Deutschland

Wegen Sanktionen: Kaum Wirtschaftswachstum und starke Inflation

Das Ifo-Institut erwartet für Deutschland wegen der Sanktionspolitik nur ein geringes Wirtschaftswachstum, mehr Kurzarbeit und bis zu 6,1 Prozent Inflation.
23.03.2022 10:27
Aktualisiert: 23.03.2022 10:27
Lesezeit: 2 min

Die Folgen des Ukraine-Kriegs bremsen die deutsche Wirtschaft laut Ifo-Institut 2022 deutlich und treiben zugleich die Inflation extrem hoch. "Wir erwarten in diesem Jahr nur noch zwischen 2,2 und 3,1 Prozent Wachstum", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser am Mittwoch zur neuen Prognose der Münchner Ökonomen und Regierungsberater. Zuvor hatten sie noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,7 Prozent gerechnet. "Die russische Attacke dämpft die Konjunktur über deutlich gestiegene Rohstoffpreise, die Sanktionen, zunehmende Lieferengpässe bei Rohmaterialien und Vorprodukten sowie erhöhte wirtschaftliche Unsicherheit." Die Inflation dürfte so schneller steigen als gedacht. Das Ifo rechnet mit 5,1 bis 6,1 Prozent für 2022 statt der im Dezember erwarteten 3,3 Prozent.

Insgesamt gehe durch anziehende Verbraucherpreise allein im ersten Quartal Kaufkraft von sechs Milliarden Euro verloren. Für das gesamte Jahr könnte sich dies auf etwa 30 Milliarden Euro erhöhen. "Gleichzeitig dürften die vollen Auftragsbücher der Industrie und die Normalisierung bei Corona der Konjunktur einen kräftigen Schub geben", sagte Wollmershäuser. Denn vor dem Krieg sei die Wirtschaft besser ins Jahr gestartet als gedacht. 2023 werde das Wachstum auf 3,3 bis 3,9 Prozent zulegen und die Inflation auf etwa 2,0 Prozent abebben.

Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) kappte seine Wachstumsprognose für 2022 auf 2,2 Prozent und erwartet ebenfalls rasant steigende Preise im gesamten Euro-Raum. "Wir rechnen in den kommenden Monaten mit einem Anstieg der Inflation auf über sieben Prozent - so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr", erklärte BdB-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig. Im Jahresschnitt dürfte die Teuerungsrate in Deutschland auf 5,9 Prozent steigen, in der Euro-Zone auf 6,1 Prozent.

Ifo-Präsident Clemens Fuest appellierte an die Ampel-Koalition, die Verbraucher gezielt, aber befristet zu entlasten. "Gezielte Maßnahmen statt Gießganne", sagte der Volkswirt. Das derzeit diskutierte Mobilitätsgeld oder eine Benzinpreissenkung sehe er skeptisch, ein Heizkostenzuschuss hingegen sei sinnvoll.

KEINE ENERGIE AUS RUSSLAND? - REZESSION WÄRE WAHRSCHEINLICH

Der Westen hat massive Sanktionen gegen Russland verhängt und Deutschland lotet aus, wie es die enorme Abhängigkeit von russischer Energie mittelfristig reduzieren kann. Sollte es ein komplettes Embargo für Energieimporte geben, seien die kurzfristigen Folgen für die Konjunktur schwer abzuschätzen, sagte Wollmershäuser. Wahrscheinlich werde es dann aber zu einer Rezession kommen - und damit zu einem Einbruch der Wirtschaft. Der Industrieverband BDI warnte vor dem EU-Gipfel, es dürfe bei weiteren Sanktionen gegen Russland keine "übereilten Reaktionen" geben. "Bei ausbleibenden Energielieferungen drohen Produktionsstopps mit unübersehbaren Folgen für Lieferketten, Beschäftigung und auch die politische Handlungsfähigkeit unseres Landes", erklärte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

Wegen der unsicheren Lage berechnete das Ifo-Institut zwei Prognosen. Das optimistische Szenario unterstellt, dass die Rohstoffpreise ihren Höhepunkt hinter sich gelassen haben und in den kommenden Monaten sinken. Im pessistischen Szenario hingegen spitzt sich die Lage demnächst noch zu. In der Folge könnten die privaten Konsumausgaben dieses Jahr zwischen 3,7 und 5,0 Prozent steigen. Entscheidend ist laut Ifo, ob die Verbraucherinnen und Verbraucher sich beim Konsum zurückhalten oder ob sie das im Corona-Lockdown Ersparte einsetzen, um die Folgen der Inflation abzupuffern. Die Ausrüstungsinvestitionen der Firmen dürften zwischen 0,0 und 3,9 Prozent klettern.

Das Problem der Materialengpässe sei nicht vom Tisch und könnte sich durch den Krieg oder Lockdowns in China verschärfen, warnte Fuest. Er erwarte nicht, dass Firmen künftig nun mehr Lieferanten in Deutschland suchten. Wichtig sei, die Lieferketten breiter aufzustellen und international auf mehrere Quellen zu setzen. Das koste zwar mehr, aber: "Die Produktion zuhause anzusiedeln oder in Europa, macht sie nicht sicherer."

Im Dezember hatte das Ifo-Institut seine BIP-Schätzung wegen der verschärften Corona-Lage und hoher Inflation bereits von 5,1 Prozent deutlich gesenkt. Auch andere Institute wie das Kieler IfW, das Essener RWI oder das IWH aus Halle haben ihre Wachstumsprognosen vor kurzem massiv gestutzt.

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