Unternehmen

Billiges Geld und Negativzinsen: Zahl der Zombie-Firmen verdreifacht sich

Lesezeit: 2 min
06.09.2021 15:56  Aktualisiert: 06.09.2021 15:56
Die Entwicklung ist besorgniserregend: Wie aus einer aktuellen Studie von Kearney hervorgeht, agieren immer mehr Unternehmen am Markt, die gar kein operatives Geschäft haben.
Billiges Geld und Negativzinsen: Zahl der Zombie-Firmen verdreifacht sich
In vielen angeschlagenen Firmen sieht es jetzt so aus: Bügel hängen in einem leeren Geschäft. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der Zahl der Unternehmen, die künstlich am Leben gehalten werden, hat sich weltweit in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Das geht aus einer aktuellen Studie der internationalen Beratung Kearney hervor, die sich mit diesen sogenannten "Zombie"-Firmen befasst hat. Nach der Definition der OECD sind das Unternehmen, die seit mehr als zehn Jahren am Markt bestehen und in drei aufeinander folgenden Jahren nicht in der Lage sind, ihre Zinslast aus dem operativen Ergebnis zu decken.

Die Experten von Kearny haben 67.000 börsennotierte Firmen aus 154 Branchen und 152 Ländern hinsichtlich der von der OECD definierten Merkmale untersucht und die Ergebnisse nach Branchen ausgewertet. Der Anstieg fällt in einen Zeitraum, wo das Geld für Kreditfinanzierung immer billiger und Negativ-Zinsen eingeführt worden sind. Diejenigen Unternehmen, die die größte Gruppe darstellen, sind die kleineren Firmen, die einen Jahresumsatz unter 500 Millionen Euro ausweisen.

Im internationalen Vergleich hat die Covid-19-Krise Deutschland und China stärker getroffen als die USA: Die absolute Anzahl der Zombie-Unternehmen in Deutschland und China sind jeweils deutlich angestiegen. Die Automobilbranche ist im Vergleich zu anderen Branchen mäßig stark „zombifiziert“. Deutliche Unterschiede gibt es innerhalb der Wertschöpfungskette: Während die Zahl der Zombie-Zulieferer in den letzten Jahren von einem geringen Niveau aus kommend absolut und relativ stark angestiegen ist, ist die absolute Zahl der Zombie-Autofirmen stabil niedrig seit 2010.

Die Maschinenbaubranche insgesamt weist eine ähnliche Verschlechterung wie die Automobilbranche im Zeitraum 2010-2020 auf. Besonders stark betroffen ist dabei das Segment „Land- und Forstmaschinen“. Der Immobiliensektor ist am stärksten „zombifiziert“: Im Jahr 2020 hatte die Real-Estate-Branche einen fast dreimal so hohen Zombie-Anteil wie die Automobil- oder über zweieinhalbfach so hohen Anteil wie die Maschinenbaubranche.

Der Online-Handel ist stärker „zombifiziert“ als der stationäre Handel (ohne Lebensmittel). Am besten schneidet beim Handel der Lebensmittelhandel ab. Die Anwendung von Stressszenarien zur Simulation eines langfristig gesünderen Zinsniveaus ergab, dass sich bei einem Anstieg des Zinssatzes um den Faktor 1,5 die Anzahl der Zombies weltweit um 19 Prozent, bei einem Zinsanstieg um den Faktor 2 sogar um 39 Prozent erhöhen würde – damit zeigt sich vor dem Hintergrund der aktuell steigenden Zinsen durchaus die Gefahr einer weiteren deutlichen Zunahme von Zombies.

Darüber hinaus snd solche Firmen auch für die intakten Unternehmen nicht ungefährlich. Darauf hat der Fachanwalt für Insolvenzrecht, Norman Häring, im Gespräch mit den DWN hingewiesen: "Die kranken Unternehmen unterwandern den Markt, nisten sich dort ein und sind möglicherweise ein Geschäftspartner der gesunden Firmen. Im ungünstigsten Fall ist es sogar ein Hauptgeschäftspartner, auf den sie sich verlassen. Später, wenn sich die Konjunktur wieder erholt hat, dann kippen diese Firmen hinten runter und sie können Sie, als Geschäftspartner, als gesundes Unternehmen, herunterreißen. Eine solche Geschäftsbeziehung kann auch Ihnen als gesundes Unternehmen den Kopf kosten", sagte der Jurist.

 


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Indiens Raffinerien bezahlen russisches Öl in Dirhams

Die indischen Raffinerien bezahlen den größten Teil ihrer Öl-Importe aus Russland in Dirham, der Währung der Vereinigten Arabischen...

DWN
Deutschland
Deutschland Energie in Deutschland weiter zu teuer, Unternehmen wandern ab

Die Energiepreise in Deutschland mögen sich etwas beruhigt haben. Doch die Deindustrialisierung schreitet voran, Fabriken und...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Chinas Automarken erobern die Welt

In den letzten Jahren sind die chinesischen Autoexporte massiv angestiegen. In wenigen Jahren wird China mehr Autos exportieren als der...

DWN
Politik
Politik Die spektakulären Pleiten der Energie- und Währungspolitik

Der Kampf gegen fossile Brennstoffe treibt immer skurrilere Blüten. Und auch die Geldpolitik der Notenbanken hat nicht den Effekt, den...

DWN
Politik
Politik Medwedew: Mehr US-Waffen bedeuten, „ganze Ukraine wird brennen“

Mehr US-Waffenlieferungen an die Ukraine würden bedeuten, dass „das gesamte Herrschaftsgebiet Kiews brennen wird“, sagte der frühere...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW investiert 800 Millionen Euro in E-Auto-Produktion in Mexiko

Das Werk in San Luis Potosi soll die globale E-Auto-Produktion von BMW massiv verstärken. Doch Mexiko ist nicht das einzige Ziel von...

DWN
Technologie
Technologie Was treibt die Innovation an?

Die Erfindung neuer Technologien ist eine der stärksten Antriebsquellen des Kapitalismus. Doch wie entsteht dieser Prozess? Eine Zeitreise...

DWN
Politik
Politik „Schattenflotte“ für russisches Öl wächst auf 600 Schiffe

Die „Schattenflotte“, die russisches Öl und Ölprodukte transportiert, ist auf 600 Schiffe angewachsen, berichtet einer der größten...