Wirtschaft

China gegen die USA: Kampf um die größten Erdöl-Reserven der Welt

Venezuela hat die größten Erdölreserven weltweit. Bisher hat der Westen das Land eher gemieden. Durch die Ölknappheit könnte Venezuela zu einem Faustpfand für Europa und die USA werden – zum Nachteil Chinas.
25.09.2022 09:22
Aktualisiert: 25.09.2022 09:22
Lesezeit: 4 min

Venezuela hat die Hoffnung von der angespannten Lage in der amerikanischen Öl-Industrie zu profitieren und durch einen Öl gegen Sanktionsabbau und Schuldenabbau Deal den eigenen Ölexport anzukurbeln, wie Oilprice berichtet. Egal wie oft die US-Regierung die Bitte Venezuelas zurückweist Sanktionen zu beenden, um die durch die eigenen Sanktionen entstandene Versorgungslücke zu schließen, der südamerikanische Ölriese hat nicht vor sein Bestreben die Rohölexporte zu steigern aufzugeben.

So erklärte Präsident Maduro Mitte September laut der arabischen Nachrichtenseite Alarabiya News, dass Venezuela bereit sei, seine Ölproduktion wieder aufzunehmen und in den Rest der Welt zu exportieren, sobald sich die Gelegenheit dazu biete. Auf einer Veranstaltung anlässlich des Besuchs des OPEC-Generalsekretärs in Caracas sagte Maduro: „Venezuela ist bereit und willens, seine Rolle zu erfüllen und auf stabile und sichere Weise den Öl- und Gasmarkt zu versorgen, den die Weltwirtschaft braucht.“

Zu Beginn dieses Jahres gab es laut Oilprice große Hoffnungen, dass die USA ihre Sanktionen gegen Venezuela angesichts der Ölknappheit und der steigenden Preise aufgrund der russischen Invasion in der Ukraine aufheben würden, so dass das schwarze Gold wieder aus dem südamerikanischen Ölgiganten fließen könnte. Dies hat sich jedoch noch nicht bewahrheitet. Zwar wurden einige Zugeständnisse für den Ölhandel gemacht, Venezuela will aber mehr. Das Land ist bereit, riesige Mengen seines Rohöls zu pumpen und zu exportieren, wann immer es die Gelegenheit dazu gibt.

Biden machte im Mai Zugeständnisse

Maduro wies Befürchtungen zurück, dass sich die venezolanische Ölindustrie nach Jahren niedriger Produktion und unzureichender Investitionen noch lange nicht erholt habe. Die Produktion liegt derzeit bei etwa 700.000 bpd, verglichen mit 2,3 Millionen bpd vor zwei Jahrzehnten. Dies ist auf die US-Sanktionen gegen den Handel mit venezolanischem Rohöl zurückzuführen, der früher rund 96 Prozent der Einnahmen des Landes ausmachte.

Im Mai machte Präsident Biden einige Zugeständnisse in Bezug auf die Sanktionen und erlaubte Venezuela, Öl gegen Bezahlung nach Europa zu exportieren. Die italienische Firma ENI und der spanische Ölkonzern Repsol durften venezolanisches Rohöl im Rahmen eines Öl-gegen-Schulden-Tausches nach Europa liefern und so dazu beitragen, die Lücke in der Region zu schließen. Dies war zwar nicht die von Venezuela erhoffte Wende, aber es sorgte für mehr Optimismus, dass in den kommenden Monaten weitere Zugeständnisse gemacht werden könnten.

Im August beschloss Maduro jedoch, die Öl-gegen-Schulden-Lieferungen nach Europa auszusetzen, und erklärte, er wolle anstelle von Rohöl raffinierte Kraftstoffe von ENI und Repsol. Venezuela hatte in den letzten Monaten große Schwierigkeiten, raffinierte Brennstoffe zu finden, da viele seiner Raffinerien baufällig sind. Um seinen Bedarf zu decken, hat das Land bereits mit dem Iran Rohöl gegen Kondensat getauscht und damit die US-Sanktionen gegen die beiden Länder umgangen. Wenn Venezuela mehr raffinierte Öle importieren kann, könnte es die Erholung seiner Ölindustrie besser unterstützen, da mehrere Betriebe Verdünnungsmittel benötigen, um weiterarbeiten zu können. Bislang hat Europa diesem Ersuchen nicht zugestimmt, so dass erneut eine Versorgungslücke entsteht.

Venezuela verfügt über größte Erdölreserven der Welt

Doch wie viel Ölpotenzial hat Venezuela? Der südamerikanische Erdölgigant verfügt laut Oilprice über die größten Erdölreserven der Welt, die im Jahr 2016 rund 18,2 Prozent der weltweiten Barrel Öl ausmachten. Und obwohl die derzeitige Fördermenge aufgrund der Sanktionen gering ist, glaubt Maduro, dass das Land seine Produktion rasch um mehrere hunderttausend Barrel Öl pro Tag steigern könnte. Eine nennenswerte langfristige Steigerung der Produktion würde jedoch umfangreiche ausländische Investitionen in die Exploration und die Ölinfrastruktur erfordern.

Defekte Ausrüstung, verlassene Ölfelder und ein Mangel an Talenten sind nur einige der Herausforderungen, die Energieexperten als Hindernisse für einen langfristigen Produktionserfolg nennen. Dies und die politische Ungewissheit haben viele Ölfirmen davon abgehalten, in der Region zu investieren, obwohl es dort reichlich Reserven gibt. Derzeit sind der US-amerikanische Ölmulti Chevron, die italienische ENI und die spanische Repsol weiterhin in dem Land tätig, während andere, wie ExxonMobil, sich nach den Sanktionen gegen die Branche zurückgezogen haben.

In den letzten Monaten hat sich die Frage nach dem „kleineren Übel“ gestellt. Viele fragen sich, ob die Sanktionen gegen Venezuela gelockert werden sollten, um die Belastung für Europa und Nordamerika zu verringern, die durch den Ausfall der russischen Öllieferungen entsteht. Die enge politische Verbindung Venezuelas mit Kuba, China und Russland hat jedoch dazu geführt, dass viele dieser Option eher kritisch gegenüberstehen. Dieses Hin und Her hat eine Lockerung der Sanktionen für mehrere Monate auf Eis gelegt. Einige stellen jedoch in Frage, ob die Sanktionen gegen venezolanisches Öl jemals funktioniert haben.

Von Anfang an gab es keine klare Analyse des zu erwartenden Ergebnisses der Sanktionen. Die ehemalige stellvertretende Außenministerin für Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre, Kimberly Breier, vermutete, dass die Sanktionen ohne eine Bewertung der Folgen oder der potenziellen Auswirkungen auf die venezolanische Bevölkerung verhängt wurden. Sie sagte Anfang Juni laut The Guardian: „Es gab absolut keine Beweise, dass die Ölsanktionen den Sturz Maduros herbeiführen würden, und dennoch weckte Trumps Sicherheitsberater John Bolton die Erwartung, dass dies irgendwie auf magische Weise geschehen würde“.

Dies hat zu einem massiven wirtschaftlichen Abschwung im Land, einer schweren Treibstoffknappheit und schlechten Lebensbedingungen für die Venezolaner geführt. Es hat das Land jedoch nicht davon abgehalten, sein Öl zu verkaufen, da es weiterhin Handelsbeziehungen mit dem Iran und China pflegt. Angesichts der Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Sanktionen, des weltweiten Versorgungsengpasses und der Bereitschaft Maduros, die Ölgeschäfte des Landes so bald wie möglich wieder aufzunehmen, könnte sich das Blatt für Venezuela wenden.

Chance für die USA und Europa

Die Debatte um eine mögliche Öffnung der USA gegenüber Venezuela ist nicht neu. Sie passt in die heiße Wahlkampfphase vor den Midterm-Elections im November. Die Republikaner haben einen kompromisslosen Kurs gegenüber Caracas gefahren. Die Demokraten hingegen zeigten mehr Interesse an Venezuela und an einer Umorientierung im Verhältnis zu den Südamerikanern. Speziell der linke Flügel der Demokraten rund um Bernie Sanders ist Venezuela positiv gesonnen. Die Möglichkeit einer Öffnung der USA gegenüber Venezuela, ist demnach aktuell besser als im Falle einer republikanischen Regierung und einem Senat oder Repräsentantenhaus unter Einfluss der Republikaner.

Eine Öffnung gegenüber Venezuela von den USA und Europa bietet dem Westen eine Chance. Man könnte das Land mit den größten Erdölreserven weltweit auf seine Seite ziehen und somit eine Alternative zur engen Beziehung Chinas, Russlands und dem Iran mit Venezuela darstellen. Gleichzeitig hätten die USA die Möglichkeit, ihre Ölengpässe der letzten Wochen aufzufangen.

Für China wäre eine Öffnung des Westens gegenüber Venezuela keine gute Nachricht. Gerade hätte man die Möglichkeit die USA als Europas Dieselexporteur zu ersetzen, da wäre eine Öffnung des Westens gegenüber Venezuela ein Rückschlag für das „Reich der Mitte“. Die USA und Europa stehen also vor der Wahl: Nutzen sie die Chance, die sich aus einer Öffnung gegenüber Venezuela geben würde, oder überlässt man ein wichtiges Ölexportland dem chinesischen und russischen Einfluss.

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