Wirtschaft

Russen fackeln Gas ab

Während in Deutschland die Angst einer Gasmangellage umgeht, fackeln die Russen ihr Erdgas ab.
Autor
24.08.2022 15:27
Lesezeit: 3 min

Eine paradoxe Situation in Zeiten des Krieges: Während in Deutschland die Angst vor einer Gasmangellage wächst, muss Russland den Rohstoff mit Verlust verbrennen. Der Grund: Die Russen tun sich schwer, neue, gleichwertige Handelspartner zu finden.

„Bereits im vergangenen Herbst gab es Berichte, dass Russlands Speicher nahezu vollständig gefüllt waren», sagt Malte Küper, Energieexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Russlands Gasspeicher seien zwar gewaltig, aber auch sie kämen aufgrund der enormen Mengen, die normalerweise nach Europa fließen, an ihre Grenzen.

Deshalb liege die Vermutung nahe, dass Russland nichts anderes übrigbliebe, als sein überschüssiges Gas zu verbrennen. Denn: Die Förderung von Erdgas kann nicht so einfach reduziert werden. Erdgas wird durch Bohrungen gefördert, und durch den Druck fließt der Rohstoff über das in den Boden eingeführte Rohr selbst an die Oberfläche.

Bohrungen können nicht einfach abgeschaltet werden

«Wenn sie Öl und Gas fördern, können sie die Bohrungen nicht einfach abschalten. Die Flüsse können nicht wesentlich reduziert werden», erklärte Jurij Witrenko, Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den ersten Kriegstagen.

Zwar bekräftigt Russland verstärkt nach Asien zu liefern. Allerdings: Noch fehlen einfach die Pipelines, die russisches Gas nach Indien oder China bringen könnten.

Bislang führt nur die „Power of Sibiria“ nach China. Sie kann bis zu 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich transportieren. Allerdings war sie nach Angaben des IW zuletzt zu weniger als 50 Prozent ausgelastet – und das, obwohl Russland China mit großen Rabatten und Abschlägen auf den Gaspreis lockt. Zum Vergleich: Die wichtige Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 zwischen Russland und Deutschland hat ein Volumen von bis zu 55 Milliarden Kubikmetern jährlich. Derzeit können China und Indien nicht einmal annähernd die Lücke füllen, die die europäischen Gazprom-Handelspartner hinterlassen.

80 Prozent des Gases gingen nach Europa und in die Türkei

Und: Noch vor zwei Jahren hat Russland fast 80 Prozent seines Gases nach Europa und in die Türkei exportiert. Zwar haben Russland und China Anfang Februar eine Vereinbarung getroffen, dass in den nächsten 25 Jahren neben Öl auch Erdgas im Volumen von umgerechnet gut 100 Milliarden Euro Richtung Peking fließen soll. Doch das ist nur ein kleiner Teil von den Mengen, die Russland von den westlichen Absatzmärkten abgenommen wurden. Zum Vergleich: Sollte der Export von Erdgas, Erdöl und Steinkohle nach Europa wegfallen, dann würde Russland täglich bis zu einer Milliarde Euro an Einnahmen verlieren.

Allein Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr als viermal so viel Gas aus Russland bezogen als China. Das waren insgesamt 46 Milliarden Kubikmeter. Auch wenn jetzt die vom Kreml angekündigte Erdgas-Menge nach China um 60 Prozent angehoben werden soll, dann fängt sie nicht annähernd die Verluste auf, die Russland durch den Einbruch mit dem Europageschäft verkraften muss.

Auch Russland hat es versäumt, Abhängigkeiten abzubauen

Zwar heizt die reduzierte Gasliefermenge die Inflation in Europa an, allerdings hat auch Russland das Problem, es in der Vergangenheit versäumt zu haben, seine Abhängigkeiten von seinen Handelspartnern abzubauen.

„So hat Russland entgegen dem weltweiten Trend in den letzten Jahren nur zögerlich auf LNG gesetzt, ist weiterhin stark von der bestehenden Pipeline-Infrastruktur abhängig. Und die ist ganz klar auf Europa ausgerichtet», erklärt IW-Experte Küper.

Der empfindlichste Punkt besteht jedoch im geographischen Verlauf der Pipelines, die von Sibirien nach Europa verlaufen, ohne dass Russland die Möglichkeit hat, das Gas einfach nach China oder Indien umzuleiten.

Zwar plant Russland mit der Gasröhre „Power of Sibiria2“ eine neue Pipeline, aber die Gespräche zwischen den zwei Ländern wollen nicht vorangehen. Dabei spiele nicht nur die Distanz von fast 3.000 km eine Rolle, sondern auch das herausfordernde Terrain und der wegen der Sanktionen fehlende Zugang zu Technik und Know-how westlicher Firmen erschweren den Bau.

Ein Funken Hoffnung

So bleibt Gazprom nichts anderes übrig als sein Gas abzufackeln. Dabei legen Luftaufnahmen der US-Raumfahrtbehörde NASA nahe, dass Russland bereits seit Juni Gas verbrennt.

Vielleicht kann es als ein positives Zeichen für Europa gewertet werden, und die Russen schlussendlich davon abhalten, die nach Europa gelieferte Gasmenge weiter zu drosseln. Abgesehen davon, bläst das Abfackeln von Gas große Mengen schwarzen Kohlenstoffes in die Luft, der das Schmelzen von Schnee und Eis beschleunigt, wenn er auf diesem landet. Und damit den Klimawandel weiter antreibt.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Energiekrise verschärft sich: Gaspreise in Europa innerhalb einer Woche um 20 % gestiegen
16.01.2026

Europas Gasmarkt erlebt einen kräftigen Preissprung: In nur einer Woche stiegen die Kosten für Erdgas um rund 20 Prozent und erreichten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Absatzkrise in China: Porsche verkauft deutlich weniger Fahrzeuge
16.01.2026

Porsche spürt die anhaltende Marktschwäche in China deutlich: Der Absatz ging 2025 um rund ein Viertel auf 41.900 Fahrzeuge zurück....

DWN
Panorama
Panorama Urlaubspläne 2026: Deutsche halten trotz Wirtschaftskrise fest
16.01.2026

Die Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung planen für 2026 eine Urlaubsreise. Dennoch ist die Zahl...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stromversorgung nach Kohleausstieg: Braucht Deutschland Gaskraftwerke?
16.01.2026

Die Debatte um neue Gaskraftwerke in Deutschland wird intensiver. Die Regierung sieht sie als zentral für die Versorgungssicherheit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Institut warnt: Handelspolitik der USA trifft Deutschland langfristig
16.01.2026

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump belasten dessen Strafzölle die deutsche Wirtschaft weiterhin deutlich. Nach...

DWN
Panorama
Panorama Unser neues Magazin ist da: Krisenmodus als Normalzustand – Ausblick auf eine unsichere Zukunft
16.01.2026

Krisen sind nicht mehr die Ausnahme, sondern das Betriebssystem unserer Wirtschaft. Energie, Finanzierung, Vermögen und Führung hängen...

DWN
Politik
Politik Grönland im Fokus der USA: Trump stellt Dänemark vor geopolitische Bewährungsprobe
16.01.2026

Die Spannungen zwischen den USA und Dänemark unter Präsident Trump verdeutlichen neue Bruchlinien im westlichen Bündnis. Wie belastbar...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Boom: Das sind die Gewinner und Verlierer an den Aktienmärkten
16.01.2026

Die Kräfteverhältnisse an den Börsen verschieben sich spürbar, weil KI-Investitionen, Währungseffekte und Branchenrisiken neue...