Wirtschaft

Düngemittel-Knappheit bedroht Nahrungsmittelversorgung von hunderten Millionen Menschen

Die Preise für Düngemittel gehen durch die Decke - mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen.
31.01.2022 14:00
Aktualisiert: 31.01.2022 14:33
Lesezeit: 2 min

Viele Landwirte schauen angesichts stark gestiegener Kosten für Düngemittel besorgt auf das neue Jahr. „Sollten die Preise auf diesem Niveau bleiben und es zu Lieferengpässen kommen, könnte es zu teilweise erheblichen Ertragsrückgängen bei der Ernte 2022 kommen“, heißt es in einem Ende Dezember veröffentlichten Marktbericht des Bauernverbands. Stark gestiegene Preise für Erdgas - welches bei der Düngerproduktion eingesetzt wird - , Lieferengpässe und Brüche in den Lieferketten, die Energiekrise sowie eine nicht nachlassende globale Nachfrage nach Düngern ließen ein solches Szenario realistisch erscheinen.

Bei Stickstoffdünger habe es wegen erheblicher Verteuerungen von Erdgas, das bei der Herstellung eingesetzt wird, Preissteigerungen von bis zu 236 Prozent gegeben, heißt es in dem Marktbericht des Bauernverbands für 2021. Zugleich hätten einige europäische Hersteller die Produktion reduziert. Die Lage sei nach wie vor kritisch. Der Bauernverband setze sich deshalb für eine vorübergehende Aussetzung von Anti-Dumping-Zöllen ein, um den Kostendruck für die europäischen Landwirte zu mindern und die Getreideversorgung im kommenden Jahr zu sichern.

Höhere Kosten für Dünger und Diesel schlagen bei vielen Höfen auch auf die Ertragslage durch. „Die Erzeugerpreise für Getreide- und Ölsaaten lassen auf den ersten Blick zwar eine positive Stimmung vermuten“, erläuterte Bauernpräsident Joachim Rukwied. „Doch diese verbesserte Erlössituation wird durch die beispiellos explodierten Betriebsmittelpreise für Düngemittel und Energie ausgebremst.“

Entwicklungsländer in großer Gefahr

Die stark steigenden Düngemittelpreise stellen insbesondere für ärmere Länder eine große Gefahr dar. Viele Bauern und Landwirte können sich den Dünger in der Folge nicht mehr leisten, wodurch die Ernteerträge zurückgehen.

Zuletzt warnte die Nichtregierungsorganisation IFDC vor schwerwiegenden Auswirkungen. Den Kalkulationen von IFDC zufolge könnte die Nachfrage nach Düngemittel im vergangenen Jahr in Subsahara-Afrika um bis zu 30 Prozent zurückgegangen sein.

„Sollten die Preise für Dünger weiterhin höher liegen als der Durchschnitt der vergangenen Jahre, dann könnte die Nachfrage noch weiter absacken. Die Konsequenzen wären verheerend: ein Rückgang von 30 Prozent oder ungefähr 2 Millionen metrischen Tonnen im Jahr 2022 bedeutet einen Rückgang bei der Nahrungsmittelproduktion von ungefähr 30 Millionen metrischen Tonnen - was das Äquivalent zur Ernährung von 100 Millionen Menschen darstellt. Dies hätte weitere signifikante Folgewirkungen und würde die Lebensmittelimporte nach Afrika steigern, während die Lebensmittelpreise weltweit steigen“, schreibt die Organisation in einem Bericht vom 21. Dezember 2021.

Özdemir fordert Ende von „Ramschpreisen“

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) fordert höhere Preise für Lebensmittel und Agrarprodukte. „Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima. Das will ich ändern“, sagte er der Bild am Sonntag. Er wolle, dass die Menschen in Deutschland ihre Lebensmittel genauso wertschätzten wie ihre Autos. „Manchmal habe ich das Gefühl, ein gutes Motoröl ist uns wichtiger als ein gutes Salatöl“, kritisierte der Minister. Lebensmittel dürften zwar kein Luxusgut werden. „Doch der Preis muss die ökologische Wahrheit stärker ausdrücken“, sagte Özdemir.

Özdemir strebt neben dem Ende von „Ramschpreisen“ eine Ausweitung der Fläche ökologisch bestellter Felder bis 2030 von derzeit knapp 10 auf 30 Prozent an und will dafür die „Nachfragemacht des Staates nutzen“: Die Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen sollte auf mehr regionale und Bio-Produkte umgestellt werden. „Der Staat muss da Vorbild sein.“

Weiterhin plant Özdemir strengere Vorgaben für Fertigprodukte, damit sich die Menschen gesünder ernähren. „Deutschland ernährt sich insgesamt zu ungesund“, sagte er. Über 50 Prozent der Erwachsenen seien übergewichtig. „Der Grund dafür sind zu viel Zucker, Fett und Salz, vor allem in Fertigprodukten.“ Die Politik habe zu lange versucht, die Industrie mit freiwilligen Selbstverpflichtungen zur Reduktion dieser Inhaltsstoffe zu bewegen. „Damit ist jetzt Schluss. Mit mir wird es verbindliche Reduktionsziele geben“, machte Özdemir deutlich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Energiemärkte reagieren: Erdgaspreis fällt nach Iran-Deal
08.04.2026

Plötzlich entspannt sich die Lage am Energiemarkt: Der Erdgaspreis fällt deutlich, nachdem im Iran-Konflikt eine Waffenruhe vereinbart...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Exporteure: Wachstum erwartet – doch Risiken für Exporte steigen
08.04.2026

Die deutsche Exportwirtschaft trotzt internationalen Konflikten und blickt weiterhin nach vorn. Doch steigende Risiken in Lieferketten und...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell deutlich im Plus: Waffenruhe im Iran-Konflikt beflügelt Aktienmärkte
08.04.2026

Der DAX-Kurs hat die Marke von 24.000 Punkten zurückerobert, die Anleger feiern die Waffenruhe im Iran-Konflikt. Während die Ölpreise...

DWN
Finanzen
Finanzen Benzinpreise: Trendwende bei Super, Rekorde bei Diesel
08.04.2026

Die Entwicklung der Benzinpreise bleibt für viele Verbraucher schwer nachvollziehbar. Während Super E10 leicht nachgibt, steigt der...

DWN
Finanzen
Finanzen Evotec-Aktie: Pharmaunternehmen Evotec reduziert Nettoverlust deutlich
08.04.2026

Nach schwierigen Jahren sendet Evotec positive Signale: Die aktuellen Evotec-Zahlen zeigen eine klare Verbesserung. Dennoch bleibt die Lage...

DWN
Politik
Politik Iran-Einigung: Trump setzt auf wirtschaftlichen Aufschwung
08.04.2026

Mit der Iran-Einigung könnte sich die Lage im Nahen Osten grundlegend verändern. Trump kündigt wirtschaftliche Gewinne und neue...

DWN
Politik
Politik Hoffnung im Iran-Krieg: USA und Iran einigen sich auf Waffenruhe
08.04.2026

Kurz vor Ablauf eines Ultimatums einigen sich USA und Iran auf eine Waffenruhe. Die Lage im Iran-Krieg entspannt sich scheinbar, doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic unter Druck: Neobanken holen bei Zinsen auf
08.04.2026

Trade Republic verliert seinen Vorsprung im Zinskampf, die Konkurrenz zieht nach. Digitale Banken greifen massiv an und verändern den...