Finanzen

KUBIN ANALYSIERT: Kurs-Einbrüche an der Börse - Chinas Wirtschaft gerät in schweres Fahrwasser

Die Börsenindizes in China und Hongkong kündigen einen massiven Abschwung an.
22.04.2022 17:19
Aktualisiert: 22.04.2022 17:19
Lesezeit: 4 min
KUBIN ANALYSIERT: Kurs-Einbrüche an der Börse - Chinas Wirtschaft gerät in schweres Fahrwasser
Der Hang Seng-Index am 12. März dieses Jahres. (Foto: dpa) Foto: Vincent Yu

Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Entwicklung des Hang Seng-Indexes verfolgt hat, bei dem müssen die Alarmglocken schrillen! Wobei - schwer zu glauben, aber wahr - die Ereignisse vielen Medien keinen Kommentar wert sind. Und das, obwohl der Hang Seng der wichtigste Index Hongkongs ist und damit einer der bedeutendsten im Mega-Kontinent Asien. Die in ihm enthaltenen Unternehmen lesen sich wie ein Who is Who der chinesischen und Hongkonger Wirtschaft.

Wobei es für die jüngsten Kurs-Einbrüche eine naheliegende Erklärung gibt: Sie sind nicht zuletzt das Ergebnis neuerlicher Lockdowns und Abriegelungen, die in der zweiten Märzwoche 2022 umgesetzt wurden und seither wirksam sind. Die chinesische Regierung hat eine Hafenstadt wie Shenzhen mit mehr als 17 Millionen Einwohnern in den Lockdown geschickt und eine ganze Provinz wie Jilin (mehr als 24 Millionen Einwohner) vollständig abgeriegelt.

Das beantwortet aber noch nicht folgende Frage: Warum befindet sich der Hang Seng seit mittlerweile mehr als einem Jahr kontinuierlich im Abwärtstrend?

Anmerkung: Ein rascher, plötzlicher Börseneinbruch würde mir weniger Kopfzerbrechen bereiten, denn eine Börsenweisheit sagt: Auf rasche, plötzliche Einbrüche erfolgen in der Regel starke Anstiege.

Fakt ist: Am 15. März dieses Jahres markierte der Hang Seng bei einem Schlusskurs von 18.415 Punkten, was ein Tagesminus von 5,72 Prozent und circa ein Fünfjahrestief bedeutete. Seitdem erholte er sich zwar leicht, knickte jedoch am Mittwoch vor zwei Tagen, also den 20. April, wieder etwas ein auf 20.930 Punkte.

Einschub: Einige besonders wichtige Daten in der Historie des Hang Seng Indexes: Befand er sich am 1. Januar 2018 noch auf einem Hoch von 32.887 Punkten, ging es danach steil bergab. Am ersten Mai 2020 notierte er bei einem damaligen Mehrjahrestief von nur 22.961 Punkten, am 15. März dieses Jahres erreichte er mit nur 18.415 Punkten einen neuen Tiefststand. Zwar legte er am 16. März mit 22.154 Punkten einen fulminanten Rebound hin, doch steht er derzeit (Stichtag 20. April), wie schon erwähnt, wieder bei nur 20.930 Punkten.

Irrungen und Wirrungen

Wie man sich irren kann: Die FAZ schreibt am März unter dem Titel: Chinas Aktien unter Druck - “Überhaupt keine Rolle mehr spielt die Pandemie ...“

Das obige Chartbild widerspricht der in der FAZ publizierten Annahme zweifellos eklatant. Nun hatte der große Börsen-Experte André Kostolany sicherlich nicht ganz unrecht mit seiner Aussage, dass Charts zu interpretieren eine Art von „Kaffeesudlesen“ sei. Trotzdem lassen sich an ihnen nicht selten doch gewissen Tendenzen und Entwicklungen erkennen - so auch an dem von der „China Securities Index Company“ herausgegebenen Shanghai Composite Index (SSEC):

Er ist binnen Jahresfrist um satte 8,15 Prozent auf 3.151 Punkte (Stand 20. April) eingebrochen! Wichtig: Er gilt als der wichtigste Aktienindex in China (ohne Hongkong). Dieser nach Marktkapitalisierung gewichteter Kursindex umfasst alle an der Shanghaier Börse gelisteten Aktiengesellschaften. Noch am 13. September letzten Jahres markierte er bei einem Fünfjahres-Rekordhoch von 3.715 Zählern. Im Jahr 2015 lag er sogar schon einmal bei knapp über 5.160 Punkten

Fazit: Wenn wir davon ausgehen, dass Börsen in der Regel das nächste halbe Jahr vorwegnehmen, dann zeigt sich, und zwar deutlich, dass der Wirtschaftsmotor in China gehörig ins Stottern gerät.

Analyse "Alibaba"

Deutlich aus seiner Bahn geworfen ist auch der Börsen-Gigant „Alibaba“ („Tencent“ ist es übrigens auch) - er bereitet wegen des Durchgreifens chinesischer Behörden einen umfangreichen Stellenabbau vor. Zehntausende von Arbeitsplätzen sollen gestrichen werden (mehr als 35.000!), weil Chinas Behörden dem auf Laissez-faire beruhenden ungebremsten Wachstum nicht weiter zuzusehen bereit sind. Dieses harte Durchgreifen stößt den Investoren schon seit geraumer Zeit sauer auf - am sinkenden Aktienkurs ist das deutlich zu erkennen.

Zwar machte Alibaba am 21. März eine starke Gegenbewegung nach oben bis auf 112,62 Dollar, doch sackte die Notiz mittlerweile wieder auf 90,51 Dollar ab (Stand 20. April 2022). Derzeit sieht es nach einer Bullenfalle aus!

Übrigens: Am 21. März kündigte Alibaba an, sein bis März 2024 laufendes Aktienrückkaufprogramm von 15 auf 25 Milliarden US-Dollar aufzustocken.

Immerhin: Ein neuer Bericht von „Canalys“ (das führende Analystenhaus für den globalen Technologiemarkt) zeigt, dass Alibaba trotz allem der unangefochtene Marktführer unter den Cloud-Anbietern in China bleibt!

Der chinesische Markt für Cloud-Infrastrukturdienste wuchs laut Canalys im Jahr 2021 stark um 45 Prozent auf 27,4 Milliarden US-Dollar, zusätzlich zu dem Wachstum von 33 Prozent im Jahr 2020.

Pandemiebedingte Konsumtreiber wie Home Office und, E-Commerce und Video Streaming seien für einen Großteil des Aufschwungs verantwortlich, so Canalys weiter. Seine Analysten gehen davon aus, dass der chinesische Cloud-Markt in den nächsten fünf Jahren mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 25 Prozent auf 85 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026 anwachsen wird.

Um es nochmals zu wiederholen: Hauptursache für Alibabas Börseneinbruch (und für den Börseneinbruch anderer Unternehmen) war die verschärfte staatliche Regulierung. Aus Furcht vor einer aufkeimenden Rezession beschloss die chinesische Regierung Maßnahmen zur Förderung der Wirtschaft. Unter anderem stellte der stellvertretende chinesische Ministerpräsident Liu He plötzlich Konjunkturhilfen und eine Förderung der internetbasierten Industrie in Aussicht. Auch mit ein Grund, weshalb chinesische Aktien in der 11. Kalenderwoche (14. bis 20. März) kräftig anzogen (Alibaba stieg an jenem Rebound-Tag des 16. März an Hongkongs Börse um sagenhafte 27 Prozent). Nun muss aber die chinesische Führung ihren vollmundigen Ankündigungen auch langsam Taten folgen lassen!

Nochmal zur Erinnerung: Noch 2020 wollte Alibaba Gründer Jack-Ma mit dem Mega-Börsengang von „Ant-Financial“ (es wäre der bis dahin global größte Börsengang geworden) ein ganz großes Ding durchziehen. Die chinesischen Behörden bremsten Jack Ma jedoch aus und erteilten Ant-Financial keine Genehmigung.

FAZIT:

Wir verharren gespannt, ob es in China wirklich zu einem Ende der Regulierung kommt und die vollmundigen Ankündigungen in Sachen staatlicher Unterstützung der Wirtschaft auch wirklich umgesetzt werden.

Hat die chinesische Führung erkannt, dass man mit strenger staatlicher Regulierungen die Wirtschaft abwürgt und Investoren vergrault? Wir sind gespannt, wie die Antwort auf diese Frage ausfallen wird. Die (nahe) Zukunft wird es zeigen …

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Andreas Kubin

Andreas Kubin lebt in Oberösterreich, hat ein MBA mit Schwerpunkt "Finanzen" und verfügt über drei Jahrzehnte Börsen-Erfahrung. 
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