Weltwirtschaft

Neuer Preisschock voraus? USA werfen ihre strategische Ölreserve auf den Markt

Lesezeit: 5 min
02.10.2022 08:49  Aktualisiert: 02.10.2022 08:49
In insgesamt vier unterirdische Salzkavernen in der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten lagern die strategischen Erdölreserven des Landes. Um die steigende Inflation zu stoppen, werfen die Vereinigten Staaten große Mengen ihrer strategischen Ölreserve auf den Markt. Löst das einen neuen Ölpreisschock aus?
Neuer Preisschock voraus? USA werfen ihre strategische Ölreserve auf den Markt
Aktuell enthält die US-Ölnotreserve noch knapp 440 Millionen Barrels, das ist der niedrigste Stand seit 1984. (Foto: dpa)

Weltweit galoppierende Inflationsraten zwingen Zentralbanken wie Regierungen seit geraumer Zeit zu drastischen Maßnahmen im Kampf gegen den Geldwertverfall. Ein Mittel sind Jumbo-Zinserhöhungen, bei denen die US-Notenbank nach wie vor die Vorreiterrolle inne hat. Kräftige Zinserhöhungen wirken dämpfend auf die Nachfrageseite, ein allzu beherztes Vorgehen an dieser Stelle birgt jedoch die Gefahr, eine ohnehin schon angezählte Wirtschaft endgültig niederzustrecken. Insbesondere dann, wenn die an der Zinsfront gemeinschaftlich in gleicher Richtung agierenden Zentralbanken insgesamt zu weit gehen. Parallel dazu agieren die USA seit Mai dieses Jahres auch auf der Angebotsseite. Wesentlicher Treiber der Inflationsentwicklung ist der Energiesektor. Um an dieser Stelle steuernd einzugreifen, werfen die Vereinigten Staaten große Mengen ihrer strategischen Ölreserve auf den Markt. In Kürze endete das Programm.

Die Strategic Petroleum Reserve (SPR) der USA

In insgesamt vier unterirdische Salzkavernen in der Golfküstenregion der Vereinigten Staaten lagern die strategischen Erdölreserven des Landes. Etwa 714 Millionen Barrels Rohöl fassen die insgesamt vier Lagerstätten in Texas und Louisiana, damit ist die SPR der USA die größte öffentlich bekannte Notfallversorgung der Welt. Angeschlossen sind die Lagerstätten, ebenfalls strategisch günstig, an verschiedene Pipelinesysteme, mit Zugängen zu mehreren Raffineriezentren, zwischenstaatlichen Rohölpipelines und Seeterminals für die Rohölverteilung. Initiiert und angelegt wurde die SPR im Jahre 1975, nach dem die Erdöllieferungen während des kurz zuvor erfolgten Ölembargos zwischenzeitlich unterbrochen waren, mit dem Ziel, eventuelle Versorgungsunterbrechungen zukünftig abfedern zu können. Zwar können die USA ihren Bedarf ohne anderweitige Zuflüsse nicht aus den Notfallspeichern heraus decken, da deren tägliche Ausspeicherleistung aufgrund technischer Restriktionen etwa fünfmal geringer ist als die heimische Nachfrage. Die 4,4 Millionen entnehmbaren Barrels pro Tag waren bislang jedoch mehr als ausreichend, um temporären Engpässen zu begegnen. Bei der strategischen Erdölreserve handelt es sich in erster Linie um eine Rohölreserve und nicht um einen Vorrat an raffinierten Erdölkraftstoffen wie Benzin, Diesel und Kerosin.

Inflation als Notfall

Dass die USA diese Reserve auch tatsächlich nutzen, ist kein Geheimnis. So kam dieses Mittel während des ersten Golfkriegs zum Einsatz, später auch bei Naturkatastrophen (Hurricane Katrina) oder während der Unruhen des sogenannten Arabischen Frühlings. Ergänzend zu den in diesen Fällen direkten Entnahmen wird auch immer wieder Reserveöl verliehen. Sehen sich Unternehmen der Branche, seien es Förderer, Raffinerien oder Pipelinebetreiber mit Versorgungsstörungen konfrontiert, ist es durchaus üblich, diesen einen „Kredit“ aus der SPR zur Verfügung zu stellen. Haben sich die Bedingungen dann wieder normalisiert, wird das zuvor erhaltene Öl in die strategische Reserve zurückgegeben, ergänzt um zusätzliches Öl, quasi als Zinsen. Darüber hinaus erlaubt es die amerikanische Gesetzgebung auch, die strategische Reserve zu nutzen, um das Haushaltsdefizit zu finanzieren. Interessanterweise bleiben die für diesen Zweck getätigten Verkäufe unpubliziert.

Seit November 2021 gilt die SPR nun als Wundermittel gegen die Inflationsspirale. Aufgrund der Erkenntnisse, dass die galoppierenden Energiepreise Hauptreiber dieser Entwicklung sind und auch, da sich die arabischen Ölförderländer weder Willens noch in der Lage zeigten, ihre Produktion in einem Maße zu erhöhen, die dem Preisdruck wirksam entgegenwirken konnte, öffneten die USA ihre Tanks. Den ersten 50 Millionen Barrels folgten am 1. März diesen Jahres weitere 30 Millionen, infolge des russischen Einmarsches in die Ukraine und der sich damit weiter verschärfenden Energiekrise. Nur vier Wochen später gab US-Präsident Joe Biden weitere eine Millionen Barrels frei. Pro Tag, über einen Zeitraum von sechs Monaten, beginnend am 1. Mai.

Wirkung nur schwer messbar

Dabei reichte die Veröffentlichung des Plans, die mit insgesamt bis zu 180 Millionen Barrels bisher größte Menge an Rohöl aus den strategischen Reserven freizugeben, aus, um den Preis des schwarzen Goldes erheblich zu drücken. Am Tag der Ankündigung gab dieser unmittelbar um sieben Prozent nach und fiel in den folgenden sieben Handelstage um weitere knapp acht Prozent. Das Ziel von Bidens Vorhaben war es, bis zum Herbst eine Überbrückung für das schwächelnde US-Angebot zu schaffen, in Erwartung einer dann wieder steigenden inländischen Produktion. Die angestrebte Wirkung ist jedoch schwer messbar. Angesichts der in beispielloser Weise eskalierenden Energiekrise, zum anderen aber auch, da Saudi-Arabien & Co. mit den USA nicht am gleichen Strang zogen, ging es auch mit dem Ölpreis zunächst weiter aufwärts. Machtspiele in Krisenzeiten. Dennoch darf davon ausgegangen werden, dass diese Maßnahme durchaus ihren Teil zu den aktuell „günstigen“ Ölpreisen beigetragen hat, dessen vornehmlich durch Rezessionsangst getriebene Abkühlung beschleunigte und auch weiterhin unterstützt. In der vorvergangenen Woche beispielsweise flossen allein 8,4 Millionen Barrels aus der SPR in die kommerziellen Öllager, um von dort aus vermarktet zu werden. Die Vorräte in jenen Speichern erhöhten sich in diesem Zeitraum unter dem Strich jedoch um lediglich 2,4 Millionen Fass. Mit anderen Worten: sechs Millionen Barrels – was nahezu der täglichen Zusatzmenge entspricht – nimmt der Markt ohne weiteres auf, „on top“, ein Preiseffekt war nicht zu beobachten. Die Nachfrage nach Öl ist trotz Rezessionsgefahr und Chinas wirtschaftlichem Null-Covid-Harakiri enorm. In einem Szenario ohne die amerikanischen Zusatzmengen wäre dies zweifellos deutlich sichtbar, sowohl am Preis als auch an erheblich leereren kommerziellen Speichern. Deren Füllstände liegen trotz SPR-Aufstockung unter dem langjährigen Mittelwert.

Abweichung vom Plan?

Selbstverständlich unterlag die Wahl der Zeitspanne, in der Joe Biden Inflation, Öl- und, vor allem, die Spritpreise massiv senken wollte, nicht nur rein wirtschaftlichen Überlegungen. Am 8. November finden in den USA die Zwischenwahlen statt, und für Biden steht einiges auf dem Spiel. Da wäre es schon begrüßenswert, Erfolge an der Preisfront vermelden zu können. Das Ende des Programms war daher für Ende Oktober geplant, nach den Wahlen im November sollte wieder eingekauft werden. Neuesten Verlautbarungen zu Folge kommt zu dieser zeitlichen Komponente nun noch eine preisliche hinzu. So plant das Weiße Haus, erst dann die Aufstockung der Reserve vorzunehmen, wenn der Rohölpreis wieder unter 80 Dollar sinkt. Dies ist zwar denkbar, angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlich schweren Zeiten. Nicht zu unterschätzen ist jedoch der Preiseffekt, den die im Dezember in Kraft tretenden EU-Sanktionen gegen russische Öllieferungen haben könnten, umso mehr, wenn in dieser kritischen Phase die bisherigen US-Mengen fehlen würden. Kommt zu dem sich dann gen Westen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erheblich verknappenden Angebot – auch an dieser Stelle sollte man Wladimir Putin ernst nehmen – sogar noch weitere Nachfrage hinzu, weil Joe Biden gerade dann seine Speicher füllen wollte, wäre der Preiseffekt fatal. Insidern der Washingtoner Politszene zufolge debattiert man deswegen schon hinter den Kulissen über ein genau gegenteiliges Vorgehen. Mehr und mehr Entscheidungsträger ziehen offenbar zusätzliche Freisetzungen aus der strategischen Erdölreserve im November, Dezember oder Januar in Betracht, wenn auch über den angedachten Umfang bislang nichts nach außen gedrungen ist. Das Weiße Haus dementiert an dieser Stelle zwar, aber wo Rauch ist, ist üblicherweise auch Feuer.

„Öl kann man nicht drucken!“

Die jüngsten Inflationsdaten, sowohl die der USA als auch der Eurozone, sind nach wie vor katastrophal, mit dem Energiesektor als weiterhin maßgeblichem Faktor. Wenn sich auch die Wirkung der SPR-Verkäufe nicht im Detail bewerten lässt, so ist doch die Annahme berechtigt, dass sie eine der Triebfedern für den derzeitigen Abwärtstrend der Rohölpreise sind. Und wenn es natürlich stimmt, dass die Fed kein Öl drucken kann, so hat die US-Regierung über das Vehikel der SPR im gewissen Sinne tatsächlich mehr Fässer „gedruckt“. Diese Fähigkeit ist jedoch begrenzt, langfristig ist diese eine große deflationäre Kraft unhaltbar. Zum einen, weil die Vorräte einfach irgendwann aufgebraucht sind, aktuell enthält die Notreserve noch knapp 440 Millionen Barrels, das ist der niedrigste Stand seit 1984, zum anderen aber auch, weil ein fortgesetzter Preisverfall die heimische Produktion unter Druck setzen würde. Dabei zeigt ein Blick auf die Terminkurve, also der Vergleich der kurzfristigen Preise mit den weiter in der Zukunft liegenden, eine interessante Möglichkeit zur Lösung des Dilemmas: theoretisch kann die US-Regierung ihr Öl täglich am Spotmarkt verkaufen und gleichzeitig in gleichem Umfang weiter in der Zukunft liegende Terminkontrakte erwerben. Diese sind aufgrund der auch „Backwardation“ genannten inversen Struktur der Kurve günstiger als die jeweils kürzer laufenden Öl-Futures. Damit ließe sich sowohl der Ölpreis als auch die Preise an der Zapfsäule senken, es wäre insgesamt ein deflationärer Effekt zu erwarten, die Produzenten blieben bei der Stange und auch die Befüllung der strategischen Reserve wäre gesichert.

Übrigens hat sich die Strategie der USA in einer Hinsicht in jedem Fall gelohnt: der Preis, den die US-Regierung für ihre Ölreserve im Mittel bezahlt hat, beläuft sich dem US-Energieministerium zufolge auf 29,70 US-Dollar pro Barrel. Der Durchschnittspreis der Benchmarksorte WTI liegt zwischen Mai und Mitte September diesen Jahres bei 101,50 US-Dollar.

Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 
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