung wirksam gelöst ist. Bitcoin kann also durchaus eines Tages ein „digitales Gold“ werden und somit möglicherweise sogar die Grundlage für ein neues Währungssystem.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
10.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleger wägen SpaceX-Schritt ab, während die Wall Street boomt
09.10.2026

Wie ein überraschender Deal die Kräfteverhältnisse an der Börse nachhaltig verschiebt.