Politik

KREISS ANALYSIERT: Pharmakonzerne treiben Menschen in die Drogensucht

Die Abhängigkeit von Schmerzmitteln treibt Hunderttausende Menschen in die Abhängigkeit von Opioiden. Das menschliche Leid ist unbeschreiblich - und die Schäden für die Volkswirtschaft enorm.
04.06.2022 09:09
Lesezeit: 3 min
KREISS ANALYSIERT: Pharmakonzerne treiben Menschen in die Drogensucht
Gefälschte, mit Fentanyl gestreckte Oxycodon-Pillen. (Foto: picture alliance/dpa/U.S. Attorneys Office for Utah/AP | Uncredited) Foto: Uncredited

Mitte Mai 2022 veröffentlichte das amerikanische Gesundheitsministerium die neuesten Zahlen zu Drogentoten in den USA. Demnach starben 2021 etwa 108.000 Menschen an Drogen, ein Anstieg um 15 Prozent gegenüber 2020[1] und so viel, wie die Stadt Recklinghausen Einwohner hat. Zum Vergleich: 2019 waren es „nur“ etwa 71.000 gewesen.[2] In den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 nahm die Zahl der Drogentoten also zusammengerechnet um über 50 Prozent zu. Zum Vergleich: In Deutschland (das ein Viertel der Einwohner Amerikas hat) wurden laut dem „Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen“ im Jahr 2020 1.581 drogenbedingte Todesfälle registriert.

Insgesamt starben seit dem Jahr 2000 in den USA offiziell über eine Millionen Menschen an Drogen (die tatsächliche Zahl dürfte um Einiges höher liegen).[3] Das entspricht der Zahl der Einwohner von Köln beziehungsweis fast exakt der offiziellen Zahl sämtlicher amerikanischer Covid-Toten (Stichtag: 19. Mai dieses Jahres).[4] Ein anderer Vergleich: Im Vietnamkrieg - der größten Tragödie der US-Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die die amerikanische Gesellschaft massiv erschütterte und veränderte -, starben von 1961 bis 1975 rund 68.000 US-Soldaten.[5]

Die Hauptdrogen, die zum Tode führen, sind so genannte Opioide, künstlich hergestellte synthetische Drogen, insbesondere Fentanyl, das angabegemäß etwa 50mal so stark wirkt wie Heroin.[6] Als ein Grund für den dramatischen Anstieg in den Jahren 2020 und 2021 wurden von der „Pharmazeutischen Zeitung“ im Januar 2022 die Corona-Maßnahmen genannt: „Wegen der Pandemie mussten viele Institutionen zeitweise schließen. Süchtige saßen isoliert zu Hause, wenn sie denn eines hatten.“[7]

Die Kosten der Opioid-Abhängigkeit und -Toten in den USA wurden für das Jahr 2018, also vor dem starken Anstieg während der Covid-Zeit, vom „Economist“ mit 696 Milliarden Dollar oder 3,4 Prozent des US-Sozialprodukts angegeben.[8]

Wichtige Treiber für die rasant steigenden Suchtzahlen der letzten Jahre waren die Vertriebspraktiken der Pharmakonzerne. Laut tagesschau.de waren unter anderem Johnson & Johnson sowie drei weitere Konzerne „beschuldigt worden, mit Schmerzmitteln zur grassierenden Medikamentenabhängigkeit in den USA beigetragen und Schmerzmittel unter Verschleierung der Suchtgefahren mit rücksichtslosen und aggressiven Methoden vermarktet zu haben.“[9] tagesschau.de zitiert die US-Generalstaatsanwältin Letitia James: "Die zahlreichen Unternehmen, die Opioide hergestellt und in der ganzen Nation verteilt haben, taten dies ohne Rücksicht auf Leben oder sogar auf die nationale Krise, die sie mitbefeuert haben".[10] Wegen dieser Praktiken haben sich vier beschuldigte Konzerne im Juli 2021 bereit erklärt, bis zu 26 Milliarden Dollar Entschädigung zu zahlen, um weitere Klagen abzuwenden.[11]

Kurz darauf, im September 2021, hatte sich die US-amerikanische Familie Sackler vor Gericht bereit erklärt 4,5 Milliarden Dollar Entschädigung zu zahlen. Das Handelsblatt schreibt dazu: „Ihr Name steht wie kein anderer für die Opioid-Epidemie in den USA: die Sackler-Familie. Die Sacklers sind die Besitzer des Pharmakonzerns und Oxycontin-Herstellers ´Purdue´, der mit der Abhängigkeit Milliarden machte. Es ist ein legales, aber extrem schnell abhängig machendes opioidhaltiges Mittel, das die Familie bewusst in den Markt drückte. Sie gilt als Hauptverantwortliche für die Opioid-Epidemie, die rund einer halben Million Amerikanern das Leben gekostet hat.“ [12]

Meine Frage in diesem Zusammenhang lautet: Warum kommen Konzerne und Konzernlenker, die hunderttausende von Menschen wissentlich in Abhängigkeit und Tod treiben, mit einer Geldstrafe davon, die möglicherweise nur einen kleinen Bruchteil der erwirtschafteten Gewinne ausmacht? Warum wird ein Kapitalverbrechen nicht mit Gefängnis bestraft?

Im Frühjahr 2019 ist dies in den USA tatsächlich einmal geschehen: Damals wurden fünf Manager der Firma „Invys“ für ihre kriminellen Opioid-Vertriebspraktiken hinter Schloss und Riegel geschickt.[13] Der Hauptverantwortliche, John Kapoor, wurde zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und soll im Dezember 2024 wieder entlassen werden.[14] Andrew Kolodny, Co-Direktor der „Opioid Policy Research“ an der Heller School for Social Policy and Management der renommierten Privatuni „Brandeis“, sagte dazu seinerzeit: “Ich hoffe, dass wir mehr Strafverfahren gegen Opioid-Hersteller sehen werden. […] Eine Geldstrafe oder eine Zivilklage ist nicht angemessen, wenn wir Unternehmen davon abhalten wollen, Menschen für Profitzwecke zu töten”.[15]

Die Anwälte der fünf 2019 zu Haftstrafen Verurteilten sagten, Invys sei nur ein „kleiner Fisch“ („a bit player“)[16] in dem großen Geschäft mit Opioid gewesen. Das stimmt nicht: Kapoor ist Multi-Millionär, vielleicht sogar Milliardär. Aber, wie schon gesagt: Der „Invys“-Prozess war eine Ausnahme. Und so gilt weiterhin: Der Dealer von der Straßenecke muss damit rechnen, ins Gefängnis zu wandern - häufig für viele Jahre. Den Geschäftsmann, den Unternehmer, erwartet eine Geldstrafe – nach der er weitermachen kann wie zuvor. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen: Dieser Spruch bewahrheitet sich mal wieder. Das ist meiner Meinung nach eine besonders wichtige Erkenntnis des US-Opioid-Skandals: die meisten wirklich Reichen und Mächtigen kommen wieder einmal davon.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[15] www.bostonglobe.com/metro/2019/05/02/jury-returns-verdict-insys-trial/KeiTKLXZnnBZnOulLED17M/story.html: „I’m hopeful that we will see more criminal prosecutions against opioid manufacturers … Paying a fine or even civil litigation is inadequate if we want to deter corporations from killing people in their pursuit of profit.”

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Christian Kreiß

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Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD), Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Homepage www.menschengerechtewirtschaft.de

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