Politik

Ex-CIA-Agent: Putin fürchtet sich vor einem Putsch durch den russischen Geheimdienst

Lesezeit: 3 min
10.03.2022 17:12  Aktualisiert: 10.03.2022 17:12
Gestern noch alte KGB-Kollegen, morgen schon Königsmörder? Warum Putins engster Zirkel zu seinem größten Problem werden könnte.
Ex-CIA-Agent: Putin fürchtet sich vor einem Putsch durch den russischen Geheimdienst
Sergej Naryschkin, Chef des russischen Inlandsgeheimdiensts, wird zu Putins engsten Vertrauten gezählt. Umso mehr verwundert, dass Putin ihn kürzlich noch öffentlich bloßstellte. (Foto: dpa)

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Als Putin bei einer Sitzung des russischen Sicherheitsrates am Montag vor dem russischen Angriff auf die Ukraine Sergei Naryschkin, den Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes (SWR), zurechtwies, sprachen internationale Medien von einer öffentlichen Demütigung. Und in der Tat: Die Art und Weise, auf die der russische Staatspräsident mit Naryshkin sprach, hatte in der Tat etwas Herablassendes an sich, aber gleichzeitig auch etwas Unsicheres.

Putin wirkte, als hätte er für einen Augenblick aufgrund der widersprüchlichen Aussagen Naryschkins – einerseits sprach er von letzten Verhandlungen mit dem Westen, andererseits von einer Annexion von Luhansk und Donezk, obwohl eigentlich nur die Anerkennung der Unabhängigkeit der Separatistengebiete im Raum stand – die Fassung verloren. Naryschkin wiederum war in diesem Moment die Panik ins Gesicht geschrieben. Anders sind seine Aussagen auch kaum zu deuten.

An der ganzen Angelegenheit verwundert zweierlei: Erstens, dass Putin so harsch mit seinem alten Kollegen aus KGB-Zeiten und politischen Protegé aus frühester Amtszeit umsprang – bevor Putin ihn in die nationale Politik gehievt hatte, arbeitete Naryschkin in der Sankt Petersburger Lokalpolitik. Zweitens, dass Naryschkin, der bis zu seinem Verrat durch einen Überläufer des KGB als Spion und Diplomat in Brüssel tätig war und darum als besonders auf Loyalität und Ehre bedacht gilt, so panisch reagiert.

Natürlich kann es sich bei der ganzen Situation auch nur um eine Offenbarung allzumenschlicher Schwächen in einem Moment höchster Anspannung gehandelt haben. Doch es besteht durchaus Grund zur Mutmaßung, dass das Vorkommnis symbolisch für zunehmend entstehende Bruchlinien innerhalb des Kremls steht. Bruchlinien, die gravierende Folgen für Putin haben könnten. Dieser Ansicht ist auch der ehemalige CIA-Agent Steven L. Hall.

In einem Interview mit dem US-amerikanischen Fachmedium für nationale Sicherheit „The Cipher Brief“, erklärt der Agent, der den Großteil seiner Geheimdienstkarriere mit Operationen im eurasischen und lateinamerikanischen Raum verbrachte, warum er einen Geheimdienst-Putsch gegen Putin für denkbar hält. So konstatiert Hall, der gleichzeitig betont, dass es immer schwierig sei, Putins Gedankenwelt nachzuvollziehen: „Ich denke, es ist sinnvoll, die merkwürdigen Aspekte von Putins letzten Reden, von denen manche zu Schimpftiraden wurden, in Betracht zu ziehen.“

Neben den Schimpftiraden seien es aber auch andere Verhaltensweisen Putins, die den ehemaligen CIA-Agenten Hall zur Annahme führen, der russische Präsident laufe zunehmend in Gefahr, sich unter seinen Getreuen politisch zu isolieren. Als weiteren Faktor einer möglichen Isolation Putins im Kreml stellt Hall aber auch den Ukraine-Krieg in den Raum. Hauptsächlich würden Putin laut Hall aber wahrscheinlich die „Siloviki“ (russisch für „mächtige Männer) Sorgen bereiten. Jene politischen Eliten, die sich aus russischen Militär- und Geheimdienstzirkeln rekrutieren – und denen Putin selbst in Russland während seiner Regierungszeit zu stetig wachsender Macht verholfen hatte.

Kann es also sein, dass Putin sich vor einem Königsmord fürchten muss, der von seinem eigenen inneren Zirkel ausgehen könnte? Hall betont, dass ein Putsch denkbar wäre: „Er sorgt sich, dass ihm passiert, was Gorbatschow 1991 passiert war [Anm. d. Red.: 1991 putschten hochrangige Sowjet-Militärs gegen den für seine Politik der Öffnung zum Westen bekannten russischen Präsidenten]. Und das dürfte ihn natürlich verrückt machen, Putin dürfte sich Tag und Nacht darum Gedanken machen – und sich ständig von den Siloviki beobachtet fühlen.“ Viele Menschen glaubten, so Hall, dass es die Oligarchen oder Massenproteste wären, welche Putin im Ernstfall entmachten würden.

Das hält der Ex-CIA-Agent jedoch für unwahrscheinlich: „Wenn da irgendetwas intern in Russland passiert, dann wird es von Leuten wie Nikolai Patruschew ausgehen, dem Sekretär des russischen Sicherheitsrats – von ihm und seinen Geheimdienstchefs.“ Das sei die Sorge Putins. Und so ließe sich laut Hall auch das „merkwürdige Verhalten“ des russischen Präsidenten erklären.

Dazu passe auch die öffentliche Demütigung Naryschkins: „Putin verhielt sich auf eine für ihn uncharakteristische Weise, nicht nur gegenüber einem Mitglied elitärer Sicherheitskreise, sondern auch in Gegenwart seines inneren Kreises. Jeder hat diese Demütigung gesehen und wer sie nicht direkt gesehen hat, wird sicherlich im Nachgang von ihr gehört haben.“ Zwischen den Zeilen heißt das: Es ist gut möglich, dass Putin an Naryschkin ein Exempel statuiert hat – entweder ihr steht zu hundert Prozent hinter mir, denn es war der Konjunktiv, das Wörtchen „würde“ das Putin an Naryschkins Antwort so reizte, oder ihr seid gegen mich.

Weiter weise der Putsch gegen Gorbatschow laut Hall im Vergleich mit der jetzigen Situation im Kreml mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf: „Die Hauptmotivation für die Siloviki, 1991 gegen Gorbatschow zu putschen, war, dass sie glaubten, die Sowjetunion bräche zusammen. Darum sagten sie: Wir können das nicht zulassen, wir müssen die Sowjetunion retten.“

Heute wiederum stünde Russland abermals vorm Zusammenbruch. Als Hinweise auf einen solchen führt Hall unter anderem den drastischen Wertverlust des Rubels sowie den Einbruch des russischen Aktienmarkts an. Alles das könnte die Siloviki zum Schluss kommen lassen, dass sie etwas tun müssen, um Russland zu retten – sei es auch, um in letzter Sekunde einen vom politisch vollkommen isolierten Putin angezettelten Atomkrieg zu verhindern.

Eines jedenfalls ist in Augen Halls klar: Die Zustände in Russland dürften sich zunehmend verschlechtern. Die bereits jetzt virulenten Demonstrationen und die – auch aus eigenen Reihen kommende – wachsende Kritik am Präsidenten könnten zu Unruhen werden, spätestens wenn das Geld der Menschen nichts mehr wert ist, wenn der Lebensmittelkauf erschwert wird und wenn die Kreditkarten nicht mehr funktionieren. Die Unruhen wiederum würden die Sicherheitskräfte – und somit, so lässt sich Halls Aussage interpretieren, auch die Siloviki – vor die moralische Entscheidung stellen, für oder gegen das Volk zu kämpfen. Ob das von Hall gezeichnete Szenario sich verwirklicht oder nicht: Klar ist, dass sowohl Russland als auch dem Westen Entscheidungen und Umbrüche von historischen Ausmaßen bevorstehen könnten.


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