Wirtschaft

Chinas Evergrande-Desaster: Viele Verlierer, ein strahlender Sieger

Die schweren Probleme des Immobilien-Giganten "Evergrande" sind zwar ein sehr ernstes Problem für die chinesische Wirtschaft, können sie aber nicht in die Knie zwingen. Einen Akteur gibt es sogar, der gestärkt aus der Affäre hervorgehen wird.
26.12.2021 09:09
Aktualisiert: 26.12.2021 09:09
Lesezeit: 3 min
Chinas Evergrande-Desaster: Viele Verlierer, ein strahlender Sieger
Was wird aus "Evergrande", dem größten Immobilien-Unternehmen Chinas? (Foto: dpa) Foto: Katherine Cheng

Der Analyst Mirko Wormuth vom deutsch-chinesischen Fonds „Awesome Capital“ hält die von manchen Finanzexperten gezogenen Parallelen zur Lehman-Pleite für unzutreffend. Nicht nur würden sich die entstehenden Verluste zu etwa 90 Prozent auf China beschränken, sondern die dortige Regierung hätte - wie auch der Westen - aus der Finanzkrise im Jahr 2008 gelernt. Eine ähnlich dramatische Berichterstattung wie hierzulande sei in den chinesischen Medien dann auch nicht anzutreffen.

Wormuth verweist darauf, dass Evergrandes Schulden in Höhe von zwei Billionen Renminbi (knapp 280 Milliarden Euro) Assets von etwa 2,3 Billionen (320 Milliarden Euro) gegenüberstehen. Jedoch könnte ein Ausverkauf deren Wert senken und zugleich andere Akteure auf dem Immobilienmarkt nach unten ziehen. Damit es dazu nicht kommt, hat die chinesische Regierung erste Schritte unternommen und stützend eingegriffen: Aktuell pumpt Peking mehr Geld in den Markt als während der 15 Monate zuvor.

Dass die Absicht besteht, Evergrande mithilfe staatlicher Maßnahmen zu retten, dürfte dennoch zu bezweifeln sein. Vielmehr gibt es Hinweise auf eine schrittweise Abwicklung des Konzerns. Wie diese konkret vonstattengehen könnte, dokumentiert die Übertragung eines 20-prozentigen Anteils der Shengjing-Bank an die staatliche Vermögensgesellschaft Shenyang Shengjing. Der Wert dieses Anteils in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar dient der Begleichung der Schulden der Bank. Auf ähnliche Weise agierte die isländische Regierung zur Zeit der Finanzkrise, als sie mit den Verbindlichkeiten der Banken Glitnir und Landsbanki zugleich entsprechende Anteile übernahm.

Neue wirtschaftspolitische und ideologische Zielsetzungen

Der Transfer von Vermögenswerten an staatliche Akteure lässt sich als Schritt zu einem „Sozialismus chinesischer Prägung“ deuten, wie er in der Resolution des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) als Ziel proklamiert wird. Die herausragende Bedeutung dieses im vorigen Monat verabschiedeten Dokuments erklärt sich dadurch, dass es das dritte dieser Art ist. Das erste wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 verfasst, das zweite diente als Grundlage für die wirtschaftliche Neuorientierung seit 1981.

Gemäß der „Resolution“ soll der Staat seinen Einfluss auf die Wirtschaft vergrößern, jedoch nicht mit dem Ziel einer Planwirtschaft. Vielmehr werden die staatlichen Unternehmen aufgefordert, sich an Marktgesetzen und Rentabilitätskriterien zu orientieren. Als wichtige Aufgabe wird ihnen die Vorreiterrolle bei der Anwendung technologischer Erneuerungen zugedacht. Parallel dazu soll die Privatwirtschaft verstärkt staatlicher Lenkung unterworfen werden. Dies dürfte desto leichter umzusetzen sein, je effektiver Staatsbetriebe als volkswirtschaftliches Gerüst fungieren.

Für größere Privatunternehmen wird eine Beteiligung der Beschäftigten am Betriebsvermögen als erstrebenswert deklariert. Als Vorbild gilt der Huawei-Konzern, in dem 99 Prozent der Anteile im Besitz der Belegschaft sind. Die häufig mit einer Streuung des Eigentums einhergehende Schwächung der Entscheidungsinstanzen würde eine staatliche Einflussnahme erleichtern. Offiziell heißt es gemäß dem ideologischen Anspruch der Kommunistischen Partei, dass die Produktionsmittel in die Verfügungsgewalt des Volkes übergehen sollen. Mit dem gleichen Argument werden die Bürger zum Erwerb von Wohneigentum angespornt.

Nach Wormuth halten aktuell 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung Immobilien. Dieser Besitzstand ist ein zentrales Element des „allgemeinen Wohlstands“, den die „Resolution“ zum Hauptziel erhebt. Die Zukunftsvisionen würden jedoch einen Rückschlag erleiden, falls Evergrande in einen Konkurs schlittert. Nicht nur dürften die Betroffenen ihre Unzufriedenheit artikulieren, sondern in der Bevölkerung könnte sich eine allgemeine Verunsicherung ausbreiten.

Gründe für eine staatliche Evergrande-Übernahme

Problematisch ist vor allem, dass die künftigen Wohneigentümer die Kaufsumme - wie in China allgemein üblich - im Voraus bezahlt haben. Obwohl der Immobilienkonzern die Gelder größtenteils schon verbaut hat, sind viele Projekte unvollendet, manche haben noch nicht einmal begonnen. Die Konkursmasse würde vermutlich für die Löhne und Sozialabgaben der Beschäftigten reichen. Anders als in Deutschland stehen deren Ansprüche in der Rangfolge ganz oben. Der verbleibende Rest dürfte kaum genügen, um die Gläubiger in vollem Umfang zu entschädigen. Betroffen wären neben Banken und Zulieferern die Immobilienkäufer, die einen Teil ihrer eingezahlten Vorkasse-Beträge verlieren würden.

Wormuth ist überzeugt, dass zuvor staatseigene Akteure einspringen und sich um die circa 1,4 Millionen ausstehenden Wohnungen kümmern würden. Nicht nur könnte die chinesische Führung ihren sozialen Anspruch einlösen, sondern es würden auch die Verluste in Grenzen gehalten und die Kapitalmärkte beruhigt werden. Sogar die gesamte Übernahme der Verbindlichkeiten wäre angesichts der aktuellen Währungsreserven von 3,24 Billionen US-Dollar möglich, ohne dass die Bonität der Volksrepublik essenziell beeinträchtigt würde.

Obgleich durch die Verlagerung der Unternehmenstätigkeit in staatliche Obhut finanzielle Belastungen entstehen, dürfte eine Rettung von Evergrande der KP-Führung letztlich in die Hände spielen. Zum einen erlangt sie eine stärkere Kontrolle über einen relevanten Wirtschaftssektor. Zum anderen kann sie daraus ideologischen Nutzen ziehen, indem sie sich als Garant der privaten Vermögensbildung präsentiert, die als Akkumulation von Eigentum in Volkshand glorifiziert wird. Darüber hinaus lässt sich der Fall als Lehrstück für die schädliche Wirkung einer auf Eigennutz orientierten Handlungsweise darstellen, deren Ursprung in westlichem Denken lokalisiert wird. Dem werden - in Anlehnung an die Zielsetzungen der „Resolution“ - konfuzianische Werte entgegengesetzt, die von Harmonie und gesellschaftlicher Verantwortung geprägt sind.

Allerdings dürfte das Problem größer sein als öffentlich eingestanden wird. Evergrande ist bekanntlich nicht der einzige Immobilienkonzern, der Finanzierungsprobleme hat. Daher kann nur ein frühzeitiges und konsequentes Eingreifen verhindern, dass die ganze Branche mit in den Strudel gerissen wird. Letzteres befürchten Finanzexperten, die einen noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Kollaps voraussagen. Tatsächlich dürfte es gelingen, mit dem geldpolitischen Instrumentarium einen Zusammenbruch des gesamten Immobiliensektors aufzufangen. Zwar ist die Bilanz der Chinesischen Volksbank gemessen am BIP noch um etwa ein Drittel kleiner als jene von EZB und Federal Reserve, sie erreicht aber mit 6,1 Billionen US-Dollar dennoch eine stattliche Summe.

Voraussagen eines Crashs der chinesischen Wirtschaft gab es in der Vergangenheit immer wieder, ohne dass es dazu gekommen ist. Ein Anziehen der wirtschaftspolitischen Zügel durch die Pekinger Führung mag von Befürwortern unternehmerischer Freiheiten kritisiert werden. Doch zugleich wird die Gewissheit gestärkt, dass auch diesmal eine mögliche Krise durch schnelles Handeln abgewendet werden kann.

LESEN SIE AUCH: deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/516229/Chinas-Schuldenberg-waechst-immer-hoeher-Gefahr-fuer-Deutschland-%28SONNTAG-24-DEZEMBER%29

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