Finanzen

„Es ist höchste Zeit“: US-Notenbank zündet erste Stufe der Zinsrakete

Angesichts der höchsten Inflation seit 40 Jahren stehen die Zeichen in den USA auf Zinserhöhung.
14.03.2022 11:33
Aktualisiert: 14.03.2022 11:33
Lesezeit: 2 min
„Es ist höchste Zeit“: US-Notenbank zündet erste Stufe der Zinsrakete
Die sogenannte Zinsrakete steht in den Startlöchern. (Foto: dpa) Foto: Wang Xin

Angesichts der höchsten Inflation seit 40 Jahren stehen die Zeichen in den USA auf Zinserhöhung. Nach Signalen von Notenbank-Chef Jerome Powell rechnen die Finanzmärkte weltweit für Mittwoch mit einer Zäsur: Zwei Jahre nachdem die Zentralbank Federal Reserve den Leitzins nach dem Corona-Schock im Frühjahr 2020 nahe an die Null-Linie gedrückt hat, wird der Preis des Geldes verteuert. Die in Anlehnung an einen Raketenstart als „Lift-Off“ bezeichnete erste Erhöhung ist nur die erste Stufe, die von der Fed gezündet wird. Sie dürfte den Leitzins um einen Viertel Prozentpunkt nach oben tragen. Dieses Starttempo fällt damit noch relativ moderat aus - auch weil sich die Fed kurz nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine nur vorsichtig vorwagen dürfte.

Doch eine katapultartige Erhöhung um einem halben Punkt, wie es sie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gegeben hat, könnte bald folgen, wenn sich der Rauch des Krieges verzogen haben sollte. Denn die Fed wird es in den kommenden Wochen und Monaten eilig haben, angesichts der rasant steigenden Verbraucherpreise die Zinsen in die Höhe zu schrauben. Nicht mehr zeitgemäß wirkt der geldpolitische Schlüsselsatz von null bis 0,25 Prozent, während die Inflation auf „astronomische 7,9 Prozent“ nach oben geschnellt ist, wie es KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib formuliert.

Die russische Invasion in der Ukraine lastet zwar auf den weiteren Wachstumsaussichten der USA. „Allerdings dominiert aus Sicht der Fed wohl der kurzfristige zusätzliche inflationäre Impuls. Schließlich sind im Gefolge der Invasion die Ölpreise massiv gestiegen, was die Benzinpreise an den Tankstellen auf neue Rekordhöhen getrieben hat“, meint Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. Die Teuerung dürfte seiner Ansicht nach im März weiter steigen.

Die US-Notenbank gerät damit mächtig unter Zugzwang, da sie ihr Ziel von 2,0 Prozent massiv verfehlt. Zugleich läuft der US-Arbeitsmarkt heiß. Im Februar sank die Arbeitslosenquote auf 3,8 Prozent und somit auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Pandemie. „Der enge Arbeitsmarkt und die Gefahr einer sich schneller drehenden Lohn-Preis-Spirale erhöhen die Inflationsrisiken. Für die Fed ist es also höchste Zeit zu reagieren“, mahnt die KfW-Chefvolkswirtin.

Laut der Notenbank bleibt der Inflationsdruck hoch. Und für die Arbeitgeber sei es weiter schwer, Personal zu finden, warnte sie in ihrem Konjunkturbericht. „Für die Fed wird die Preisentwicklung zu einem immer größeren Problem“, so Commerzbank-Ökonom Weidensteiner. Aus der temporären Spitze der Inflationsraten, die man noch auf von der Pandemie bedingte Verwerfungen zurückführen konnte, sei eine „breite Bergkuppe“ geworden. Die Fed dürfte seiner Ansicht nach ihre Prognose für die Inflationsrate deutlich anheben. Bei der Projektion im Dezember hielten die Währungshüter für Ende 2022 eine Inflationsrate von 2,6 Prozent für wahrscheinlich: Nun könnte eine Fünf vor dem Komma stehen.

Doch trotz der Inflationsrisiken mahnte US-Währungshüter Charles Evans jüngst, es mit Straffungsschritten nicht zu übertreiben. Es ginge über das Erforderliche hinaus, wenn die Zinsen bei jeder Sitzung im laufenden Jahr erhöht würden, sagte der Chef des Fed-Bezirks Chicago. Wie stark die Währungshüter die Zügel anziehen wollen, wird aus dem Zinsausblick ersichtlich, der am Mittwoch aktualisiert wird. Die Währungshüter zeichnen in dieser im Fachjargon als „Dot Plot“ bekannten Projektion die Zinshöhe ein, die sie künftig für angemessen halten.

Im Dezember hatten sie im Mittel drei Zinsschritte nach oben für 2022 signalisiert. Ende des Jahres würde das Niveau demnach bei rund 0,9 Prozent liegen. Der neue „Dot Plot“ dürfte es deutlich höher ansiedeln: Von Reuters befragte Ökonomen erwarten mehrheitlich, dass der Zins dann bei 1,25 bis 1,5 Prozent liegen wird. An den Terminmärkten wird nach dem zu erwartenden Zinsstakkato sogar ein noch höheres Niveau von bis zu 1,75 Prozent für möglich gehalten.

Hinzu kommt, dass die Fed auch ihre in der Corona-Pandemie massiv aufgeblähte Bilanz eindampfen will, womit den Märkten Liquidität entzogen würde. Die Volkswirte der DWS rechnen damit, dass die Fed am Mittwoch auch Details dazu nennen wird. Wahrscheinlich könne sich die Fed eine restriktivere Geldpolitik eher erlauben als die Europäische Zentralbank: "Doch Inflation und Krieg werden wohl beide Zentralbanken noch eine Weile auf Trab halten."

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft PMI Deutschland: Manager so optimistisch wie seit 2022 nicht mehr
26.01.2026

Der Einkaufsmanagerindex signalisiert Aufbruchstimmung in Deutschland und im Euroraum. Doch hinter den positiven PMI-Werten verbergen sich...

DWN
Technologie
Technologie KI-Skandal: EU leitet Verfahren gegen Musks Plattform X wegen KI-Missbrauch ein
26.01.2026

Die EU-Kommission geht wegen mutmaßlich unzureichender Kontrolle über KI-generierte Inhalte gegen die Plattform X von Elon Musk vor. Im...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stabilo, Faber-Castell und Staedtler: Digitalisierung und Wirtschaftskrise treffen Stifte-Hersteller
26.01.2026

Die Hersteller von Textmarker, Buntstift und Co. stecken in der Krise: Im Digital-Zeitalter greifen immer weniger Menschen zum Stift....

DWN
Politik
Politik NATO-Generalsekretär gibt den Inhalt des Gesprächs bekannt, das Donald Trump umgestimmt hat
26.01.2026

Ein vertrauliches Gespräch zwischen Donald Trump und NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat die politische Lage abrupt verändert. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen Neobroker im Trend: Junge Anleger riskieren oft mehr, als sie wissen
26.01.2026

Aktien per App handeln wird bei jungen Menschen immer beliebter. Doch Experten warnen: Viele unterschätzen die Risiken der Börse....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Geschäftsklimaindex zum Jahresstart unter den Erwartungen: Wirtschaft ohne Schwung
26.01.2026

Die deutsche Wirtschaft ist überraschend verhalten ins Jahr 2026 gestartet: Der Ifo-Geschäftsklimaindex blieb im Januar bei 87,6 Punkten...

DWN
Technologie
Technologie Nordsee-Anrainer bündeln Kräfte: Großes Windkraftprojekt geplant
26.01.2026

Deutschland und andere Nordsee-Anrainer wollen den Ausbau der Offshore-Windenergie beschleunigen. Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Elektroindustrie sieht Licht am Ende der Flaute: Wachstum für 2026 erwartet
26.01.2026

Nach drei Jahren stagnierender Produktion blickt die deutsche Elektroindustrie optimistisch auf 2026. Der Branchenverband ZVEI...