Unternehmen

Impfung oder Entlassung: Für viele Arbeitnehmer in den USA tickt die Uhr

Viele US-Konzerne wollen ihre ungeimpften Mitarbeiter zum 8. Dezember entlassen, darunter auch Mercedes-Benz. Nicht immer spielt dabei der staatliche Druck eine Rolle.
03.11.2021 15:46
Lesezeit: 2 min
Impfung oder Entlassung: Für viele Arbeitnehmer in den USA tickt die Uhr
Städtische Angestellte demonstrierten letzte Woche vor dem Amtssitz des Bürgermeisters von New York City gegen die Corona-Impfpflicht. Doch die gilt bald auch in der Privatwirtschaft. (Foto: dpa) Foto: Jeenah Moon

Die Zeit wird knapp für US-Unternehmen, die öffentliche Aufträge ergattern wollen: Sie müssen auf Anordnung von Präsident Joe Biden bis zum 8. Dezember ihre Belegschaft vollständig gegen Corona immunisiert haben. Das heißt, die Zweit-Impfung muss zwei Wochen vor Fristablauf erfolgt sein.

Für die Unternehmen tickt also die Uhr, obwohl die Biden-Regierung signalisiert hat, dass die Firmen nicht sofort ungeimpfte Arbeitnehmer entlassen müssen, die die Frist versäumen. Gewerkschafter fürchten dennoch den Verlust tausender Arbeitskräfte und ein Abflachen der ohnehin schleppenden Wirtschaftserholung.

So sind etwa in Wichita im Bundesstaat Kansas die Hälfte der rund 10.000 Beschäftigten der Flugzeugunternehmen Textron und Spirit AeroSystems ungeimpft. "Wir werden dadurch viele Mitarbeiter verlieren", kritisiert Cornell Beard, Gewerkschaftsvertreter von Spirit AeroSystems. Viele Arbeiter hätten keine Einwände gegen die Impfstoffe, lehnten aber jede Einmischung der Regierung bei ihre persönlichen Gesundheitsentscheidungen ab. Sein Gewerkschaftsbezirk hat einen Anwalt engagiert, um Mitarbeiter bei der Vorbereitung möglicher Klagen gegen die Unternehmen zu unterstützen, sollten medizinische oder religiöse Ausnahmen gegen die Impf-Pflicht abgelehnt werden.

Biden hat angesichts der wieder aufflammenden Corona-Infektionen Impfgegnern den Kampf angesagt. Er hat angeordnet, dass alle Mitarbeiter der Bundesregierung geimpft sein müssen und auch Angestellte von Firmen, die für die Bundesregierung arbeiten. Die neuen Maßnahmen werden für etwa zwei Drittel aller US-Beschäftigten gelten. Die Anordnung hat vor allem in den von Republikanern regierten Bundesstaaten Proteste ausgelöst.

In den USA sind etwa 193 Millionen der insgesamt rund 328 Millionen Bürger vollständig geimpft, etwa 222 Millionen mindestens einmal.

Etliche große Arbeitgeber haben bereits eine Covid-Impfpflicht für ihre Mitarbeiter angeordnet - etwa Procter & Gamble und 3M sowie die Fluggesellschaften American Airlines und JetBlue.

Aber auch Mercedes-Benz in den USA hat eine Impfung als Beschäftigungsbedingung verfügt, obwohl der Konzern kein Regierungs-Auftragnehmer ist. "Wir gehen davon aus, dass die überwiegende Mehrheit unserer Mitarbeiter vor Ablauf der Frist einen Impfnachweis vorlegen wird", teilte das Unternehmen mit.

Der Waffenhersteller Raytheon hat bereits gewarnt, das Unternehmen könnte wegen der Vorgabe tausende Mitarbeiter verlieren. Eine Gruppe um die Frachtdienstleister FedEx und UPS erklärte, es sei praktisch unmöglich, alle Mitarbeiter fristgerecht impfen zu lassen.

Viele Rechtsexperten sind der Auffassung, dass eine Impfpflicht im Interesse der öffentlichen Gesundheit und damit legal ist. Das Oberste US-Gericht hat bereits mehrere Klagen gegen die Impf-Verordnung abgelehnt, auch wenn religiöse Gründe genannt wurden. Bei Boeing in den USA haben mehr als 7000 Arbeitnehmer dies ins Feld geführt, um eine Impfung zu umgehen, sagten Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Weitere 1000 wollten sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen. Das wären zusammen rund sechs Prozent der rund 125.000 Mitarbeiter des US-Flugzeugbauers.

Vor einigen Tagen hatten sich knapp drei Dutzend Boeing-Beschäftigte bei strömenden Regen vor dem Werk in Auburn versammelt. Sie erklärten, sich am 8. Dezember lieber vom Grundstück des Flugzeugbauers eskortieren zu lassen, als sich impfen zu lassen. Einige sagten, sie würden ihren vorzeitigen Ruhestand planen.

"Das Vorhaben ist illegal, unmoralisch und unpraktisch", sagte ein Boeing-Mitarbeiter zu der Impf-Pflicht. "Wir stehen zusammen gegen ein Unternehmen und eine Regierung, die unsere Rechte mit Füßen treten." Für das Boeing-Management ist die Lage verzwickt: Der Konzern könnte Fachkräfte verlieren, muss aber einer präsidialen Anordnung nachkommen.

Der Gewerkschafter Beard von Spirit Aerosystems hat schon seine Schlüsse aus Bidens Anordnung gezogen. Bislang, so sagt er, habe er immer die Demokraten gewählt. Aber das sei jetzt vorbei. "Sie werden nie wieder meine Stimme bekommen und ich sage das auch den Arbeitern hier."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

DWN
Finanzen
Finanzen Unser neues Magazin ist da: Steigende Zinsen, nervöse Börsen – Chancen für Ihr Kapital
16.10.2026

Das eigene Vermögen soll Sicherheit geben. Doch steigende Zinsen und nervöse Märkte machen derzeit Anlageentscheidungen schwieriger. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF-Warnung: Warum der KI-Boom eine neue Krise auslösen könnte
16.10.2026

Die Weltwirtschaft wächst, doch unter der Oberfläche braut sich eine gefährliche Mischung zusammen: Staaten häufen Rekordschulden an,...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose: Einer der größten Käufer beginnt zu verkaufen
16.10.2026

Jahrelang kauften Zentralbanken Gold in außergewöhnlichem Umfang. Nun schlägt mit Kasachstan einer der größten Käufer einen anderen...

DWN
Politik
Politik Deal um Verbrenner-Aus: Deutschland und Frankreich vor Einigung?
16.10.2026

Deutschland setzt sich dafür ein, dass weiter Neuwagen mit Verbrennungstechnologie zugelassen werden können. Frankreichs Präsident...

DWN
Politik
Politik Frühstartrente: Bundestag entscheidet über zehn Euro für Kinder
16.10.2026

Mit der Frühstartrente will der Staat Kindern monatlich zehn Euro für ein langfristiges Aktiendepot geben. Wer zuerst von der...

DWN
Politik
Politik Wer ist wer in den Kriegen im Nahen Osten
16.10.2026

Zehn Punkte zu Staaten, Rebellen und politischen Gruppen, die für Kriege, Lieferwege und Energiepreise entscheidend sind.

DWN
Politik
Politik Energiewende: CO2-Preis soll stabil bleiben im nächsten Jahr
16.10.2026

Der CO2-Preis, der Heizen und Tanken teuer macht, soll mit dem Jahreswechsel nicht steigen. Das soll Verbraucher vor Preissprüngen...

DWN
Finanzen
Finanzen Unicredit: EZB genehmigt Übernahme von Commerzbank-Anteilen
16.10.2026

Seit zwei Jahren pirscht sich die Unicredit an die Commerzbank heran. Mit einem Übernahmeangebot im Sommer verfehlte sie eine Mehrheit nur...