Deutschland

Scholz warnt vor massivem Wirtschaftseinbruch durch Energie-Embargo gegen Russland

Bundeskanzler Olaf Scholz hat erneut einen sofortigen Stopp von Energieimporten aus Russland abgelehnt und vor schwerwiegenden Folgen einer solchen Entscheidung gewarnt.
28.03.2022 09:00
Aktualisiert: 28.03.2022 09:17
Lesezeit: 1 min

Bundeskanzler Olaf Scholz hat erneut einen sofortigen Stopp von Energieimporten aus Russland abgelehnt und vor den Folgen gewarnt, wenn Russland seinerseits den Gas- und Ölhahn zudrehen sollte. Man sei vorbereitet, sagte er am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will". "Aber wenn von einem Tag auf den anderen diese Importe ausblieben, würde das dazu führen, dass ganze Industriezweige ihre Tätigkeit einstellen müssten", fügte der SPD-Politiker hinzu. Es gehe um "unglaublich viele Arbeitsplätze". Scholz übte massive Kritik etwa an Wirtschaftswissenschaftlern, die nun mit mathematischen Modellen vorrechneten, wie viel Gas in der Theorie zur Verfügung stehe und dann einen Import-Bann forderten. Dies sei "unverantwortlich", kritisierte der Kanzler.

Denn Wirtschaftsvertreter wüssten ganz genau, dass die Realität anders aussehe. Das Gas müsse auch dorthin gelangen können, wo es gebraucht werde. Dafür seien Leitungen aber noch nicht vorbereitet. In Europa sein auch viele Pipelines in osteuropäischen Staaten ganz auf eine Belieferung von Osten aus ausgerichtet. Der Kanzler übte zudem Kritik an EU-Staaten, die zwar lautstark öffentlich einen Ausstieg forderten, aber ihrerseits fleißig weiter russisches Gas einkauften. Namen von Ländern nannte Scholz nicht.

Dennoch bemühe sich die Bundesregierung, so schnell wie möglich aus Kohle, Gas und Öl aus Russland auszusteigen. Der Import russischer Kohle nach Deutschland könnte schon bald enden, sagte er. "Das kann schon in diesem Jahr gelingen." Auch bei Öl könne es sehr schnell gehen.

Die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie warnt vor einem massiven Arbeitsplatzverlust bei einem sofortigen Stopp der Energieimporte aus Russland. "Wenn wir keine Kompensation haben, wird das über einen relativ kurzen Zeitraum Hunderttausende Arbeitsplätze kosten, aber vor allen Dingen auch Auswirkungen in der Versorgung haben", sagt IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis im Deutschlandfunk. Bei 50 Prozent Reduktion würde etwa der größte Chemiestandort der Welt in Ludwigshafen auf null heruntergefahren werden müssen, weil er dann insgesamt nicht mehr stabil zu betreiben sei. Die Beschäftigten würden dann auf Kurzarbeit gehen oder ihren Job verlieren. Zudem würde die gesamte Produktion nicht mehr zur Verfügung stehen und in vielen Wirtschaftsbereichen wie etwa der Pharma- und der Bau-Industrie fehlen. Das könne sogar weltweit empfindlich spürbar sein.

Auch die künftige saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger hat sich skeptisch über einen Stopp der Energielieferungen aus Russland geäußert. Man müsse abwägen, ob man mit diesem Schritt das Ziel eines russischen Kriegsendes überhaupt erreiche, sagt die SPD-Politikerin in der ARD. "Da habe ich schon meine Zweifel." Man müsse das ins Verhältnis zu den Risiken für die Folgen auch in Deutschland setzen. Deshalb brauche man eine "kluge Politik" und dürfe nicht vorschnell handeln.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Festkörperbatterien lassen auf sich warten – könnte die Halbfestkörper-Technologie zur Brückentechnologie der Energiespeicherung werden?

Die Batteriewirtschaft befindet sich derzeit in einer bemerkenswerten Übergangsphase. Während nahezu alle großen Hersteller langfristig...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Chiphersteller Micron und Intel unter Druck, da OpenAI Berichten zufolge IPO-Verzögerung erwägt
26.06.2026

Spannende Verschiebungen an der US-Börse: Was die jüngsten Marktbewegungen für Ihr Portfolio bedeuten könnten.

DWN
Panorama
Panorama Imperien abseits des Rasens: Das verdienen die WM-Stars als Unternehmer
26.06.2026

Die bestbezahlten Fußballer der Welt definieren Reichtum neu. Längst reicht das Einkommen aus ihren Profiverträgen nicht mehr aus –...

DWN
Technologie
Technologie IT-Riese zerstreut Panik wegen gefürchtetem KI-Modell
26.06.2026

Der US-amerikanische IT-Riese Cisco ist eines der wenigen Unternehmen, denen es gestattet wurde, das berüchtigte KI-Modell Mythos zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (07/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen
26.06.2026

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Sensoren-Hersteller Balluff: „Es braucht Mut zu unbequemen Entscheidungen.“
26.06.2026

Balluff hat sich in über 100 Jahren von einer Reparaturwerkstatt zum Global Player für Sensoren und Automatisierungslösungen entwickelt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schluss mit Billig-Importen: EU stoppt Zoll-Ausnahme für Temu, Shein und Co.
26.06.2026

Wer schnellen Schnäppchen aus Fernost nachjagt, muss sich ab Sommer auf höhere Preise einstellen. Die Europäische Union schafft die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Millionenspritze für Galeria: Rettung auf Zeit oder echte Kehrtwende?
26.06.2026

Galeria steht vor der nächsten Sanierungswelle. Nach zähen Verhandlungen erhält die angeschlagene Warenhauskette einen neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bargeld bedroht? Bundesfinanzministerium kündigt Gesetze gegen Steuerbetrug an
26.06.2026

Das Bundesfinanzministerium geht gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche vor. Wie Staatssekretär Michael Schrodi (SPD) nach einem...