Politik

Zehn Jahre nach dessen Tod: Libyer wünschen sich einen neuen Gaddafi

Nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis vor zehn Jahren versank Libyen in einem Bürgerkrieg. Heute ist al-Gaddafis Sohn der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat.
19.10.2021 11:54
Aktualisiert: 19.10.2021 11:54
Lesezeit: 2 min

Zehn Jahre nach dem Tod von Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi sehnen sich viele Libyer nach der Stabilität seiner Langzeitherrschaft zurück. Der jahrelange Bürgerkrieg und Existenznöte haben die Bevölkerung zermürbt. Al-Gaddafi sei einst der Garant für eine prosperierende Wirtschaft und die Einheit des ölreichen Landes gewesen, sagt Günter Meyer, der das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz leitet.

Unter al-Gaddafi genossen Libyer einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Doch gegen seine Kritiker ging er hart vor. Am 20. Oktober 2011 spürten Milizionäre den nach seinem Sturz untergetauchten Machthaber auf. Sie folterten und erschossen al-Gaddafi in dessen Heimatstadt Sirte. Aufnahmen vom blutüberströmten Körper des 69-Jährigen gingen damals um die Welt.

Viele Libyer feierten das Ende der knapp 42 Jahre langen Herrschaft al-Gaddafis frenetisch. Der Weg für demokratische Wahlen schien frei. Doch es sollte anders kommen. Die Rebellen verstrickten sich in Konflikte, Libyen versank in einen Bürgerkrieg. Erst in diesem Frühjahr wurde unter UN-Vermittlung eine Übergangsregierung gebildet. Sie löste die international anerkannte Regierung mit Sitz in Tripolis sowie die Gegenregierung im Osten des Landes ab. Am 24. Dezember sollen die Libyer dann eine neue legitime Regierung wählen.

Seit einem Jahr herrscht eine Waffenruhe. Die Sicherheitslage im Land ist aufgrund der vielen schwerbewaffneten Milizen und ausländischen Kämpfer aber weiterhin angespannt, sagt Meyer. Noch viel mehr junge Libyer als zu al-Gaddafis Zeiten fänden heute keine Arbeit und die Korruption habe inzwischen ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht. «Deshalb ist es nur zu verständlich, dass sich ein immer größerer Teil der libyschen Bevölkerung eine Rückkehr zu den früheren stabilen Verhältnissen unter einem starken Führer wie Gaddafi wünscht.»

Auch andere Experten glauben das angesichts der Rückschläge für die Menschen in den vergangenen Jahren. Einige Libyer seien der Ansicht, dem Land sei es unter al-Gaddafi besser gegangen, zitierte die Deutsche Welle etwa kürzlich den Politologen Tim Eaton vom Londoner Thinktank Chatham House. Sogar manch ein früherer Gegner von al-Gaddafi sei inzwischen dieser Meinung.

Vielleicht erklärt dies die Popularität von al-Gaddafis Sohn Saif al-Islam. Er ist laut jüngsten Umfragen der aussichtsreichste Kandidat bei einer möglichen Präsidentschaftswahl. Er könne zwar vom Ansehen seines Vaters profitieren, glaubt Meyer. Weil er 2011 die brutale Niederschlagung von Protesten gegen seinen Vater unterstützt hat, wird al-Islam allerdings vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen gesucht. «Vor diesem Hintergrund und angesichts der politischen Zerrissenheit des Landes ist nicht zu erwarten, dass der Sohn die Chance bekommt, als Präsident Libyens und neuer starker Mann in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.» Ob die Wahlen tatsächlich wie geplant bald stattfinden werden, ist unklar.

Meyer hält ein vereintes Libyen aufgrund der tiefen Spaltung des Landes auch unter einem starken und autokratischen Herrscher für unwahrscheinlich. Ein föderaler Staat mit einem westlichen, östlichen und südlichen Landesteil sei für das Land künftig eine gute Lösung. «Nicht auszuschließen ist aber auch die endgültige Teilung.»

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...

DWN
Finanzen
Finanzen Sollte ich US-Banken kaufen? Warum ich Citigroup und Wells Fargo genauer prüfe
14.10.2026

Nach der starken Rally ist bei US-Bankaktien Ernüchterung eingekehrt. Gleichzeitig steigen die Gewinne vieler Institute weiter. Für mich...

DWN
Technologie
Technologie Kühlschränke im Auftaumodus: Cyberangriff stört Kühlanlagen französischer Handelsketten
14.10.2026

Eine Cyberattacke störte die Funktion von Kühlschränken mehrerer französischer Handelsketten. Lebensmittel müssen weggeworfen werden -...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung liegt auf Eis: Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin
14.10.2026

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Chefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer...

DWN
Immobilien
Immobilien Nach Fehlstart: „Jung kauft Alt“ wird massiv aufgestockt – lohnt sich die Eigenheimförderung?
14.10.2026

Bis zu 40.000 Euro mehr Kredit, Zinsen weit unter Marktniveau und lockerere Sanierungsvorgaben: Nach schwachem Start bessert der Bund bei...