Politik

Die Macht des Faktischen: Merkel telefoniert mit einem Präsidenten, den sie nicht als solchen anerkennt

Die Bundesregierung erkennt Lukaschenko nicht als Präsidenten von Weißrussland an, muss aber mit ihm verhandeln.
18.11.2021 11:00
Lesezeit: 2 min
Die Macht des Faktischen: Merkel telefoniert mit einem Präsidenten, den sie nicht als solchen anerkennt
Alexander Lukaschenko, Präsident von Weißrussland, trifft zu einen offiziellen Besuch mit dem österreichischen Bundespräsidenten ein.. (Foto: dpa) Foto: Hans Punz

Die Bundesregierung erkennt die Legitimität von Alexander Lukaschenko als Präsident von Weißrussland nicht an, hält aber Gespräche mit ihm für wichtig, um Migranten humanitäre Hilfe zu leisten, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in einem Briefing.

„Um diese alarmierende humanitäre Situation für Tausende von Menschen zu verbessern, ist es sinnvoll, mit denen in Minsk zu sprechen, die die Möglichkeit haben, die Situation zu ändern, auch wenn es sich um den Herrscher handelt, dessen Legitimität von Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht anerkannt wird“, zitiert die staatliche russische Nachrichtenagentur „Tass“ Seibert.

„Deshalb telefonierte die Kanzlerin mit Lukaschenko - um humanitäre Wege zu finden, um beispielsweise den Zugang zum Büro des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge zu sichern. Sie hat dieses Gespräch in enger Abstimmung mit der Europäischen Kommission und nach Einholung von Informationen wichtiger Partner in der Region geführt“, betonte er.

Er machte Minsk erneut für die Situation verantwortlich und betonte, dass Deutschland die Position der Europäischen Union zur Migrantenkrise und verschärften Sanktionen gegen Weißrussland unterstütze.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hat das Telefonat von Merkel mit dem belarussischen Präsidenten gegen Grünen-Vorwürfe verteidigt. Es sei „notwendig, gerade auch in Krisenzeiten die Gesprächsdiplomatie zu suchen“, sagte Dobrindt am Dienstag in Berlin. Er gehe ohne es zu wissen davon aus, dass Merkel „Lukaschenko auch klar die möglichen Konsequenzen seines Handelns in diesem Telefongespräch aufgezeigt hat“. Dies sei der Sinn eines solchen Gesprächs.

Der außenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Omid Nouripour, hatte Merkel zuvor scharf für ihr Telefonat mit Lukaschenko kritisiert. Er finde es „verheerend, dass Frau Merkel mit ihm telefoniert hat“, sagte er im Deutschlandfunk. Mit dem Telefonat habe Merkel einen Beitrag dazu geleistet, dass die Wahl Lukaschenkos anerkannt und legitimiert werde, zitiert ihn die „SZ“.

Merkel hatte angesichts der immer größer werdenden Not von mehreren Tausend Migranten an der EU-Außengrenze zwischen Polen und Belarus am Montag mit Lukaschenko telefoniert. Es sei bei dem Telefonat um „die schwierige Situation an der Grenze zwischen Belarus und der Europäischen Union“ gegangen, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Ungeachtet der Kritik hatte die geschäftsführende Bundeskanzlerin am Mittwoch dann erneut mit Lukaschenko telefoniert. Nach Angaben von Seibert haben Merkel und Lukaschenko weitere Gespräche vereinbart. Es war das erste Mal seit der umstrittenen Präsidentenwahl im August vergangenen Jahres in Belarus, dass Merkel mit Lukaschenko sprach.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nvidia-Chef Huang auf dem WEF in Davos: Hier könnte Europa an den USA vorbeiziehen – „einmalige Chance“
21.01.2026

Europas starke industrielle Basis verschafft dem Kontinent eine einmalige Chance, die Vorteile der Künstlichen Intelligenz (KI) gezielt zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zolldeal mit USA auf Eis: EU-Parlament reagiert auf Trump
21.01.2026

Der EU-Zolldeal gerät plötzlich ins Wanken: Das Europäische Parlament stoppt zentrale Arbeiten, nachdem neue Drohungen aus Washington...

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktienkurs springt an: Jetzt zählen die Intel-Zahlen
21.01.2026

Nach einer starken Rally erreichen die Intel-Aktien den höchsten Stand seit Jahren. Doch vor den anstehenden Quartalszahlen wächst die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BDI warnt: Deutsche Industrie zwischen Stillstand und Hoffnungsschimmer
21.01.2026

Deutschlands Industrie ringt um den Ausweg aus einer zähen Krise, während neue US-Zölle drohen und die Stimmung fragil bleibt. Auch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Weltwirtschaftsforum Davos: JP Morgan-Chef Dimon weicht Fragen zu Trumps Außenpolitik aus
21.01.2026

JP Morgan-Chef Jamie Dimon sagt, die USA hätten recht, Europa unter Druck zu setzen, seine Verteidigungsfähigkeit auszubauen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Boris Vujčić wird EZB-Vizepräsident: Ein neuer Akteur in der Führungsebene
21.01.2026

Die Europäische Zentralbank steht vor einer Phase tiefgreifender personeller und strategischer Weichenstellungen. Welche Bedeutung kommt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercosur-Abkommen gestoppt: Europaparlament bringt Mercosur-Deal vor Gerichtshof
21.01.2026

Am Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten gibt es viel Kritik. Das Europäische Parlament lässt den Deal jetzt vom obersten...

DWN
Politik
Politik Kommt die Zuckersteuer? Leopoldina: Deutschland würde von Zuckersteuer profitieren
21.01.2026

Andere Länder haben mit einer Zuckersteuer bereits gute Erfahrungen gemacht. Experten der Akademie der Wissenschaften ermuntern zur...