Wirtschaft

Die Sanktionen werden Russland hart treffen - aber auch Deutschland kommt nicht ungeschoren davon

Russland sieht sich harten Sanktionen ausgesetzt - welche Auswirkungen haben sie auf das Land? Und wieviel werden sie Deutschland kosten? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die renommierte Ökonomin Lisandra Flach im DWN-Interview.
25.02.2022 08:23
Aktualisiert: 25.02.2022 08:23
Lesezeit: 2 min
Die Sanktionen werden Russland hart treffen - aber auch Deutschland kommt nicht ungeschoren davon
Demonstration gegen Russlands Invasion der Ukraine vor dem Brandenburger Tor. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Russland hat die Ukraine angegriffen, jetzt verhängt der Westen Sanktionen. Welche Auswirkungen werden diese auf die russische Wirtschaft haben - und welche Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft?

Lisandra Flach: Es ist zu erwarten, dass sich die neuen Sanktionen für Russland wesentlich stärker negativ auswirken werden als für Deutschland. Auch bei den im Jahr 2014 eingeführten Sanktionen ist zu beobachten, dass die Kosten als Anteil des Bruttoinlandprodukts (BIP) für Russland 7,5mal höher sind als für Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass Russland von der EU sowohl als Zulieferer als auch als Abnehmer abhängig ist: Im Jahr 2018 gingen 46 Prozent von Russlands Exporten (vor allem Rohstoffe) in die EU, und 38 Prozent der russischen Importe (vor allem Industriegüter wie Maschinen) kamen aus der EU. Aber, wie gesagt: Deutschland ist von den derzeitigen Sanktionen ebenfalls betroffen, was wir auch in einer Studie gezeigt haben. Die im Jahr 2014 verhängten Sanktionen verringern die deutsche Wirtschaftsleistung langfristig pro Jahr um circa 0,16 Prozent des BIPs. Deswegen sind gezielte Sanktionen, die sich zum Beispiel gegen bestimmte Unternehmen richten, oder das Einfrieren von Vermögen im Ausland als Instrument effektiver und weniger kostspielig. Diese Art von Sanktionen werden bereits in der Europäischen Union verwendet. Wichtig ist aber auch, dass mehr Länder bei den Sanktionen mitmachen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gibt es Produkte aus dem Westen, auf die Russland besonders angewiesen ist, und die es nicht durch Produkte aus eigener Herstellung beziehungsweise durch Importe aus anderen Ländern ersetzen kann?

Lisandra Flach: Deutschland exportiert hauptsächlich Industriegüter nach Russland, knapp ein Viertel davon im Maschinenbau. Diese Waren sind in vielen Fällen stark differenziert und kurzfristig nur schwer durch eigene Produktion oder Einfuhren aus anderen Ländern zu ersetzen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wäre das Sanktions-Arsenal der EU gegen Russland damit erschöpft, oder gibt es die Möglichkeit zu weiteren Sanktionen?

Lisandra Flach: Die am 22. Februar beschlossenen Sanktionen der EU sind ein erster Schritt eines möglichen weiteren Maßnahmen-Paketes. Die EU wird sicherlich weitere Sanktionen vorbereiten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Halten Sie es für möglich, dass Russland Gegenmaßnahmen ergreift, beispielsweise einen Stopp von sämtlichen Öl- und Gaslieferungen in die EU? Oder einen Import-Stopp bestimmter westlicher Güter?

Lisandra Flach: Einen vollständigen Stopp der Gaslieferungen halte ich eher für unwahrscheinlich. Russland ist sehr stark abhängig von Rohstoffexporten, und die EU ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für russische Produkte. Das bedeutet, dass ein Lieferstopp auch erhebliche Folgen für Russland haben könnte. Aber im Falle einer Eskalation des Konflikts ist mit höheren Energiepreisen zu rechnen, die auch einen weiteren Inflationsdruck ausüben werden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird die Invasion zu noch höherer Inflation führen? Welche Folgen hätte all dies insbesondere für Deutschland?

Lisandra Flach: Nur circa zwei Prozent der deutschen Exporte gehen nach Russland, wie auch nur circa zwei Prozent der deutschen Importe aus Russland kommen. Das steht im direkten Gegensatz zur Situation, in der sich Russland befindet: Europa der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Landes.

Aber: Deutschland importiert ein Großteil seines Erdgas-Bedarfs aus Russland. Eine weitere Zuspitzung könnte Auswirkungen auf den Energiepreis und auf die Inflation haben. Andererseits ist es wichtig, zu betonen, dass ein Stopp der Öl- und Gaslieferungen auch erhebliche Folgen für Russland hätte, weil das Land eben doch sehr stark auf seine Rohstoff-Exporte angewiesen ist.

Info zur Person: Prof. Dr. Lisandra Flach ist Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft und Professorin für Volkswirtschaftslehre, insb. Ökonomik der Globalisierung, an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Blase wird zum Test für Anleger
14.06.2026

Die Kurse von KI-Aktien steigen rasant, doch die Warnungen vor einer neuen Blase werden lauter. Wer jetzt aus Angst alles verkauft, kann...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutscher Mittelstand verzweifelt an Regierung: Warum Unternehmer frustriert sind
14.06.2026

Deutschlands mittelständische Unternehmen verlieren zunehmend das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Bundesregierung. Wie eine falsche...

DWN
Technologie
Technologie Megatrends zeigen Europas gefährliche Zukunftslücke
14.06.2026

Technologie, Schulden, Demografie und Energie verändern die Weltwirtschaft schneller, als die Politik reagieren kann. Die Analyse der...

DWN
Politik
Politik Fünf politische Dauerbaustellen: Was aus großen Reformversprechen wurde
14.06.2026

Von Ehegattensplitting bis Familienstartzeit: Diese fünf Reformprojekte sollten Deutschland verändern. Heute prägen sie vor allem eines...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Er ist dabei, Maersk zu überholen – nun gibt CMA-Chef Saadé eine aufsehenerregende Prognose ab
14.06.2026

CMA-Chef Rodolphe Saadé sieht eine Weltwirtschaft auf Speed und warnt vor neuen Schocks im Welthandel. Seine Botschaft trifft auch Maersk,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Startups suchen Geldgeber: Wer finanziert Deutschlands Zukunft?
14.06.2026

Deutschland hat kein Startup-Problem, sondern ein Kapitalproblem. Während innovative Gründer neue Technologien entwickeln, fehlt häufig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rebecca Harding im Interview: Konflikte haben die Funktionsweise der Weltwirtschaft unwiderruflich verändert
14.06.2026

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran im Nahen Osten hat gezeigt, was ein Wirtschaftskrieg ist und wie er funktioniert, erklärt Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wandert die Industrie ab? Fakten statt Ideologie
13.06.2026

Die Industrie verschwindet nicht über Nacht. Gefährlicher ist, was leiser passiert: Investitionen entstehen anderswo, Produktlinien...