Finanzen

Einbruch des Euro zieht offenen Streit zwischen Weidmann und Lagarde nach sich

Auf einer Veranstaltung am Freitag sind EZB-Chefin Lagarde und Bundesbank-Chef Weidmann mit gegensätzlichen Reden aneinandergeraten. Nach Ansicht von Weidmann wird Lagardes Politik im kommenden Jahr eine starke Inflation herbeiführen.
20.11.2021 12:52
Aktualisiert: 20.11.2021 12:52
Lesezeit: 3 min
Einbruch des Euro zieht offenen Streit zwischen Weidmann und Lagarde nach sich
Vor seinem Rücktritt legt sich Weidmann noch einmal mit EZB-Chefin Lagarde an. (Foto: dpa) Foto: Ralph Orlowski

Jens Weidmann, der scheidende Präsident der Bundesbank und Mitglied des EZB-Rats, hat davor gewarnt, dass die Inflation wahrscheinlich länger als erwartet über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank bleiben wird und dass diese Entwicklung möglicherweise eine Reduzierung der extrem lockeren Geldpolitik erforderlich machen wird. "Angesichts der erheblichen Unsicherheiten im Hinblick auf die Inflationsaussichten sollte die Geldpolitik nicht zu lange an ihrem derzeitigen sehr expansiven Kurs festhalten", sagte er am Freitag auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt:

Damit hat Weidmann einen offenen Streit ausgelöst. Denn seine Äußerungen standen im krassen Widerspruch zu denen von EZB-Präsidenten Christine Lagarde, die einige Stunden zuvor auf derselben Veranstaltung erklärt hatte, dass die Notenbank "geduldig" bleiben sollten, um eine verfrühte Straffung der Politik zu vermeiden. Zugleich musste aber auch Lagarde einräumen, dass die Inflation in der Eurozone steigt, was "unerwünscht und schmerzhaft" sei.

"Wir dürfen angesichts vorübergehender oder angebotsbedingter Inflationsschocks nicht zu einer verfrühten Straffung der Geldpolitik übergehen", sagte Lagarde und deutete an, dass die EZB auf ihrer Sitzung im nächsten Monat einen beträchtlichen Stimulus beibehalten wird, auch wenn andere Zentralbanken ihre Unterstützung reduziert haben. So haben die US-Notenbank Federal Reserve und die Bank of England wegen des jüngsten Inflationsanstiegs eine straffere Politik zumindest versprochen.

Die Reden von Lagarde und Weidmann zeigen die starken Meinungsverschiedenheiten unter den EZB-Ratsmitgliedern im Vorfeld ihrer Sitzung im nächsten Monat, wo sie über die Anleihekäufe im nächsten Jahr entscheiden und neue Inflationsprognosen veröffentlichen werden, die den Anlegern einen entscheidenden Hinweis darauf geben werden, wie nahe sie einer Zinserhöhung stehen. Die Inflation im Euroraum erreichte im Oktober mit 4,1 Prozent den höchsten Stand seit 13 Jahren und lag deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent.

Daher haben einige Anleger bereits darauf gewettet, dass die Europäischen Zentralbank die Zinsen im nächsten Jahr anheben wird. Lagarde sagte nun jedoch, dass viele der Faktoren, die zu einer höheren Inflation geführt haben, wie steigende Energiepreise und Lieferkettenprobleme, mittelfristig nachlassen dürften, was den Anstieg der Verbraucherpreise mindern würde. Daher seien "die Bedingungen für eine Zinserhöhung im nächsten Jahr höchstwahrscheinlich nicht erfüllt", wird die EZB-Präsidentin in der Financial Times zitiert.

Weiter argumentierte Lagarde: "In einer Zeit, in der die Kaufkraft bereits durch höhere Energie- und Kraftstoffrechnungen belastet wird, würde eine unangemessene Verschärfung einen ungerechtfertigten Gegenwind für die Erholung bedeuten." Die Äußerungen der EZB-Chefin belasteten den Euro zusätzlich zu den neuen Corona-Beschränkungen. Der Euro fiel um 0,7 Prozent auf 1,284 Dollar und liegt nahe einem 16-Monats-Tief. Auch gegenüber anderen Währungen verlor er an Boden. So fiel er auf 1,048 Schweizer Franken - der tiefste Stand seit sechs Jahren.

Staatsanleihen der Eurozone erholten sich hingegen, denn länger anhaltende Käufe durch die EZB stellen die Nachfrage nach den Papieren sicher. Weiteren Auftrieb erhielten sie dadurch, dass in Deutschland und Österreich neue Corona-Beschränkungen eingeführt wurden. Die Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen, einer Benchmark für Anlagen im gesamten Euroraum, fiel um 0,04 Prozentpunkte auf minus 0,32 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit zwei Monaten.

Der Bundesbank-Chef äußerte Zweifel an den Prognosen der EZB, dass die Inflation in den nächsten Jahren wieder unter ihr 2-Prozent-Ziel fallen wird. "Die hohen Inflationsraten werden wahrscheinlich länger brauchen als bisher angenommen, um wieder zu sinken", sagte Weidmann, der im vergangenen Monat angekündigt hatte, dass er im Dezember, sechs Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit, zurücktreten werde, zum Teil aufgrund seiner Frustration über die Politik der EZB.

Mehr zum Thema von Marc Friedrich: Jens Weidmanns Rücktritt ist eine finanzpolitische Katastrophe

"Um die Inflationserwartungen fest zu verankern, müssen wir immer wieder betonen, dass die Geldpolitik insgesamt normalisiert werden muss, wenn dies zur Sicherung der Preisstabilität erforderlich ist", so Weidmann. Zwar wird die EZB voraussichtlich auf ihrer Sitzung im Dezember ankündigen, dass ihr Programm zum Anleihekauf im Wert von 1,85 Milliarden Euro im März 2022 auslaufen wird. Anleger erwarten aber, dass die Zentralbank die möglichen Auswirkungen auf die Anleihemärkte abfedern wird und ihr längerfristiges Programm zum Ankauf von Vermögenswerten ausweitet.

Da sich die EZB verpflichtet hat, die Zinsen nicht anzuheben, bevor sie ihre Anleihekäufe einstellt, wird die Entscheidung im nächsten Monat ein wichtiges Signal für den möglichen Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung liefern. Weidmann wies darauf hin, dass die EZB infolge der massiven Anleihekäufe zum größten Gläubiger der Euro-Staaten geworden ist. "Die Zentralbanken werden von den Staaten und den Finanzmärkten zunehmend unter Druck gesetzt werden, die Geldpolitik länger expansiv zu halten, als es das Ziel der Preisstabilität erfordern würde", sagte er.

Mehr zum Thema: EZB sieht Abschaffung des Bargelds als Gefahr für das Finanzsystem

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU Single Rulebook: Warum der 10. Juli 2027 für Banken zum wichtigen Stichtag wird

Die europäische Geldwäschebekämpfung wird mit einem grundlegenden Wandel konfrontiert. Mit der Anti-Money Laundering Regulation (AMLR)...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Aus für Informationspflicht: Wie Versicherte Erhöhungen bei Krankenkassenbeiträgen künftig bemerken
11.09.2026

Um das stetige Ausgabenwachstum im Gesundheitssystem zu bremsen, hat die Politik die Hinweispflicht der Krankenkassen gestrichen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mehr Existenzgründungen in Deutschland: Positiver Trend trotz lahmender Konjunktur
11.09.2026

Trotz der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung verzeichnen Experten ein Plus bei den Gewerbegründungen. In einzelnen Bundesländern fiel...

DWN
Politik
Politik Grundlegende Pflegereform geplant: Linnemann kündigt Expertenkommission an
11.09.2026

Sowohl die Pflegeversicherung als auch zahlreiche Pflegebedürftige kämpfen mit dauerhaften finanziellen Engpässen. Nach ersten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenzen auf langjährigem Höchststand: Keine Entwarnung bei Pleitewelle
11.09.2026

Die deutschen Amtsgerichte verzeichneten im ersten Halbjahr über 12.800 Firmenpleiten. Experten gehen davon aus, dass sich dieser negative...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Erweiterte Flugrechte für Emirates: Heftiger Gegenwind aus der Wirtschaft
11.09.2026

Bislang bietet der Flughafen BER kaum internationale Langstreckenverbindungen an. Ein Beschluss der Bundesregierung zugunsten der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unser neues Magazin ist da: Hitze – der große Stresstest für Deutschland
11.09.2026

Wenn Flüsse schrumpfen, Ernten vertrocknen und Arbeitsplätze überhitzen, gerät mehr ins Wanken als unser Wohlbefinden. Die Hitze stellt...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 42: Die Woche im Rückblick – KW 37
11.09.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Finanzen
Finanzen Höhere Inflation im Euroraum: Lagarde rechnet erst mit Verschärfung, dann mit Besserung
11.09.2026

Der Iran-Krieg treibt die Kosten für Tanken und Heizen spürbar in die Höhe. Trotz vorerst weiter anziehender Verbraucherpreise stellt...