Finanzen

Dezember 1923: „Eine Zigarette kostet 50.000.000.000 Mark“

Die Schrecken der Hyperinflation haben die Deutschen und auch andere europäische Völker längst vergessen. Was Hyperinflation im Alltagsleben bedeutet, geht aus Tagebucheinträgen eines Zeitgenossen der 1920er Jahre hervor.
12.02.2022 01:10
Lesezeit: 2 min
Dezember 1923: „Eine Zigarette kostet 50.000.000.000 Mark“
Die Weimarer Hyperinflation. (Quelle: GFD)

Unsere heutige Welt ist längst in einer Phase der Inflation eingetreten, die zu einer Hyperinflation führen könnte. Das Gefühl für die Hyperinflation ist dem Deutschen mittlerweile fremd geworden. Umso wichtiger ist es, den Menschen zu vermitteln, was Hyperinflation konkret bedeutet.

Deshalb sollen an dieser Stelle einige Auszüge aus dem Tagebuch des Konrektors und Kantors August Heinrich von der Ohe aus den Jahren 1922/1923 unkommentiert wiedergegeben werden:

9. Dezember 1921: In Deutschland am l. Dezember großer Börsenkrach. Die Wertpapiere Waren hoch getrieben worden, und anschließend stützten die Kurse teilweise um 1.000 Prozent.

1. Januar 1922: Ich bekomme jetzt 40.000 Mark Gehalt, mit dem Schützengelde 50.000 Mark. Gramisch 50.000 Mark, weil er mehr Kinder hat. Aber er muss für seinen Sohn jährlich 10.000 Mark Pension bezahlen. Was für Zahlen sind das!

2. April 1922: Kartoffeln kosten 200 Mark der Zentner, Butter 75 Mark das Pfund. Eine Gehaltsaufbesserung haben wir auch bekommen, jedoch längst nicht genug. Für mich sind es 13.000 Mark.

15. Oktober 1922: Der Roggen kostete in der Erntezeit l .000 Mark, jetzt 5.000 Mark. Am l. Oktober bekam ich ein Gehalt einschl. Nachzahlung für Sept. von 79.000 Mark. Der Dollar stand 3.600 Mark.

19. Oktober 1922: Ein Zentner Kartoffeln kostet jetzt 550 Mark. Unsere zweite Kuh hat Anneli bekommen. Sie würde jetzt 60.000 Mark kosten. Ich habe sie im Juni für 18.000 Mark gekauft. Ein Bleistift kostet 24 Mark. Ich habe 5,2 Ztr. Gerste gekauft für 17.000 Mark.

30. Oktober 1922: Die Preise sind ungeheuer gestiegen. Roggen 14.000 Mark, Gerstenschrot 9.000 Mark, ein Ztr. Stroh 2.000 Mark. Einen Ackerwagen vom Schied Vorwerk gekauft für 125.000 Mark. Für einen Schinken sind 9.000 Mark zu zahlen.

3. Februar: Der Dollar stand annähernd auf 50.000 Mark. Roggen kostet 60.000 Mark der Zentner; Schwein 3.000 Mark das Pfund. Unsere Kuh will ich verkaufen. Es sind 1 1/4 Millionen geboten, 1 1/2 will ich haben. Unseren alten Wagen verkauft für 200.000 Mark. Einen gebrauchten Pflug für 35.000 Mark gekauft. Ein Pfund markenfreies Brot kostet 700 Mark. Ich war mehrfach in Geldnöten, habe mich aber glücklich herausgewunden. Neu gekauft: 1 Wagen 125.000 Mark, ein Rind 215.000 Mark, eine Kuh 400.000 Mark und drei Ferkel 90.000 Mark. Dafür habe ich 425.000 Mark aufgenommen; aus dem Gehalt kamen 440.000 Mark dazu.

21. Juli 1923: Einen Vorlegelöffel bei Ritter gekauft für l Million Mark. 24. Juli 1923: Auf der Fahrt nach Stralsund in Rostock eine Tasse Kaffee für 5.500 Mark getrunken. 29. Juli 1923: Die Reise hat 416 000 Mark gekostet. Der Dollar stieg auf l Million Mark. 1. August 1923: Der Dollar steht auf 1.200.000 Mark, d. h. die Mark ist fast nichts mehr wert. Heute habe ich die ersten 5 Millionen Scheine gesehen. Neue Kartoffeln kosten 6.000 Mark das Pfund. Anzugstoffe kosten 3 Millionen Mark das Meter. Die Läden schließen früher . Sie werden bestürmt. Alles flieht vor der Mark. 8. August 1923: Der Dollar steht auf 3.600. 000 Mark. Es ist krisenhaft.

22. Oktober 1923: Der Dollar ist auf 40 Milliarden gestiegen. Heute Abend bezahlte ich meine Zeitung für November mit l Milliarde 222 Millionen! Ein Manchester Anzug soll 110 Milliarden, bei Dagefördes sogar 150 Milliarden kosten. Die Brotkarten haben aufgehört. Das ist die letzte Erinnerung an den großen Krieg. 28. Oktober 1923: Die Maurer bekommen 3 Milliarden Mark die Stunde. Sanders müssen aufhören zu bauen, weil es zu teuer ist. Sie haben ein Rind verkauft, 4 Ztr. je 200 Milliarden Mark.

23. November 1923: Heute kam der Bote und brachte Gehälter. Ich bekam 33 Billionen, davon 16 in Rentenmark. Eine Rentenmark = l Billion. Die neuen Preise haben die Vorkriegspreise meistens überschritten. So kostet der Roggen z.B. 13 Goldmark; vor dem Kriege 8 Mark.

5. Dezember 1923: Die Rentenmark kommt jetzt in den Verkehr. Man hört sehr verschiedene Meinungen über sie. Eine Zigarette kostet 50.000.000.000 Mark. Eine Rolle Kautabak = 240 Bio = 24 Pf. Ich kaufte einen Kalender für 500 Bio. Mark = 50 Pfennig.

18. Dezember 1923: Wir bekommen jetzt wieder Gehalt in Goldmark. Ich bekomme mtl. 227,50 Goldmark.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Was Wirtschaftsprüfer zuerst prüfen: Wie Unternehmen bei der Prüfung bestehen
14.02.2026

Unternehmen stehen bei Abschlussprüfungen unter wachsendem regulatorischem Druck und steigenden Transparenzanforderungen. Entscheidet sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercedes-Benz S-Klasse: Software als zentraler Entwicklungsfaktor im Luxussegment
14.02.2026

Mercedes-Benz modernisiert die S-Klasse umfassend und rückt Software, Digitalisierung und Komfort stärker in den Fokus. Welche Rolle...

DWN
Technologie
Technologie KI-Wettbewerb: Experten wollen mehr Rechenzentren für Europa
14.02.2026

Die USA haben sechsmal mehr Rechenpower als China, Europa liegt weit dahinter. Experten raten zu großen Investitionen, um im KI-Rennen...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Bund legt Führerschein-Paket vor
14.02.2026

Der Führerschein soll günstiger werden, sagt die Bundesregierung. Verkehrsminister Schnieder stellt weiterentwickelte Vorschläge vor....

DWN
Politik
Politik Trumps Zollpolitik: Milliarden-Einnahmen, aber ein Desaster für Jobs und Vertrauen
14.02.2026

Trumps Zollpolitik sollte Amerika befreien, die Industrie stärken und Arbeitsplätze zurückholen. Die Realität sieht anders aus: Zwar...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsenwoche endet rot: Angst vor KI schluckt Inflationsfreude
13.02.2026

Obwohl frische Inflationsdaten den wichtigsten Indizes am Freitagmorgen kurzzeitige Unterstützung boten, wurde der Ausgang des...