Wirtschaft

Japan: Plötzlicher massiver Anstieg von Herzinfarkten verzeichnet

Einige japanische Versicherungsunternehmen haben auf den massiven Anstieg von Herzinfarkten reagiert. Nach den Ursachen für die Explosion von Fallzahlen wird jetzt gesucht.
Autor
07.08.2022 10:00
Aktualisiert: 07.08.2022 10:00
Lesezeit: 3 min

Seit Juni ist die Zahl der Herzinfarkte in Japan stark angestiegen. So wurden in der Woche vom 27. Juni bis zum 3. Juli insgesamt 14.353 Fälle verzeichnet, mehr als dreimal so viel wie in der Vorwoche und mehr als zehnmal so viel wie in den Wochen davor, wie Bloomberg berichtet.

Die Versicherer haben darauf reagiert. Sompo Holdings und Sumitomo Life Insurance, zwei der größten japanischen Versicherer, bieten nun Policen an, die speziell für die Deckung der medizinischen Kosten konzipiert sind, die sich aus Herzinfarkten ergeben.

Bloomberg begründet den Anstieg der Herzinfarkte mit dem Wetter: "Japan ist von dem brutalen Sommer, der die nördliche Hemisphäre heimsucht, nicht verschont geblieben. Im Juni - einem Monat, der normalerweise für eine relativ kühle Regenzeit bekannt ist - überstiegen die Temperaturen in Tokio an sechs aufeinander folgenden Tagen die 35-Grad-Marke."

Bereits im April hat Sumitomo Life eine Versicherung gegen Hitzschlag eingeführt, die nur 100 Yen (73 Cent) für einen Tag kostet. Wenn die Versicherung vor 9 Uhr morgens abgeschlossen wird, kann sie ab 10 Uhr des gleichen Tages in Kraft treten und deckt Krankenhausaufenthalte und andere durch Hitze und Sonne verursachte medizinische Kosten ab.

Nach Angaben eines Unternehmenssprechers ist dies die erste Versicherung dieser Art in der japanischen Branche. Die Zahl der bei Sumitomo Life verkauften Versicherungspolicen gegen Hitzschlag stieg am 29. Juni sprunghaft auf etwa 6.900 an, verglichen mit einem Maximum von etwa 400 pro Tag davor, wie die Zeitung Yomiuri letzten Monat berichtete.

Hitzeschlagversicherung

Die im Juli eingeführte Hitzschlagversicherung von Sompo zahlt Leistungen im Zusammenhang mit Krankenhausaufenthalten, chirurgischen Eingriffen und sogar Todesfällen, die durch Sonnen- oder Hitzeeinwirkung verursacht werden, sagt das Unternehmen in einer Erklärung.

Ursprünglich war die Versicherung nur für Kinder erhältlich, aber aufgrund des steigenden Hitzeschlagrisikos durch häufigere Hitzewellen und das Tragen von Masken infolge der Pandemie hat das Unternehmen das Produkt für eine breitere Altersgruppe zugänglich gemacht, so eine Sprecherin. Die Nachfrage nach dem Plan sei größer als erwartet gewesen.

"Diese Policen sind nicht dazu gedacht, rentabel zu sein", sagte Steven Lam, Analyst bei Bloomberg Intelligence. Vielmehr gehe es darum, auf diese Weise neue Kunden zu binden. "Wenn die Erfahrungen mit der Schadensregulierung insgesamt gut sind, könnte dies zu anderen Verkaufsmöglichkeiten führen", so Lam.

Auch Leo Lewis macht in der Financial Times das Wetter für den starken Anstieg der Herzinfarkte verantwortlich. Die diesjährige Regenzeit sei die kürzeste seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen im Jahr 1951 gewesen. Für Juni hätten 37 Prozent der Beobachtungsstationen der japanischen Meteorologiebehörde Rekordwerte gemeldet.

Im Juni wurde eine Rekordzahl von 15.657 Menschen mit Hitzschlag oder Hitzeerschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert, doppelt so viele wie auf dem bisherigen Höchststand vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, so Lewis. Seit dem 1. Juli sparen Haushalte und Unternehmen Energie, um Stromausfälle zu vermeiden.

Schon 2018 wurden in einem Regierungsbericht Bereiche genannt, in denen der Klimawandel Japan besonders hart treffen würde. In nicht allzu ferner Zukunft sei mit "massiven Schäden" in Produktion, Handel und Baugewerbe zu rechnen, ebenso wie mit einem langfristigen Anstieg hitzebedingter Krankheiten.

Die Hitzschlagversicherung betrachtet Lewis als eine "pfiffige Innovation". Fünf der größten japanischen Versicherungskonzerne bieten diese schon seit April an. Unter den Versicherungsnehmern seien viele Eltern, die vor Sportveranstaltungen und anderen Ereignissen, bei denen Kinder häufig umkippen, Policen kaufen.

In erster Linie wurde das Produkt aber für Personen über 65 Jahren gekauft. Dies Gruppe macht heute 29,1 Prozent der japanischen Bevölkerung aus. "Allein dieses Verhältnis zeigt das Ausmaß des Problems, mit dem Japan konfrontiert ist, da die Sommer immer heißer und die Einwohner immer anfälliger werden", schreibt Lewis.

Aber diese demografischen Daten allein erklären seiner Ansicht nach nicht die Geschwindigkeit, mit der die Hitzschlagversicherung in Anspruch genommen wird. Das Problem sei vielmehr, dass mehr als 9 Millionen eigentlichen Rentner immer noch arbeiten. "Oft im Freien und oft in Uniform", so Lewis

Im Jahr 2011 arbeiteten 36 Prozent der 65- bis 69-Jährigen und 23 Prozent der 70- bis 74-Jährigen noch, wobei viele von ihnen wahrscheinlich befürchteten, dass ihre Rente keine ausreichende Garantie für ein menschenwürdiges Leben darstellt. Bis zum vergangenen Jahr sind diese Anteile auf 50 Prozent beziehungsweise auf 32 Prozent gestiegen.

"Dies sind die Menschen, die wissen - oder deren nervöse Kinder wissen - dass sie einem Hitzschlagrisiko ausgesetzt sind, auch wenn sie sich einreden, dass sie zur Mittelschicht einer der reichsten Nationen der Welt gehören", schreibt Lewis und sieht die Entwicklung in Japan als Warnung für den Rest der Welt.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Absatzkrise in China: Porsche verkauft deutlich weniger Fahrzeuge
16.01.2026

Porsche spürt die anhaltende Marktschwäche in China deutlich: Der Absatz ging 2025 um rund ein Viertel auf 41.900 Fahrzeuge zurück....

DWN
Panorama
Panorama Urlaubspläne 2026: Deutsche halten trotz Wirtschaftskrise fest
16.01.2026

Die Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung planen für 2026 eine Urlaubsreise. Dennoch ist die Zahl...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stromversorgung nach Kohleausstieg: Braucht Deutschland Gaskraftwerke?
16.01.2026

Die Debatte um neue Gaskraftwerke in Deutschland wird intensiver. Die Regierung sieht sie als zentral für die Versorgungssicherheit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Institut warnt: Handelspolitik der USA trifft Deutschland langfristig
16.01.2026

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump belasten dessen Strafzölle die deutsche Wirtschaft weiterhin deutlich. Nach...

DWN
Panorama
Panorama Unser neues Magazin ist da: Krisenmodus als Normalzustand – Ausblick auf eine unsichere Zukunft
16.01.2026

Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern das Betriebssystem unserer Wirtschaft. Energie, Finanzierung, Vermögen und Führung hängen...

DWN
Politik
Politik Grönland im Fokus der USA: Trump stellt Dänemark vor geopolitische Bewährungsprobe
16.01.2026

Die Spannungen zwischen den USA und Dänemark unter Präsident Trump verdeutlichen neue Bruchlinien im westlichen Bündnis. Wie belastbar...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Boom: Das sind die Gewinner und Verlierer an den Aktienmärkten
16.01.2026

Die Kräfteverhältnisse an den Börsen verschieben sich spürbar, weil KI-Investitionen, Währungseffekte und Branchenrisiken neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastung für Verbraucher: Niedrigere Energiepreise drücken Inflation unter Zwei-Prozent-Marke
16.01.2026

Die Preisentwicklung in Deutschland hat sich im Dezember weiter abgeschwächt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sorgten vor allem...