Politik

So könnte der Ukraine-Krieg ausgehen: Das sagen Experten

Wie könnte der weitere Verlauf des Kriegs aussehen? Wovon hängen Sieg und Niederlage ab? Experten geben Antworten.
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03.03.2022 12:38
Lesezeit: 3 min
So könnte der Ukraine-Krieg ausgehen: Das sagen Experten
Trotz Friedensverhandlungen: Im Krieg um die Ukraine ist ein schneller Frieden nicht in Sicht. (Foto: dpa)

Fast täglich kündigen Staaten und Konzerne weltweit neue Sanktionen gegen Russland an, während der Krieg in der Ukraine immer härter geführt wird. Inzwischen bekommen beide Seiten sogar Verstärkung aus dem Ausland: Während nach Angaben des ukrainischen Parlaments weißrussische Streitkräfte vor Kurzem die nördliche Grenze der Ukraine überquerten, strömen immer mehr freiwillige Kämpfer in die ukrainische Fremdenlegion.

Wichtig ist es, im medialen Dauerfeuer aus Meldungen zu Gefechten, Truppenbewegungen, Sanktionen und Flüchtlingsströmen langfristige Perspektiven nicht aus den Augen zu verlieren. Je mehr Szenarien im Vorhinein in Betracht gezogen werden, umso besser können nachhaltige Prognosen zum Ausgang des Krieges abgegeben werden.

Amerikanischer Experte: Regierungswechsel, Ende der Ukraine, Sowjet-Imperialismus oder Großmachtskrieg?

Eine Prognose, die kürzlich auf Twitter viel Zuspruch erhielt, stammt von Paul Poast, Professor für Politikwissenschaft an der renommierten University of Chicago. Poast skizziert vier Szenarios: „Erstens: vom Ausland auferlegter Regierungswechsel in Russland. Zweitens: der Tod des ukrainischen Staates durch russische Einverleibung. Drittens: Streben Moskaus nach Wiederherstellung sowjetischen Staatsgebiets. Viertens: Krieg der Großmächte.“

Welches Szenario das wahrscheinlichste ist, hängt laut Poast - neben der Widerstandskraft der Ukraine - davon ab, ob Putins Invasion sich lediglich auf die Ukraine begrenzt, oder ob der russische Präsident einen Angriff auf NATO-Mitgliedsstaaten im Sinne hat. Die jüngsten Reden Putins würden auf letztere Option hinweisen.

Sollte Putin die Ukraine schnell besetzen können, könnte dies zu einer gefährlichen Selbstüberschätzung Putins führen – ähnlich jener Hitlers im zweiten Weltkrieg. Unter solchen Umstanden hält Poast den Eintritt des dritten oder sogar vierten Szenarios für möglich.

Schließlich fügt der Wissenschaftler aber noch hinzu, dass Russland bei heftigem Widerstand der Ukrainer in einer Zwickmühle landen könnte – was wiederum in letzter Konsequenz zum Eintritt des ersten Szenarios, eines aus dem Ausland unterstützten Regierungswechsels in Moskau, führen könnte.

Polnischer Experte: Kann die Ukraine den Krieg noch gewinnen?

Kurz nach Kriegsausbruch berichteten die DWN über den polnischen Major Mariusz Kordowski: damals hielt er einen Regierungswechsel in Russland für wahrscheinlich und betonte, wie wichtig Waffenlieferungen seien.

Trotz des anhaltenden Vorrückens russischer Truppen in Richtung Kiew, seien die Aussichten der ukrainischen Armee gut, so der Sicherheitsexperte im konservativen Online-Medium „wpolityce.pl“: „Von Anfang an – noch vor Kriegsausbruch – war ich der Ansicht, dass die Option eines ukrainischen Siegs nicht vom Tisch ist, sondern vielmehr ein realistisches Szenario darstellt.“

Das könnte für Putin langfristig auch ein Grund werden, Friedensverhandlungen zuzustimmen – weil ein Sieg der Ukraine für ihn vollkommenes Versagen bedeuten würde. Er würde, so Kordowski, jeglichen Einfluss auf die Ukraine verlieren und darüber hinaus auch den Einfluss im eigenen Land: „Sobald Putin zu verlieren beginnt, kommt der Punkt, an dem er schnellstmöglich wieder an den Verhandlungstisch zurückkehrt.“

„Ich glaube daran, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen kann, weil sie über Unmengen von Kriegsgeräten sowie eine ungeheure Verteidigungsbereitschaft verfügt“, betont Kordowski. Außerdem hätte die Ukraine, wider alle Erwartungen, bewiesen, dass sie gut auf einen Angriff vorbereitet sei. Und überhaupt hätte die Ukraine auch das Überraschungsmoment auf ihrer Seite und sei militärisch und strategisch gut aufgestellt.

Die weißrussische Unterstützung Moskaus sieht er als nicht unumstößlich an: „Ich denke, dass die weißrussische Gesellschaft sich dieser Politik entgegenstellen könnte – sie könnte Flüchtlinge aufnehmen und vielleicht sogar weißrussischen Soldaten helfen, die diesen Krieg nicht wollen und dem Schlachtfeld entfliehen.“

Englischer Experte: Unterstützung in der Cybersicherheit und MarshallPlan für die Ukraine

Mathieu Boulegue ist Russland-Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim "Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten" in London. In einem jüngst bei der Deutschen Welle erschienen Interview beschreibt er seine Vermutungen im Hinblick auf die Entwicklung des Ukraine-Kriegs.

Ob die Ukrainer Kiew halten könnten, hänge davon ab, „ob Russland unter Zeitdruck steht und eine rasche Eroberung anstrebt, oder sich eine langfristige Belagerung leisten kann, während es seine Militäroperationen fortsetzt.“ Der Kampf um Kiew könne schnell vorüber sein, oder aber in einen blutigen Belagerungszustand übergehen, je nachdem, welches Ziel Russland verfolge.

Was Russland genau plant, könne er nicht genau einschätzen, so Boulegue. Für ihn sei es jedoch klar, „dass Russland ein Maximalziel verfolgt“. Drei Faktoren würden am Ende bestimmen, ob Russland in der Lage ist, dieses Ziel zu erreichen: Der Widerstand ukrainischer Truppe und die Reaktion des Westens („ernsthafte Bemühungen des Westens, die Kosten für Russland in die Höhe zu treiben“) sowie die Kampfbereitschaft der russischen Truppen.

Der Russland-Experte betont: „Kommt es aufgrund fehlender Moral oder Disziplin zu taktischen Fehlern, könnte das die russische Kosten-Nutzen-Abwägung ebenfalls beeinflussen.“ Außerdem stünde für die Ukrainer alles auf dem Spiel – sie würden bis zum Tod kämpfen. Für die Russen gelte das nicht. Zudem gäbe es Anzeichen für eine niedrige Kampfmoral unter russischen Streitkräften, wie am Einsatz vertraglich zu Kampfeinsätzen verpflichteter Soldaten zu beobachten.

Dem Westen rät Boulegue, die Gefahr einer weiteren Eskalation des Kriegs ernst zu nehmen. Diese könne dann eintreten, wenn Russland beginne, den Westen aufgrund von Waffenlieferungen als Kriegsgegner zu sehen. Dennoch müsste der Westen nicht tatenlos zu sehen: „Wir können und sollten militärische Unterstützung leisten auf dem Gebiet der Cybersicherheit und zur Bekämpfung von Desinformation, die der Kriegsführung dient. Viel kann auch hinsichtlich finanzieller Unterstützungen getan werden: Wir brauchen einen Marshall Plan für die Ukraine.“

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