Finanzen

Entlädt China die geldpolitische „Bazooka“?

Die harte Null Covid Politik hat in China erhebliche wirtschaftliche Kollateralschäden verursacht. Die chinesische Zentralbank dürfte nun in Versuchung geraten, die Zinsen drastisch zu senken, um die angeschlagene Wirtschaft zu stützen. Es gibt aber einen Haken an der Sache.
23.05.2022 18:19
Aktualisiert: 23.05.2022 18:19
Lesezeit: 4 min
Entlädt China die geldpolitische „Bazooka“?
Chinas Wirtschaft und der Yuan schwächeln, aber die Zentralbank hat noch ein Ass im Ärmel. (Foto: dpa) Foto: Wu Hong

China hat jüngst den wichtigen Leitzinssatz für fünfjährige Kredite von 4,6 auf 4,45 Prozent gesenkt. Dieser Zinssatz hat einen großen Einfluss auf die Zinsen, die Banken auf längerfristige Immobilien-Kredite verlangen. Die Behörden versuchen damit den angespannten Häusermarkt anzukurbeln und einer deutlichen Konjunkturabschwächung infolge der strengen Null-Covid-Politik entgegenzusteuern. Die meisten Kredite in China basieren auf dem einjährigen Referenzzins (LPR), der vorerst bei 3,7 Prozent verbleibt.

Zhiwei Zhang, Chefökonom bei Pinpoint Asset Management, rechnet in den nächsten Monaten mit weiteren Zinssenkungen. Darüber hinaus erwartet er auch weitere politische Maßnahmen in den Bereichen Fiskalpolitik und Plattformökonomie.

An der Börse in Shanghai notierten die Kurse nach der Ankündigung der Zentralbank mit einem leichten Plus. Insgesamt befinden sich in Festland China und Hongkong gelistete Aktien allerdings schon seit vielen Monaten in einem Bärenmarkt – seit Jahresbeginn sind chinesische Werte mehr gefallen als US-Aktien und auch schon vorher liefen China-Aktien erheblich schlechter. Dafür verantwortlich sind neben der rabiaten Null Covid Politik die strengere Regulierung der heimischen Tech-Konzerne, die neue Umverteilungs-Agenda („gemeinsamer Wohlstand“) und das rückläufige Wachstum der Weltwirtschaft inklusive stockenden Lieferketten.

Letzteres Problem verursacht die chinesische Regierung durch die Stilllegung ganzer Häfen infolge ihrer umstrittenen Coronapolitik teilweise selbst. Und nach Meinung vieler Analysten ist die Rezessionsgefahr im Reich der Mitte trotz erster vorsichtiger Zinssenkungen weiterhin relativ hoch. „Solange die massiven Einschränkungen anhalten, dürfte Chinas Wirtschaft Mühe haben, wieder die von ihr gewohnte Fahrt aufzunehmen und damit auch die Weltwirtschaft mitzuziehen.“ urteilt Jürgen Molnar von RoboMarkets.

Im April ist die ökonomische Aktivität infolge der zahlreichen strikten Lockdowns eingebrochen. Die Einzelhandelsumsätze fielen um satte 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Industrieproduktion, eine der Hauptfaktoren für die schnelle Erholung Chinas von dem anfänglichen Schock der Coronakrise vor zwei Jahren, fiel um 3 Prozent – es handelte sich um den ersten Rückgang seit Anfang 2020.

Die Ausleihungen der Banken sanken zuletzt. Nach Einschätzung von Chaoping Zhu, globaler Marktstratege bei JPMorgan Asset Management, verdeutliche der jüngste Rückgang der Bankkredite "einen Mangel an Vertrauen sowohl im Unternehmens- als auch im Privatsektor.“, berichtet die Financial Times.

Analysten schätzen, dass das Wirtschaftswachstum von noch 8,1 Prozent 2021 in diesem Jahr auf 4 Prozent abschwächen und sich damit etwa halbieren wird. Manche Experten halten selbst diese Berechnung für zu optimistisch. Das jüngst für 2022 ausgerufene Wachstumsziel von 5,5 dürfte – stand jetzt – jedenfalls deutlich verfehlt werden.

Chinas Zinspolitik hat noch Spielraum nach unten

Geldpolitisch ist China in gewisser Weise ein Gegenmodell zu den USA. Die Fed hat die US-Zinsen über viele Jahre bis in die Nähe der Nulllinie gesenkt und exzessiv Geld gedruckt. In China ist die Zentralbank seit jeher restriktiver. Während in den USA die Zinswende nach oben beginnt, hat die PBOC noch Spielraum, um die Konjunktur mit Zinssenkungen anzuheizen.

Der Trend zeigt wie in den USA nach unten, aber China könnte mit Zinsschritten in Richtung 1,0 Prozent noch erheblich für Furore sorgen. Zudem ist die Volksrepublik nur mit circa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet (USA: 130 Prozent), weshalb auch fiskalpolitisch mehr Spielraum als beim Konkurrenten besteht.

Das Reich der Mitte kommt aus einer Position der ökonomische Stärke aus der Coronakrise. China war eines der wenigen Länder, dass 2020 ein positives Wachstum verbuchen konnte (plus 2,1 versus minus 3,4 Prozent in Amerika). In den USA beträgt die jährliche Inflationsrate derzeit über 8 Prozent, während es in China nur circa 2 Prozent sind. Das entspricht in etwa dem Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2020. Die chinesische Zentralbank kann sich in dieser Hinsicht eine lockerere Geldpolitik durchaus erlauben. Es ist also zu erwarten, dass China versuchen wird, die Wirtschaft durch weitere Zinssenkungen anzukurbeln.

Womöglich ist es gerade die aktuelle wirtschaftliche Schwäche in den USA, die China dazu verleitet mittels drastischer Zinssenkungen inklusive großem Konjunkturprogramm einen erneuten wirtschaftlichen Boom einzuleiten und den großen Konkurrenten im Kampf um die globale Vorherrschaft endgültig hinter sich zu lassen – nach Kaufkraftparität ist die chinesische Wirtschaft schon heute die Nummer Eins der Welt.

Die Auswirkungen einer chinesischen Nullzins-Strategie auf die internationalen Kapitalströme lassen sich gar nicht so einfach vorhersagen. Einerseits dürfte der geldpolitische Stimulus Chinas Aktienmärkte beflügeln, andererseits würde dadurch die Anlage in chinesische Anleihen und andere Schuldtitel unattraktiver.

Prognosen werden noch dadurch erschwert, dass Geld nicht einfach so nach China fließen kann. Der Yuan ist nicht frei handelbar und es herrschen Kapitalkontrollen.

Der Immobilien-Sektor und Kapitalflucht bereiten weiterhin Sorgen

Gegen eine drastische geldpolitische Lockerung spricht, dass die Regierung den Häusermarkt stark im Auge behalten muss. Fallen die Zinsen zu stark, könnte der Immobilien-Sektor ungesund heißlaufen. Gerade das hatte die Regierung zuletzt mit aller Macht verhindern wollen. Deshalb wurden nach dem Evergrande-Debakel umfangreiche Vorgaben zu Bilanz-Kennzahlen eingeführt, die einer Überschuldung der zahlreichen Immobilien-Entwickler vorbeugen und entgegenwirken sollten.

Außerdem muss auch China aufpassen, dass die Währung nicht zu stark inflationiert, weil jetzt schon Kapital ins Ausland abfließt. Die sich abschwächende Wirtschaft, eine weltweit einmalig rabiate Covid-Politik und regulatorische Unsicherheiten hat eine wachsende Zahl an Vermögensverwaltern, Auslandsunternehmen und wohlhabenden Bürger dazu verlanlasst, das Land zu verlassen. Ein beliebtes Zielland ist Singapur. Schätzungen des International Institute of Finance (IIF) ergeben, dass sich der Kapitalabzug aus der Volksrepublik China im laufenden Jahr auf rund dreihundert Milliarden Dollar belaufen dürften, nachdem es 2021 nur etwas 130 Milliarden waren. An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass sich die Kapitalflucht (noch) nicht auf den Industriesektor ausgeweitet hat, was sich aus den relativ konstanten Direktinvestitionen ableiten lässt.

Der Yuan hatte zuletzt gegenüber dem US-Dollar um über 5 Prozent abgewertet, was in wenigen Wochen einen Großteil der Aufwertung seit Sommer 2020 zunichte machte.

Wenn man nun zusätzlich die Zinsen drastisch verringert und große Mengen Yuan druckt und in Umlauf bringt, könnte der zu erwartende Abwertungsdruck insbesondere im Kontext von steigenden Zinsen im Dollarraum die PBOC zwingen, verstärkt am Währungsmarkt einzugreifen und/oder die Kapitalkontrollen zu verschärfen.

In der wirtschaftlichen Sonderzone Hongkong sah sich deren örtliche Zentralbank erstmals seit 2019 dazu gezwungen, am Währungsmarkt zu intervenieren, um die Bindung des Hongkong-Dollar an den US-Dollar aufrechtzuerhalten. Zumindest bestehen aktuell noch ausreichend Devisenreserven von umgerechnet über 3 Billionen Dollar, um den Yuan zu stützen.

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