Deutschland

Studie: Kompetenzen von Grundschülern massiv verschlechtert

Eine neue Bildungsstudie sorgt für Aufregung. Gegenüber den Jahren 2016 und 2011 sind deutliche Verschlechterungen feststellbar.
17.10.2022 14:00
Lesezeit: 3 min

Die Kompetenzen von Grundschülerinnen und Grundschülern in Mathe und Deutsch verschlechtern sich deutlich. „Der IQB-Bildungstrend 2021 liefert alarmierende Ergebnisse, die uns aufrütteln müssen“, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) am Montag zur Bildungsvergleichsstudie unter 27.000 Kindern der vierten Klasse.

Das Können der Viertklässler in Deutsch und Mathematik ging bundesweit im Vergleich zu den Studien von 2011 und 2016 deutlich zurück. „Der negative Trend hat sich seit 2016 sogar verstärkt“, erklärte die Kultusministerkonferenz (KMK). Die Corona-Pandemie mit langen Schulschließungen, Wechselunterricht und Distanzlernen habe Spuren hinterlassen, sagte KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU).

Auch die ab Ende 2015 einsetzende Flüchtlingskrise dürfte zu den Ursachen gehören. In ihrem Verlauf sind zehntausende Kinder aus dem Nahen und Mittleren Osten in die deutschen Schulen gekommen.

Vor allem Kinder aus ärmeren Familien und oder mit Migrationshintergrund seien betroffen. Zudem werde zu spät individuell gefördert. „Wir investieren in Deutschland zu wenig in den Elementarbereich“, sagte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin. Stark-Watzinger plädierte für langfristige Maßnahmen. Ziel des Startchancen-Programms seien bis zu 4000 Schulen mit Modellcharakter, „die dort unterstützen, wo die Herausforderungen am größten sind.“

Die Rückstände seien beunruhigend, denn die in der Schule vermittelten grundlegenden Fähigkeiten seien die Basis künftiger Lebenschancen der Kinder und des künftigen Wohlstands in Deutschland insgesamt, erklärte Bildungsexperte Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut. „Der Lernverlust von einem Drittel Schuljahr geht über das gesamte Berufsleben gerechnet im Schnitt mit rund drei Prozent geringerem Erwerbseinkommen einher.“ Für die Wirtschaft insgesamt könnte das zu einem um durchschnittlich 1,5 Prozent niedrigeren Bruttoinlandsprodukt über den Rest des Jahrhunderts führen.

Ifo-Fachmann Wößmann betonte: „Diese riesigen Lernrückstände werden nicht einfach weggehen.“ Sie hätte hohe Folgekosten für den Wohlstand der Schülerinnen und Schüler und der gesamten Gesellschaft, wenn nicht gegensteuert werde.

„Besorgniserregende“ Resultate

Im Fazit der Pressemappe zur Studie heißt es:

Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends liefern ein besorgniserregendes Bild. Die negativen Trends sind erheblich und der Anteil der Viertklässler und Viertklässlerinnen, die nicht einmal die Mindeststandards errei­chen, ist zu hoch. Im Jahr 2021 liegt dieser Anteil in Deutschland insgesamt zwischen gut 18 Prozent (Zuhören) und etwa 30 Prozent (Orthografie), wobei die Anteile in einzelnen Ländern noch deut­lich höher sind. Es dürfte Einigkeit darüber bestehen, dass solche Zahlen nicht hinnehmbar sind. Bei Mindeststandards handelt es sich um Anforderungen, die von allen Schüler:innen erreicht werden sollten – hierfür haben alle Akteursgruppen im Bildungssystem gemeinsam Sorge zu tragen.

Auch wenn aufgrund der Anlage des Bildungsmonitorings nicht mit Sicherheit bestimmt werden kann, worauf die ausgesprochen ungünstigen Entwicklungen zurückzuführen sind, spricht einiges da­für, dass die pandemiebedingten Einschränkungen des Schulbetriebs eine Rolle gespielt haben. Zum einen sind im Zeitraum 2016–2021 in allen Kompetenzbereichen deutlich negative Trends zu ver­zeichnen und zum anderen sind fast alle Länder von negativen Trends betroffen. Zudem stimmen die Ergebnisse mit Befunden aus internationalen Studien überein, die Effekte der pandemiebedingten Einschränkungen identifiziert haben. Gleichzeitig zeichneten sich in Deutschland bereits zwischen 2011 und 2016 ungünstige Entwicklungen ab. Bei den negativen Trends, die in Deutschland im Zeit­raum 2016–2021 aufgetreten sind, könnte es sich somit teilweise um eine Fortsetzung dieser Ent­wicklungen handeln, die auch ohne die Pandemie aufgetreten wäre.

Besonders ungünstig fallen die Ergebnisse für Kinder mit Zuwanderungshintergrund und aus sozial benachteiligten Familien aus. Sie erreichen im Jahr 2021 in allen untersuchten Kompe­tenzbereichen und in den meisten Ländern im Durchschnitt nicht nur ein niedrigeres Kompetenz­niveau, sondern sind von den negativen Trends überwiegend auch deutlich stärker betroffen als ihre Mitschüler:innen. Dadurch haben sich die zuwanderungsbezogenen und sozialen Disparitäten in allen Kompetenzbereichen signifikant verstärkt. Allerdings sind auch bei Kindern ohne Zuwan­derungshintergrund und bei Kindern aus sozial besser gestellten Familien Kompetenzeinbußen zu verzeichnen, und weder die Länderunterschiede noch die negativen Trends in den erreichten Kom­petenzen lassen sich vollständig auf die Zusammensetzung der Schüler:innenschaft bzw. deren Ver­änderung in den Ländern zurückführen. Angesichts des insgesamt sinkenden Kompetenzniveaus der Viertklässler:innen bei gleichzeitig zunehmenden Disparitäten müssen gezielte Anstrengungen unter­nommen werden, um die Bildungsqualität in der Breite zu erhöhen. Dabei muss ein besonderes Au­genmerk auf die Sicherung der Mindeststandards und auf diejenigen Schüler:innen gelegt werden, die aufgrund von ungünstigeren Lernausgangslagen und Lernbedingungen einem besonderen Risi­ko ausgesetzt sind, abgehängt zu werden. Eine besondere Herausforderung besteht weiterhin im Be­reich der Sprachförderung. Diese muss systematisch weiterentwickelt werden, um sicherzustellen, dass auch Kinder, die mit geringen Deutschkenntnissen ins Bildungssystem kommen, dieses erfolg­reich durchlaufen können.

Die IQB Bildungsstudie finden Sie hier.

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