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Deutschland droht Nachbarstaaten mit Stopp der Stromexporte

Der größte deutsche Netzbetreiber warnt, dass Deutschland im Winter den Stromexport einstellen könnte. Dies würde andere EU-Staaten massiv in Bedrängnis bringen.
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04.10.2022 11:06
Aktualisiert: 04.10.2022 11:06
Lesezeit: 3 min
Deutschland droht Nachbarstaaten mit Stopp der Stromexporte
Ein Stopp der Stromexporte würde Deutschlands Ruf als Egoist in der Energiekrise weiter verstärken. (Foto: dpa) Foto: Federico Gambarini

Ein leitender Angestellter des größten deutschen Netzbetreibers hat davor gewarnt, dass Deutschland in diesem Winter möglicherweise die Stromexporte nach Frankreich und in andere Länder drosseln muss, um einen Zusammenbruch des deutschen Stromnetzes zu verhindern.

Hendrik Neumann, technischer Leiter von Amprion, dem größten der vier deutschen Stromnetzbetreiber, sagte der Financial Times, dass als „letztes Mittel“ sogar ein vorübergehender Stopp der Stromexporte notwendig werden könnte, um Stromknappheit und Engpässe zu vermeiden. Allerdings sei ein solches Szenario eher eine Frage von Stunden als von Tagen.

Im Ausland stößt das deutsche Management der Energiekrise immer mehr auf Kritik. So sagen einige EU-Staaten, dass der in der letzten Woche angekündigte 200 Milliarden Euro schwere Schutzschirm für deutsche Unternehmen und Verbraucher den europäischen Zusammenhalt zu untergraben droht.

Denn Deutschland nutzt seine wirtschaftliche Macht, um die eigenen Haushalte auf eine Weise zu schützen, die sich andere Staaten nicht leisten könnten. Nicht nur erhalten die Bürger anderer europäischer Staaten weniger Hilfe, sondern die durch den deutschen Schutzschirm verstärkte Nachfrage treibt die Energiepreise für alle zusätzlich in die Höhe.

Deutscher Strom-Exportstopp bedroht Frankreich

Und nun droht Deutschland auch noch damit, im Ernstfall seine Stromexporte zu stoppen. Dies ist eine Gefahr, da jeder Ausfall oder jede Verringerung der deutschen Stromexporte die Versorgungsengpässe in Frankreich verschärfen könnte, wo noch immer fast die Hälfte der 56 Kernkraftwerke wegen plötzlich notwendiger Wartungsarbeiten vom Netz ist.

Die französische Regierung drängt den staatlichen Energieversorger EDF, alle 32 Atomreaktoren, die im Sommer wegen Wartungsarbeiten und Korrosionsproblemen vom Netz gegangen waren, bis zum Winter wieder anzufahren.

Von Januar bis März hat Frankreich 6.000 Gigawattstunden Strom aus Deutschland importiert. Das entspricht 5 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes in diesem Quartal, so der Thinktank Fraunhofer ISE, und ist ein Anstieg gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um den Faktor fünf.

Deutschland ist seit Jahren ein Nettoexporteur von Strom. Im vergangenen Jahr verkaufte es nach Angaben der Netzregulierungsbehörde mit 17.400 Gigawattstunden mehr Strom an andere Länder als es importierte, verglichen mit 18.500 Gigawattstunden im Jahr zuvor. Die größten Abnehmer von deutschem Strom waren Frankreich und Österreich.

„Wir gehen von einer sehr angespannten Situation im kommenden Winter aus“, sagte Neumann der Financial Times und fügte hinzu, dass die durch den Krieg in der Ukraine verursachte Energiekrise nur eines von mehreren „sich überschneidenden Problemen“ sei. Weitere Probleme sind die Abschaltung der französischen Kernkraftwerke und unterbrochene Kohlelieferungen aufgrund von Niedrigwasser in den großen Flüssen.

Das in Dortmund ansässige Unternehmen Amprion erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro und einen Betriebsgewinn von 216 Millionen Euro. Das Unternehmen, das sich mehrheitlich im Besitz eines Konsortiums aus deutschen Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds befindet, betreibt das Stromnetz und Umspannwerke in Westdeutschland, dem industriellen Kernland der größten europäischen Volkswirtschaft.

Deutschland hat eigenes Stromproblem

Neumann sagte, er teile nicht die Ansicht von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der im Juli behauptet hatte, das Land habe kein Stromproblem. „Wenn das so wäre, hätte uns die Regierung nicht gebeten, eine Sonderanalyse zum Strommarkt im Winter durchzuführen“, so Neumann. Als Ergebnis dieser Untersuchung hat die Regierung beschlossen, die für dieses Jahr geplante Stilllegung von zwei der drei verbleibenden Kernkraftwerke des Landes zu verschieben.

Neumann hat gefordert, dass alle drei Atomkraftwerke in Betrieb bleiben sollten, da es noch ungewiss sei, wie eng der Markt sein werde. „Ich kann nur sagen, dass drei Kernkraftwerke besser sind als zwei“, sagte er. Er wies jedoch darauf hin, dass Amprions Ansicht eine technische sei, die „politische und ideologische Aspekte“ außer Acht lasse. Die Bundesregierung müsse die politischen Schlussfolgerungen ziehen und die politische Verantwortung übernehmen.

Deutschland leidet auch unter einem regionalen Missverhältnis von Stromerzeugung und -verbrauch. Viele Windparks befinden sich im windreichen Nordosten des Landes, während große Teile der stromhungrigen Industrie im Südwesten angesiedelt sind, wo es zunehmend an Erzeugungskapazitäten mangelt. Dies kann zu geografischen Ungleichgewichten zwischen Angebot und Nachfrage führen, da der Netzbetreiber Schwierigkeiten haben kann, den Strom von einer Region in die andere zu leiten.

Normalerweise wird ein solches Ungleichgewicht dadurch behoben, dass mehr kohle- und gasbefeuerte Kraftwerke in Süddeutschland in Betrieb genommen werden, aber in diesem Winter könnte die verfügbare Kapazität nicht ausreichen. In einer solchen Situation könnte Deutschland Neumann zufolge gezwungen sein, seine Exporte zu drosseln.

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