Finanzen

Hyperinflation macht erfinderisch: Venezolaner nutzen Goldstücke als Geld

Vor dem Hintergrund einer extremen Geldentwertung helfen sich viele Venezolaner mit verschiedenen Alternativen. So werden im Südosten Venezuelas Goldstücke zum Bezahlen genutzt.
30.10.2021 00:13
Aktualisiert: 30.10.2021 00:13
Lesezeit: 2 min
Hyperinflation macht erfinderisch: Venezolaner nutzen Goldstücke als Geld
Gold-Nuggets liegen auf einer kleinen Waage. (Foto: dpa) Foto: Girlie Linao

Angesichts der extremen Geldentwertung hat die venezolanische Regierung Anfang August bei der Landeswährung Bolívar sechs Nullen gestrichen. Der neue Bolíviar Digital gilt seit dem 1. Oktober. Die Änderung verändere nicht den Wert der Währung, mache aber die Handhabung einfacher. Natürlich wird die Streichung von sechs Nullen die Inflation im Land nicht bremsen, da die neuen Geldscheine genauso billig gedruckt werden können wie die alten.

Venezuela steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Ölförderung im Land mit den größten Reserven der Welt ist auf den niedrigsten Stand seit mindestens 80 Jahren gesunken. Angesichts der humanitären Krise haben rund 5,6 Millionen Venezolaner ihre Heimat verlassen. Der Bolivar hat allein im laufenden Jahr 2021 bereits 73 Prozent seines Wertes verloren, und der IWF schätzt, dass die jährliche Inflationsrate bis Ende des laufenden Jahres extreme 5.500 Prozent erreichen wird.

Der 1-Million-Bolivar-Schein mit dem höchsten Nennwert wurde durch einen Ein-Bolivar-Schein ersetzt. Gleichzeitig wurde ein neuer 100-Bolivar-Schein im Wert von etwa 20 Euro als neue höchste Stückelung des Bolivars eingeführt. Mit der Währungsumstellung wollte die Regierung die Ausgabe eines 100-Millionen-Bolivar-Scheins vermeiden. Denn von den alten Scheinen brauchten die Bürger schon ganze Bündel, nur um alltägliche Dinge zu kaufen. So war etwa der Preis für ein Brot auf rund 7 Millionen alte Bolivars angestiegen.

Viele Venezolaner haben den Bolivar längst aufgegeben, und zwar nicht nur als Tauschmittel, sondern auch als Rechnungseinheit oder gar als Geldanlage. In der Hauptstadt Caracas und in anderen Großstädten ist der US-Dollar das bevorzugte Tauschmittel, während entlang der Grenze zu Kolumbien der kolumbianische Peso dominiert, insbesondere in der Regionalstadt San Cristobal. Und an der südlichen Grenze zu Brasilien ist der brasilianische Real gebräuchlich. Selbst der Euro und Kryptowährungen kommen zur Anwendung.

Besonders kurios ist die spontane Entstehung einer reinen Goldwährung in einer abgelegenen Region im Südosten Venezuelas, über die Bloomberg berichtet. Die Region um die Städte Tumeremo und El Callao ist reich an Edelmetallerzen und lockt seit langem Schürfer und Bergleute an, die hier ihr Glück suchen. Heute jedoch werden viele der größeren Minen vom venezolanischen Militär kontrolliert, das zudem gegen lokale Banden und Guerillas kämpft.

Trotz der Gewalt und der Gesetzlosigkeit strömen arbeitslose Venezolaner aus nah und fern in die Region, um in den florierenden illegalen Minen zu arbeiten und sich dafür mit Goldnuggets bezahlen zu lassen. Infolgedessen sind Goldplättchen, die mit Handwerkzeugen aus den rohen Nuggets herausgeschält werden, zur bevorzugten Währung in der Region geworden, wobei die Preise für Waren und Dienstleistungen in Gramm Gold angegeben werden.

Für ein halbes Gramm Gold erhält man zum Beispiel eine Übernachtung im Hotel, ein Essen für zwei Personen in einem chinesischen Restaurant kostet ein Viertel ein Haarschnitt ein ein Achtel Gramm Gold. Die Menschen haben die Goldplättchen einfach in der Tasche und wickeln sie in der Regel in die praktisch wertlosen alten Bolivar-Banknoten ein. Zwar verfügen einige Geschäfte über Waagen, um die Goldplättchen zu wägen. Doch die meisten Käufer und Verkäufer sind so vertraut damit, dass sie das Gewicht nach Augenmaß bewerten können.

So einigten sich dem Bericht zufolge zum Beispiel ein Friseur und sein Kunde, dass der Haarschnitt drei Goldplättchen von einem Achtel Gramm kosten soll, das entspricht knapp 6 Euro. Auch in den nahe gelegenen Städten wie der Regionalhauptstadt Ciudad Bolivar dringt das Gold allmählich in den Handel ein, da die Geschäfte in den Einkaufszentren das Gold gerne von Bergleuten annehmen, die ihr verdientes Gold gern gegen US-Dollar eintauschen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Verpackungsverordnung: Neue Bürokratie macht Exporte unrentabel
08.10.2026

Ein paar Kartons, wenige Gramm Plastik und plötzlich Hunderte Meldepflichten: Die neue EU-Verpackungsverordnung stellt kleine Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
08.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie: Diese Geldmaschine schlägt alle anderen Chipkonzerne
08.10.2026

Nvidia verdient mit dem KI-Boom so viel wie kaum ein anderes Unternehmen der Welt. Auf das eingesetzte Kapital erzielt der Chipkonzern...

DWN
Panorama
Panorama Heereschef warnt: Russland baut Streitkräfte massiv aus
08.10.2026

Russland baut seine Streitkräfte weiter aus und steigert zugleich die Produktion von Drohnen und Raketen. Heeresinspekteur Christian...

DWN
Politik
Politik Europäischer Rechnungshof schlägt Alarm: Milliarden bei EU-Geldern fehlerhaft
08.10.2026

Milliarden Euro fließen jedes Jahr aus dem EU-Haushalt – doch ein erheblicher Teil davon wird nicht vorschriftsgemäß ausgegeben. Der...

DWN
Politik
Politik TotalEnergies-Chef: „Ich bevorzuge eine Welt in Unruhe“
08.10.2026

Der Krieg zwischen Iran und Israel hat die Energiemärkte durcheinandergebracht und TotalEnergies zugleich hohe Gewinne beschert....

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Warum ich bei der Moderna-Aktie trotz 130 Prozent Kurssprung noch genau hinschaue
08.10.2026

Die großen Gewinner der ersten Jahreshälfte geraten ins Hintertreffen, während plötzlich Pharma-, Energie- und Industriewerte die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Berufestudie: Viele Menschen arbeiten nur noch fürs Geld
08.10.2026

Wer sich mit seiner Arbeit identifiziert, ist in der Regel motiviert bei der Sache. Doch laut einer neuen Umfrage empfindet eine steigende...