Politik

Weltweit erste gezielte Aktion: Facebook löscht „Querdenker“-Kanäle als „schädliches Netzwerk“

Facebook hat ein neues Verfahren entwickelt, um weltweit „schädliche Netzwerke“ von seiner Plattform zu verbannen. Den ersten Fall hat der Internet-Konzern in Deutschland identifiziert: die umstrittene „Querdenken“-Bewegung. Es sei weltweit die erste gezielte Aktion, die sich gegen eine Gruppierung richte, die eine „koordinierte Schädigung der Gesellschaft“ hervorrufe, sagte Facebook-Sicherheitsmanager Nathaniel Gleicher.
16.09.2021 21:23
Aktualisiert: 16.09.2021 21:23
Lesezeit: 2 min
Weltweit erste gezielte Aktion: Facebook löscht „Querdenker“-Kanäle als „schädliches Netzwerk“
Ein Organisator der Initiative «Querdenken 351» steht vor Beginn eines Autokorso auf dem Veranstaltungsgelände und trägt einen Pullover mit der Aufschrift «Querdenken». Unter dem Motto zur «Wiederherstellung der Demokratie und Grundrechte» fährt der Konvoi nach Großschönau. (Foto: dpa) Foto: Robert Michael

Facebook hat knapp 150 Konten und Gruppen auf seinen Plattformen gelöscht, die der Internetkonzern der umstrittenen Querdenker-Bewegung zuordnet. Es sei weltweit die erste gezielte Aktion, die sich gegen eine Gruppierung richte, die eine „koordinierte Schädigung der Gesellschaft“ (Coordinated Social Harm) hervorrufe, sagte Facebook-Sicherheitsmanager Nathaniel Gleicher am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Betroffen seien auch die Accounts von Querdenken-Gründer Michael Ballweg.

Die Aktion richtet sich gegen „Querdenker“ auf Facebook selbst und Instagram. Nicht betroffen ist der Chatdienst WhatsApp, der ebenfalls zum Facebook-Konzern gehört. Facebook-Manager Gleicher warf den Querdenkern vor, in koordinierter Weise wiederholt gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook verstoßen haben. „Hierzu zählen die Veröffentlichung von gesundheitsbezogenen Falschinformationen, Hassrede und Anstiftung zur Gewalt.“

Facebook hat zudem eine Liste von Webseiten der Querdenker identifiziert, die auf Facebook nicht länger verlinkt werden können: „Wir haben Verlinkungen auf Domains der Querdenken-Bewegung von unserer Plattform entfernt.“

Ballweg kündigte an, gegen die Löschung rechtlich vorzugehen. Insbesondere die Facebook-Seite von „Querdenken711“ mit über 30 000 Abonnenten habe nur Inhalte zu den Themen Grundrechte und Meinungsfreiheit zum Thema gehabt. Man habe sich bereits in den vergangenen Monaten mehrfach gegen ungerechtfertigte Löschungen rechtlich zur Wehr setzen können, sagte er der dpa.

Das „schädliche Netzwerk“ sei von Personen betrieben worden, die mit Gewalt außerhalb der Plattform und anderen „sozialen Schäden“ in Verbindung gebracht würden. An diesen koordinierten Kampagnen seien in der Regel authentische Nutzer beteiligt. „Das sind keine Fake-Profile, sondern echte Menschen, die sich organisieren, um systematisch gegen unsere Richtlinien zu verstoßen und Schaden auf oder außerhalb unserer Plattform anzurichten“, sagte Gleicher.

Die Personen in dem Netzwerk nutzten aber auch doppelte Konten, um verletzende Inhalte zu posten und zu verbreiten. „Querdenken“ konzentriere sich in erster Linie darauf, die Verschwörungserzählung zu fördern, dass die Covid-19-Beschränkungen der deutschen Regierung Teil eines größeren Plans sind, um die Bürger ihrer Freiheiten und Grundrechte zu berauben. „Wie aus den öffentlichen Medien bekannt ist, hat diese Gruppe in Deutschland reale Gewalt gegen Menschen ausgeübt, die im Journalismus, bei der Polizei oder im Gesundheitswesen arbeiten“, heißt es in dem Blogeintrag des Facebook-Managers Gleicher.

Gleicher war zuvor als Direktor für Cybersicherheit im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) der USA unter Barack Obama tätig. Am NSC entwickelte er Richtlinien der US-Regierung zu Schlüsseltechnologie- und Cybersicherheitsherausforderungen, einschließlich Verschlüsselung, Cyber-Abschreckung, Internet-Governance und Netzwerksicherheit, heißt es auf der Webseite des „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS).

Die Anhänger der „Querdenken“-Initiative gehen seit Monaten gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf die Straße. Bei den Demonstrationen in Berlin und anderen Städten kam es auch zu Angriffen auf Polizisten und Medienvertreter. Die Bewegung wird inzwischen von verschiedenen Landesverfassungsschutzämtern beobachtet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Szene als „Sammelbeobachtungsobjekt“ im Visier, ähnlich wie beim Salafismus. Bei der Überwachung können auch geheimdienstliche Mittel eingesetzt werden, sowie Bankkonten und Finanzströme zwischen den Akteuren durchleuchtet werden.

Ende Mai hatte bereits die Video-Plattform Youtube den Kanal „Querdenken 711“ gelöscht. Ein Google-Sprecher warf damals der umstrittenen Gruppierung vor, gegen die Youtube-Richtlinien für Fehlinformationen verstoßen zu haben. Michael Ballweg, Sprecher von „Querdenken 711“, bestritt damals die Vorwürfe und kündigte an, auf eine dezentrale Alternative zu Youtube ausweichen zu wollen. In den sozialen Netzwerken ist Querdenken mittlerweile vor allen auf der Plattform Telegram unterwegs, die selbst extremistische Inhalte nicht löscht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen BYDFi im ausführlichen Test 2026

In deutschsprachigen Krypto-Foren hält sich eine Überzeugung besonders hartnäckig: Börsen ohne KYC-Pflicht sind unseriös, unsicher und...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank-Aktie: Unicredit greift deutsches Geldinstitut scharf an - und fordert strategische Neuausrichtung
20.04.2026

Im Ringen um die Commerzbank verschärft Unicredit den Ton und kritisiert zentrale Strukturen des Instituts. Die Commerzbank-Aktie zeigt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI im Management: Warum Führung unersetzlich bleibt – Tipps von Experte Hilgenstock
20.04.2026

Künstliche Intelligenz verändert Management, Beratung und Mittelstand rasant. Doch ersetzt KI wirklich Führungskräfte – oder...

DWN
Politik
Politik Tankrabatt ab 1. Mai erreicht Verbraucher womöglich verspätet
20.04.2026

Mit dem Tankrabatt plant die Politik sinkende Spritpreise. Doch zwischen Gesetz und Zapfsäule liegen komplexe Mechanismen. Schon einmal...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie unter Druck: Mehrere Belastungsfaktoren zugleich
20.04.2026

Die Volkswagen-Aktie zeigt sich angeschlagen, während externe Risiken und interne Debatten zunehmen. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit...

DWN
Panorama
Panorama Japan: Erdbeben erschüttert den Norden Japans - Warnung vor Tsunami-Welle
20.04.2026

Das jüngste Japan-Erdbeben sorgt für Unruhe und weckt Erinnerungen an vergangene Katastrophen. Ein Tsunami-Alarm wurde ausgelöst,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen QVC-Insolvenz: Teleshopping-Sender steht vor dem Aus - was das für Kunden heißt
20.04.2026

Die QVC-Insolvenz erschüttert die Teleshopping-Branche und stellt ein jahrzehntelang erfolgreiches Geschäftsmodell infrage. Während der...

DWN
Finanzen
Finanzen Straße von Hormus: Nahost-Konflikt treibt Ölpreis aktuell kräftig nach oben, Aktienfutures unter Druck
20.04.2026

Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten eskalieren erneut und treiben die Ölpreise aktuell kräftig nach oben, während Aktienfutures...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland: Erzeugerpreise gehen kaum noch zurück - Iran-Krieg zeigt Folgen
20.04.2026

Kaum sinkende Erzeugerpreise und zugleich steigende Energiepreise: Die aktuellen Daten aus Deutschland deuten auf eine veränderte Lage...