Politik

Institut Sipri: Zahl der Atomsprengköpfe dürfte weltweit wieder steigen

Seit dem Kalten Krieg hat die Zahl der Atomwaffen in der Welt rapide abgenommen. Friedensforscher befürchten nun, dass sich dieser langjährige Trend schon bald umkehren dürfte.
13.06.2022 17:31
Aktualisiert: 13.06.2022 17:31
Lesezeit: 3 min
Institut Sipri: Zahl der Atomsprengköpfe dürfte weltweit wieder steigen
Eine unschädlich gemachte Titan-II-Rakete, aufgenommen am 06.04.2015 in einem Raketensilo in einem Museum in Sahaurita, USA. Titan II gehörten von 1963 bis 1987 zum Arsenal der landgestützten strategischen Interkontinentalraketen der USA. (Foto: dpa) Foto: Jim Lo Scalzo

Nach einem jahrzehntelangen Rückgang könnte die Zahl der Atomwaffen in der Welt nach Schätzung von Friedensforschern bald erstmals wieder steigen. Trotz einer leichten Verringerung der globalen Gesamtzahl nuklearer Sprengköpfe auf zuletzt schätzungsweise 12 705 rechnet das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in seinem am Montag veröffentlichten Jahresbericht damit, dass die Arsenale im Laufe des kommenden Jahrzehnts wieder größer werden.

«Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass die Verringerungen, die die globalen Atomwaffenarsenale seit dem Ende des Kalten Krieges charakterisiert haben, beendet sind», sagte der Sipri-Experte Hans M. Kristensen. Ohne sofortige und konkrete Abrüstungsschritte der neun Atomwaffenstaaten könnte der globale Bestand nuklearer Waffen bald erstmals seit dem Kalten Krieg wieder größer werden, warnte sein Kollege Matt Korda. Das Risiko einer nuklearen Konfrontation hat sich nach Angaben der Friedensforscher durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine erhöht.

Die neuen Sipri-Daten beziehen sich auf den Januar 2022. Einen Monat später marschierte Russland in die Ukraine ein. Noch sei es etwas zu früh für Rückschlüsse, wie sich der russische Angriffskrieg letztlich auf die atomare Lage in der Welt auswirken werde, sagte Kristensen der Deutschen Presse-Agentur. Einen indirekten Effekt sieht er aber schon jetzt: «Die Russen sehen, dass ihre konventionellen Streitkräfte nicht so gut sind, wie sie dachten.» Deshalb dürfte sich Russland wahrscheinlich künftig stärker auf taktische Atomwaffen verlassen. Die Nato reagiere auf den Krieg, indem sie die Bedeutung ihrer Atomwaffen herausstelle.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Atomwaffen des Landes als Warnung an die Nato in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen lassen. Mitten im Krieg gegen die Ukraine ließ er Ende April als Machtdemonstration eine neue ballistische Interkontinentalrakete vom Typ Sarmat testen. Putin sagte, dass es noch auf lange Zeit nichts geben werde auf der Welt, was der Rakete ebenbürtig sei.

Russland (5977) und die USA (5428) verfügen Sipri zufolge gemeinsam nach wie vor über rund 90 Prozent aller Atomsprengköpfe in der Welt. Bei beiden sei die Zahl 2021 zwar weiter zurückgegangen - dies habe aber vor allem mit der Demontage ausrangierter Sprengköpfe zu tun, von denen sich das Militär schon vor Jahren verabschiedet habe. Die Zahl der Atomwaffen in nutzbaren Militärbeständen der beiden Länder sei dagegen relativ stabil geblieben. Sowohl in den USA als auch in Russland liefen umfassende und kostspielige Programme, um die Atomsprengköpfe, Trägersysteme und Produktionsstätten auszutauschen und zu modernisieren, schreiben die Friedensforscher.

Gleiches gilt für die weiteren Atomwaffenstaaten, zu denen Sipri Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea zählt. Sie alle haben demnach neue Waffensysteme entwickelt oder stationiert oder dies angekündigt. Dass alle Atomwaffenstaaten ihre Arsenale voranbrächten, die meisten von ihnen ihre nukleare Rhetorik verschärften und Atomwaffen eine größere Rolle in ihren Militärstrategien spielten, sei «ein sehr beunruhigender Trend».

Seit Jahrzehnten ist die weltweite Zahl der Kernwaffen kontinuierlich gesunken. Mittlerweile macht sie nur noch weniger als ein Fünftel von dem aus, was sich zu Hochzeiten des Kalten Krieges in den 1980er Jahren in den Arsenalen der Atommächte befunden hatte. Bereits im Vorjahr hatte Sipri jedoch eine Trendwende hin zu moderneren nuklearen Waffen ausgemacht. Deutschland besitzt solche Waffen nicht.

Die fünf UN-Vetomächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China hatten zu Jahresbeginn beteuert, gegen die weitere Verbreitung von Atomwaffen vorgehen zu wollen. «Wir betonen, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf», hieß es Anfang Januar in einer gemeinsamen Erklärung der Staaten.

Sipri monierte, dass alle fünf Länder ihre Arsenale seitdem weiter ausgebaut oder modernisiert hätten. Russland habe im Zuge seines Angriffskriegs in der Ukraine gar offen mit dem möglichen Gebrauch von Atomwaffen gedroht. «Obwohl es im vergangenen Jahr einige bedeutende Fortschritte sowohl bei der nuklearen Rüstungskontrolle als auch bei der atomaren Abrüstung gegeben hat, scheint das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen jetzt höher als zu jedem Zeitpunkt seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges», erklärte Sipri-Direktor Dan Smith.

Die vom Ukraine-Krieg ausgehende Gefahr sei, dass er sich zu einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Nato ausweiten könnte, erläuterte Kristensen. Zu den Problemen komme der anhaltende Konflikt zwischen Indien und Pakistan ebenso hinzu wie wachsende Feindseligkeiten an der Grenze zwischen China und Indien sowie die anhaltenden Atombemühungen von Nordkorea.

«All diese Dinge summieren sich. Es ist also angemessen zu sagen, dass wir uns im Moment in einem sehr prekären Zustand befinden», sagte Kristensen. Notwendig sei nun vor allem eine Entspannung der nuklearen Rhetorik vonseiten der Atommächte. Nicht-Atomwaffenstaaten müssten zudem viel mehr Druck auf die Atomwaffenstaaten ausüben, um von dieser waghalsigen Politik zurückzutreten. Greenpeace nahm dabei auch Deutschland in die Pflicht: «Deutschland sollte nicht auch den Fehler machen, in die Rhetorik der atomaren Abschreckung zurückzufallen, sondern sich jetzt für eine weltweite nukleare Abrüstung einsetzen und dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten», erklärte der Greenpeace-Sicherheitsexperte Christoph von Lieven.

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