Finanzen

Aktienkauf auf Pump steigt sprunghaft an, erreicht Rekordhoch

Die Kredite zum Aktienkauf haben sich seit März letzten Jahres etwa verdoppelt. Die überaus hohe Risikobereitschaft der Kleinanleger kann schnell in einen Teufelskreis führen.
19.11.2021 14:00
Lesezeit: 3 min
Aktienkauf auf Pump steigt sprunghaft an, erreicht Rekordhoch
Margin Debt treibt die Börsen nach oben - und bringt zugleich das Risiko eines massiven Crashs. (Foto: dpa) Foto: Brendan McDermid

Ein großer Teil der Kreditaufnahme zur Finanzierung von Aktienkäufen - auch Hebelung oder Margin Debt genannt - findet im Verborgenen statt, nämlich auf bei institutionellen Investoren wie Banken und Hedgefonds. In der Regel erfährt die Öffentlichkeit erst in Nachhinein von großen Trades mit Hebelwirkung, wenn diese im großen Stil fehlschlagen.

So hat DWN-Autor Ernst Wolff im Frühjahr über den Fall Archegos berichtet. Der spektakuläre Crash des Hedgefonds war die Folge starker gehebelter Wetten. Archegos hatte sich von mehreren Großbanken hohe Geldsummen geliehen hatte, um auf Aktien des Konzerns ViaComCBS zu wetten. Infolge der Hebelung reichte ein größerer Kurssturz bei ViaComCBS, um den Hedgefonds in die Knie zu zwingen.

Doch auch wenn die Kreditaufnahme zur Finanzierung von Aktienkäufen in der Regel im Verborgenen stattfindet, so existieren doch recht aussagekräftige Daten. Jeden Monat veröffentlicht die US-Wertpapieraufsicht FINRA die Höhe der Margin-Schulden der Makler. Und demnach sind Margin-Schulden am Aktienmarkt im Oktober auf ein neues Allzeithoch von 936 Milliarden Dollar angestiegen.

Allein gegenüber dem Vormonat September ist der Umfang der Kredite zur Finanzierung von Aktienkäufen um 33 Milliarden Dollar angestiegen, wie der Analyst Wolf Richter auf dem Finanzblog WOLF STREET berichtet. Im Vergleich zum Vorjahresmonat beträgt der Anstieg sogar rund 277 Milliarden Dollar. Die Margenverschuldung ist im Jahresvergleich um 42 Prozent und innerhalb der letzten zwei Jahre um 66 Prozent gestiegen.

In Anbetracht der Tatsache, dass der Dollar im Verlauf der letzten 20 Jahre stark an Wert verloren hat, ist in der Grafik oben nicht der absolute Anstieg der Dollarbeträge von Bedeutung, sondern der steile Anstieg der Margenverschuldung vor den Börsencrashs der Jahre 2000 und 2007 - und der aktuelle starke Anstieg seit dem Markteinbruch im März 2020.

Drohender Crash wegen Margin Calls

Wolf Richter weist darauf hin, dass die hohe Verschuldung am Aktienmarkt keinen Hinweis darauf gibt, wann der Markt möglicherweise einbrechen wird. "Sie sagt jedoch voraus, dass es, wenn der Markt stark genug fällt, zu massiven Zwangsverkäufen kommen wird, da Nachschussforderungen gestellt werden und fremdfinanzierte Anleger Aktien verkaufen müssen, um ihre Nachschussforderungen zu begleichen."

Diese Notverkäufe drücken in der Folge die Aktienkurse weiter nach unten, was wiederum weitere Zwangsverkäufe auslöst. Es kommt zum Teufelskreis. "Das ist der Grund, warum Leverage ein Risiko für die Finanzstabilität darstellt. Und deshalb spricht die Fed in ihren Berichten zur Finanzstabilität immer wieder über Leverage", schreibt Richter.

Für viele Investoren machen die anhaltend niedrigen Zinsen den Aktienkauf auf Pump weiterhin attraktiv. Die Politik der Federal Reserve ist somit entscheidend mitverantwortlich für die Entwicklung. "Margin Debt ist der große Beschleuniger auf dem Weg nach oben, da geliehenes Geld auf den Markt kommt und neuen Kaufdruck erzeugt", so Richter.

Umgedreht ist ein hoher Verschuldungsgrad an den Aktienmärkten eine der Voraussetzungen für einen massiven Ausverkauf an den Börsen. Ohne eine hohe Verschuldung ist ein massiver Ausverkauf kaum möglich. Denn die Investoren werden dann nicht durch fallende Kurse zum Verkauf gezwungen, sondern können die Verkäufe beenden, wenn der Preis weit genug gefallen ist.

Hohe Risikobereitschaft wird zum Problem

In ihrem letzten Finanzstabilitätsbericht warnt die Fed vor einer hohen Hebelwirkung insbesondere bei jungen Aktienanlegern. "Der durchschnittliche Verschuldungsgrad jüngerer Privatanleger ist mehr als doppelt so hoch wie der aller Anleger, wodurch diese Anleger potenziell anfälliger für starke Schwankungen der Aktienkurse sind, da sie eine größere Schuldendienstlast haben", heißt es.

"Darüber hinaus wird diese Anfälligkeit noch verstärkt, da die Anleger jetzt zunehmend Optionen einsetzen, die oft die Hebelwirkung erhöhen und Verluste verstärken können", so die Fed. Optionen sind Finanzprodukte, mit denen sich der Käufer die Möglichkeit sichert, ein Finanzprodukt zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu einem festgelegten Preis zu kaufen. Bei Kursanstiegen macht der Anleger dabei Gewinn.

Eine hohe Hebelwirkung ist ein Zeichen für eine hohe und wachsende "Risikobereitschaft", wie die Fed es nennt. Und was die Risikobereitschaft dieser Anleger und ihr Vertrauen in die sozialen Medien angeht, so warnt der Bericht: "Ein potenziell destabilisierendes Ergebnis könnte sich ergeben, wenn die erhöhte Risikobereitschaft der Kleinanleger rasch auf ein moderateres Niveau zurückgeht", so die Fed.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Bremer Immobilienmarkt unter Druck: Strategien für Käufer und Verkäufer im aktuellen Zinsumfeld

Der Immobilienmarkt in Bremen befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Nach Jahren des kontinuierlichen Preisanstiegs...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 19 Prozent auf alles?: Ifo-Chef plädiert für höhere Mehrwertsteuer
06.08.2026

Teurere Lebensmittel – und dafür eine Gutschrift vom Staat für Menschen mit geringen Einkommen? Das schlägt ein führender deutscher...

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank-Aktie: Rekordgewinn stärkt Position im Übernahmekampf mit Unicredit
06.08.2026

Mit steigenden Gewinnen wollte die Commerzbank-Aktie ihre Unabhängigkeit untermauern. Die jüngste Zwischenbilanz fällt positiv aus. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Auswanderung geplant? Diese Steuerfallen sollten Sie kennen
06.08.2026

Ein Leben im Ausland klingt nach Freiheit und neuen Perspektiven. Doch vor dem Abschied verlangt der Fiskus oft noch seinen Anteil. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-Aktie enttäuscht Anleger: Rekordumsatz reicht nicht mehr
06.08.2026

SpaceX meldet einen spektakulären Umsatzsprung, doch an der Börse kippt die Stimmung. Die gigantischen KI-Ausgaben stellen den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrie legt zu: Rhein wird zum Konjunkturrisiko
06.08.2026

Die kriselnde deutsche Industrie hat im Juni überraschend viele Aufträge an Land gezogen. Doch das Niedrigwasser im Rhein entwickelt sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Telekom-Aktie legt zu: Mehr Geld für Aktienrückkäufe
06.08.2026

Die Telekom-Aktie startet nach starken Quartalszahlen und einem deutlich ausgeweiteten Aktienrückkaufprogramm mit Rückenwind in den...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie verliert Rückenwind nach F126-Aus
06.08.2026

Das Aus für das milliardenschwere F126-Projekt zwingt Rheinmetall zu einer Korrektur der Umsatzprognose. Trotz der niedrigeren Erwartungen...

DWN
Finanzen
Finanzen Siemens-Aktie profitiert: Rekord bei den Aufträgen
06.08.2026

Der Auftragseingang erreicht einen Rekordwert. Auch bei der geplanten Trennung von der Healthineers-Mehrheit kommen die Münchner voran....