Panorama

Entwarnung beim Klimawandel? Forscher korrigieren Worst-Case-Szenario

Die schlimmsten Klima-Prognosen gelten inzwischen als weniger wahrscheinlich. US-Präsident Donald Trump sieht sich dadurch bestätigt.
30.05.2026 13:57
Lesezeit: 3 min
Entwarnung beim Klimawandel? Forscher korrigieren Worst-Case-Szenario
Klimaforscher halten extreme Szenarien der Erderwärmung für weniger wahrscheinlich. (Foto: ChatGPT)

Klima-Szenarien neu bewertet: Ist die Erderwärmung weniger dramatisch?

Wissenschaftler bewerten die Entwicklung der Erderwärmung inzwischen etwas optimistischer. US-Präsident Trump sieht darin eine Bestätigung seiner Zweifel am Klimawandel. Fachleute widersprechen dieser Darstellung jedoch deutlich.

Bleibt der Klimawandel womöglich doch aus? Klimaforscher haben ihre Annahmen zum schlimmsten Szenario der Erderwärmung abgeschwächt und ihre Modelle angepasst. US-Präsident Donald Trump feierte dies als Zurückweisung von "Klima-Alarmismus". Nach Einschätzung vieler Wissenschaftler ist diese Interpretation jedoch falsch: Der Klimawandel bleibe gefährlich – was sich auch daran erkennen lasse, dass selbst das bisher günstigste Szenario inzwischen negativer bewertet wird.

Worum geht es genau?

Forscher des World Climate Research Programme veröffentlichten einen Fachbeitrag, in dem verschiedene Szenarien zur weiteren Erderwärmung dargestellt werden. Das Ausmaß der Treibhausgasemissionen im bislang extremsten Szenario sei inzwischen "unplausibel geworden".

Der niederländische Hauptautor Detlef van Vuuren erklärt dies in einem ergänzenden Beitrag unter anderem mit den stark gesunkenen Kosten erneuerbarer Energien. Diese hätten sich in den vergangenen Jahren schneller entwickelt als erwartet, wodurch der Verbrauch fossiler Energieträger wie Öl und Gas voraussichtlich weniger stark steigen werde. Außerdem werde zumindest teilweise Klimaschutz betrieben.

Das Bundesumweltministerium wertet dies als Erfolg der bisherigen Klimapolitik. Für Investoren sei es heute attraktiver, in erneuerbare Energien zu investieren, anstatt neue Kohlekraftwerke zu finanzieren.

Bedeutet das weniger Risiken durch die Erderwärmung?

Nein. Auch wenn die Emissionen im schlimmsten Szenario geringer eingeschätzt werden, bedeute dies nicht, dass ein gefährlicher Klimawandel verhindert wurde, schreibt van Vuuren. Im angepassten Worst-Case-Szenario werde weiterhin von einer Erhitzung der Erde um etwa 3,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit ausgegangen, "ein Wert, bei dem sehr schwerwiegende Klimafolgen zu erwarten sind". Zum Vergleich: Das vorherige Szenario ging laut Deutschem Wetterdienst von einer Erwärmung um deutlich mehr als vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus.

Außerdem verweist van Vuuren auf bestehende Unsicherheiten: Es sei weiterhin möglich, dass der weltweite Temperaturanstieg bis 2100 über 4 Grad liege. Zusätzlich werde danach ein weiterer Temperaturanstieg erwartet, sodass das zuvor für 2100 angenommene Niveau vermutlich erst 2150 erreicht werde.

Auch Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute betont, dass der neue Ansatz keineswegs als Entwarnung verstanden werden dürfe. "Die Wissenschaft geht heute von sehr viel gravierenden Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren." Besonders die Gefahr sogenannter Kipppunkte werde inzwischen deutlich höher eingeschätzt – also Schwellen, ab denen sich negative Entwicklungen massiv beschleunigen. "Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde."

Nach Angaben des UN-Umweltprogramms steuert die Welt weiterhin auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis 2100 zu – mit weiterhin katastrophalen Folgen, so das Umweltministerium. "Was eine Welt allein mit 1,5-Grad Erwärmung bedeutet, ahnen wir bereits heute: mehr Dürren, Hitzewellen, Waldsterben, Überschwemmungen oder anderen Wetterextreme."

Haben Klimaforscher falsch gelegen oder Panik verbreitet?

Nein, sagt Höhne. Erneuerbare Energien seien inzwischen so stark verbreitet, dass ein unbegrenztes Wachstum fossiler Energien kaum noch denkbar sei. "Früher war das tatsächlich wahrscheinlich, weil es keine Alternativen zu den fossilen Energien gab. Die Wissenschaft lag also nicht falsch oder hätte gar Hysterie verbreitet." Vielmehr habe die Forschung ihre Zukunftsprognosen an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst.

Ähnlich bewertet dies auch Johannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment in Mailand. Die Wissenschaft habe sich keineswegs widerlegt. "Vielmehr hat sich im vergangenen Jahrzehnt dank politischem Momentum, technologischem Fortschritt und ökonomischen Anreizen schon einiges bewegt, um zumindest dieses Worst-Case-Szenario zunehmend unrealistisch erscheinen zu lassen."

Warum wird das beste Szenario inzwischen negativer bewertet?

Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen sei in den vergangenen Jahren weiter angestiegen, erklärt van Vuuren. "Selbst die optimistischsten Szenarien erreichen erst gegen Ende dieses Jahrhunderts wieder etwa 1,5 Grad, nach einem deutlichen Überschreiten dieses Ziels um mindestens 0,2 bis 0,3 Grad."

Das zeige, dass sowohl dem Klimawandel selbst als auch der Anpassung an seine Folgen künftig noch mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Neben intensiven Maßnahmen zur Verringerung von Treibhausgasen seien zusätzlich Anstrengungen notwendig, um CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen.

Neue Klima-Modelle ändern wenig an der Gefahr

Die neuen Berechnungen der Klimaforscher zeigen zwar, dass extreme Worst-Case-Szenarien heute weniger wahrscheinlich erscheinen als noch vor einigen Jahren. Verantwortlich dafür sind vor allem technologische Fortschritte bei erneuerbaren Energien sowie politische Maßnahmen zum Klimaschutz. Dennoch bleibt die globale Erwärmung eine enorme Herausforderung. Selbst optimistischere Szenarien gehen weiterhin von schwerwiegenden Folgen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft aus. Zudem wächst die Sorge vor Kipppunkten, die den Klimawandel zusätzlich beschleunigen könnten. Die Wissenschaft warnt deshalb eindringlich davor, die neuen Prognosen als Entwarnung zu verstehen. Der Handlungsdruck beim Klimaschutz bleibt weiterhin hoch – möglicherweise sogar höher als bisher angenommen.

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