Politik

George Friedman: Wenn Putin stürzt, wird sich Deutschland wieder gegenüber Russland öffnen

Im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten äußert sich der US-Geopolitiker George Friedman zur Lage in der Ukraine und in Europa.
23.03.2022 14:02
Aktualisiert: 23.03.2022 14:02
Lesezeit: 2 min

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Warum wollten die Polen und Osteuropäer keine muslimischen Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen, während die ukrainischen Flüchtlinge massenhaft aufgenommen werden?

George Friedman: Der islamistische Terrorismus spielte eine wichtige Rolle. Auch darf nicht vergessen werden, dass Polen, Ungarn und andere Osteuropäer ihre nationale Identität bewahren wollen. Das hat etwas mit der Geschichte Osteuropas zu tun.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird der Krieg in der Ukraine die europäische Wirtschaft zerstören?

George Friedman: Das glaube ich nicht. Europas Wirtschaft wurde nicht besonders geschädigt. Die wichtige

Frage ist, was mit Russlands Wirtschaft passieren wird. Russland wird maßlos überschätzt. Seine Wirtschaft liegt beim BIP hinter Südkorea. Wir sehen jetzt, dass auch das Militär tiefe Schwächen hat. Daher gibt es klare Grenzen dafür, was Russland als Vergeltung in Europa tun kann, und wir sollten Russland nicht als Supermacht, sondern als ein gewöhnliches Land mit vielen Schwächen betrachten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird Russland in weitere Länder einmarschieren?

George Friedman: Wenn Russland erfolgreich ist, wird es an die Grenzen der NATO stoßen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ist die ballistische Luft-Boden-Hyperschallrakete „Kinjal“ tatsächlich eine mächtige Waffe?

George Friedman: Nein. Die Russen profitieren nur davon, dass die Ukraine keine wirkliche Luftverteidigung hat. Es ist keine Superwaffe. Aber Moskau ist auf militärische Propagandakriegsführung umgestiegen. Das ist alles.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie würden Sie die Position der Türkei im Ukraine-Krieg beschreiben?

George Friedman: Die Position der Türkei ist, für alles offen zu sein, doch nahe an nichts zu sein.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Besteht noch die Möglichkeit, ein deutsch-russisches Bündnis zu schmieden?

George Friedman: Wenn Putin diesen Krieg politisch überleben sollte, wird das nicht möglich sein. Kommt es zu einem Regime-Change in Moskau, wird sich Berlin wieder gegenüber Moskau öffnen, weil es im Interesse der Deutschen ist. Wenn die Ukraine diesen Krieg endgültig verliert, werden Deutschland und Polen auch sehr anfällig für russische Aktionen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Befinden wir uns in einem neuen Kalten Krieg?

George Friedman: Wir befinden uns seit langem in einem Kalten Krieg. Europa befindet sich in einem neuen Kalten Krieg, weil es die Ukraine unterstützt. Gleiches gilt für die NATO und die USA.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird es in den nächsten Jahren mehr Kriege in Europa geben?

George Friedman: Die Europäer dachten, Krieg sei nicht mehr Teil Europas. Aber Krieg war schon immer ein Teil Europas. Das wird sich nicht ändern. Die Sicherheit Europas hängt von der Gunst anderer Mächte ab. Diese Mächte sind die USA, Russland und China.

Dr. George Friedman ist Gründer und Vorsitzender des US-Informationsdiensts Geopolitical Futures.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie KI-Einsatz in Unternehmen: Warum die Wirtschaft bislang nur punktuell profitiert
15.02.2026

Künstliche Intelligenz gilt als möglicher Hebel für höhere Produktivität in Unternehmen und Volkswirtschaften, doch ihr...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus
15.02.2026

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt laut Prognosen der Bank Citadele in einen neuen Konjunkturzyklus ein, getragen von sinkenden Zinsen und...

DWN
Finanzen
Finanzen Investitionsstrategien im KI-Zeitalter: Kriterien für langfristige Wertschöpfung
15.02.2026

Künstliche Intelligenz prägt Investitionsentscheidungen und verändert die Bewertungsmaßstäbe an den Finanzmärkten. Wie lassen sich im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schlüsselindustrien im Umbruch: Deutschlands Rolle am europäischen Markt
15.02.2026

Deutschland steht vor neuen wirtschaftlichen Weichenstellungen in einem sich wandelnden europäischen Umfeld. Wie lässt sich unter diesen...

DWN
Politik
Politik Grenzwerte: Umweltbundesamt bestätigt ausreichende Luftqualität in Deutschland
15.02.2026

Die Europäische Union gibt Grenzwerte vor, die in den Ländern eingehalten werden müssen. Die Luftqualität in Deutschland hat im...

DWN
Technologie
Technologie Elektronische Patientenakte spärlich genutzt: Gesundheitsministerin will ePA attraktiver machen
15.02.2026

Gesundheitsministerin Nina Warken weiß, dass bisher nur ein Bruchteil der gesetzlich Versicherten die sogenannte ePA aktiv nutzen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB setzt auf strikte Regeln für Banken: Kapital als Stabilitätsanker
15.02.2026

Die EZB hält trotz politischen Drucks an strikten Kapitalregeln für Banken fest und warnt vor Risiken für die Finanzstabilität. Welche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...