Politik

Ukraine hält UN-Inspekteure auf, versucht Sturm auf AKW Saporischschja

Inspekteure der UN-Atombehörde IAEA haben Saporischschja erreicht, wo sie das von Russland besetzte Atomkraftwerk besuchen wollen. Doch dort wird weiter geschossen.
01.09.2022 12:43
Aktualisiert: 01.09.2022 12:43
Lesezeit: 2 min
Ukraine hält UN-Inspekteure auf, versucht Sturm auf AKW Saporischschja
Rafael Mariano Grossi (2.v.l), Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation spricht am Donnerstag in Saporischschja mit ukrainischen Behörden. (Foto: dpa / International Atomic Energy Agency) Foto: Uncredited

Die geplante Inspektion des Atomkraftwerks in Saporischschja durch die UN-Atombehörde IAEA verzögert sich wegen anhaltendem Beschuss in dem Gebiet im Südosten der Ukraine. Russland und die Regierung in Kiew beschuldigten sich am Donnerstag gegenseitig, für die Angriffe verantwortlich zu sein.

Laut IAEA wurden die Inspekteure auf dem Weg zum AKW Saporischschja auf ukrainischem Gebiet festgesetzt. IAEA-Chef Rafael Grossi, der die Experten-Delegation anführt, habe persönlich mit dem ukrainischen Militär verhandelt, um voranzukommen. Grossi sei entschlossen, das AKW noch am Donnerstag zu erreichen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte laut Nachrichtenagentur Interfax, Russland sei nach wie vor bereit, für die Sicherheit der Inspekteure der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) zu garantieren. Die Lage in Saporischschja sei "schwierig, bleibt aber unter voller Kontrolle", erklärte das Ministerium weiter.

Der Führung in Kiew warf das Ministerium vor, den Besuch der IAEA sabotieren zu wollen. Demnach sollen ukrainische Truppen versucht haben, das AKW einzunehmen. 60 ukrainische Soldaten hätten am frühen Morgen mit Booten den Fluss Dnipro überquert, was eine Provokation sei, mit der die geplante IAEA-Untersuchung verhindert werden solle. Der Fluss Dnipro markiert in der Region den Frontverlauf, ein Ufer wird von der Ukraine gehalten, auf der russischen Seite steht das Atomkraftwerk.

Nach Angaben des ukrainischen Gouverneurs der Region Saporischschja hingegen bombardierten russische Streitkräfte die im Vorfeld festgelegte Route des IAEA-Teams. Das Vorbereitungsteam könne aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht weiterfahren, schrieb Olexandr Staruch auf Telegram.

Die internationalen Experten machten sich am Morgen von der Stadt Saporischschja auf den Weg zu dem AKW, das etwa 55 Kilometer entfernt in der Stadt Enerhodar liegt. Die Stadt Saporischschja wird von der Ukraine kontrolliert, Enerhodar und das AKW seit März von russischen Truppen. Betrieben wird das AKW aber weiterhin von ukrainischen Technikern.

Nach Angaben des ukrainischen AKW-Betreibers Energoatom wurde einer von zwei noch betriebenen Reaktoren nach russischem Beschuss heruntergefahren. Das Notsystem sei nach Mörser-Beschuss aktiviert und Reaktor Nummer 5 abgeschaltet worden. Reaktor Nummer 6 produziere weiter Strom, den die AKW-Anlage für den eigenen Betrieb benötige.

Das AKW Saporischschja liegt direkt am Dnipro und besteht aus sechs Druckwasserreaktoren. Enerhodar war laut russischer Nachrichtenagentur TASS am Donnerstag zwischenzeitlich ohne Strom.

IAEA-Chef Grossi sagte vor Journalisten am Morgen vor der Abfahrt des Teams, er erwäge eine längere Präsenz in Europas größtem Atomkraftwerk. Es gebe zwar zunehmende militärische Aktivitäten rund um das AKW, auch an diesem Morgen. Wenn man aber alle Argumente abwäge und da man schon so weit gekommen sei, werde man jetzt die geplanten Kontrollen nicht abbrechen. Sie seien sich der Berichte über verstärkten Beschuss in der Region Enerhodar zwar bewusst. Das halte sie aber nicht auf.

Das Team war am Mittwoch in Saporischschja angekommen. Grossi hatte bei der Ankunft betont, die IAEA sei gekommen, "um einen nuklearen Zwischenfall zu verhindern".

UPDATE 17:10 Uhr - Ein Teil der Inspekteure der UN-Atombehörde IAEA hat einem Reuters-Reporter zufolge nach einer mehrstündigem Visite das ukrainische Kraftwerk Saporischschja verlassen. Vier der neun Fahrzeuge der IAEA-Delegation hätten sich vom Gelände des Werks entfernt, berichtet die russische Agentur Interfax.

UPDATE 17.51 Uhr - Experten der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) sollen nach ukrainischer Darstellung zunächst auf dem Gelände des von Russland besetzten Kernkraftwerkes Saporischschja bleiben. Vermutlich würden fünf der Mitarbeiter der UN-Behörde bis Samstag vor Ort sein, schreibt der ukrainische Energiekonzern Energoatom auf Telegram. Der Chef der Behörde, Rafael Grossi, habe dagegen das AKW mit einigen Mitarbeitern wieder verlassen. Russische Behörden erklärten am Dienstag, der IAEA-Besuch sei auf einen Tag angesetzt. (rtr)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie Nutzfahrzeugflotte in Europa: E-Mobilität bleibt Randerscheinung
09.03.2026

Die Nutzfahrzeugflotte in Europa wächst Jahr für Jahr und wirkt doch wie aus der Zeit gefallen. Während Brüssel Klimaziele verschärft...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VW-Aktie: Betriebsrat will Wolfsburg stärken – Ausblick auf neuen VW Golf 9
08.03.2026

Volkswagen zeigt erstmals den elektrischen VW Golf 9 – allerdings nur als Umriss. Wie Betriebsratschefin Cavallo die Zukunft des...

DWN
Finanzen
Finanzen A Man in Finance: Wenn KI den Banker ersetzt – und wo ist Geld eigentlich noch sicher?
08.03.2026

Der Traum vom „Man in Finance“ galt lange als romantisierte Sicherheitsstrategie in unsicheren Zeiten. Doch wenn Algorithmen künftig...

DWN
Technologie
Technologie Heizen mit Wärmepumpe: Mythen im Faktencheck – worauf Sie wirklich achten sollten!
08.03.2026

Wärmepumpen gelten als Schlüsseltechnologie der Energiewende im Gebäudesektor. Trotzdem halten sich viele Mythen hartnäckig: zu laut,...

DWN
Finanzen
Finanzen Preis-Leistungs-Check: Lynk & Co 01 mit 280 PS und Vollausstattung
08.03.2026

Der Lynk & Co 01 kombiniert als Plug-in-Hybrid-SUV 280 PS, großzügige Ausstattung und einen Preis von 36.000 bis 40.000 Euro zu einem...

DWN
Politik
Politik Sachverständigenrat: Deutsche Regierung schlägt Felbermayr als "Wirtschaftsweisen" vor
08.03.2026

Ums Personal eines der wichtigsten Beratergremien der Bundesregierung gab es kürzlich Aufregung. Jetzt präsentiert Schwarz-Rot einen...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuerbetrug mit Luxusautos: Festnahmen bei EU-weiter Razzia
08.03.2026

Großaktion gegen Steuerbetrug: In neun EU-Ländern durchsuchen Beamte Objekte. Die Köpfe des weit verzweigten Netzwerks sollten in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Produktion unter Druck: Warum Deutschland die Verlagerung nach Osteuropa bereut
08.03.2026

Die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa galt lange als bewährte Strategie deutscher Industrieunternehmen, um Kosten zu senken und...