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Boykotte im Sport „entmachten Diktaturen nicht, aber sie bringen sie manchmal in Erklärungsnot“

Der Startschuss zur diesjährigem Fußball-Weltmeisterschaft in Katar rückt näher – und mit ihr Diskussionen um einen möglichen Boykott der umstrittenen WM. Ein Blick in die Geschichte zeigt Chancen und Grenzen der Boykotte von Sportveranstaltungen auf.
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18.11.2022 13:00
Lesezeit: 5 min

Boykotte von Sportveranstaltungen waren stets und sind nach wie vor ein zweischneidiges Schwert. Sollen sie einerseits aus zumeist politischen Gründen das Gastgeberland einer sportlichen Großveranstaltung wie der Olympiade oder einer Fußball-Weltmeisterschaft treffen, können sie andererseits durchaus auch die Athleten oder Fußballspieler der boykottierenden Länder betreffen, die gegebenenfalls nicht antreten dürfen und so um mögliche Medaillengewinne gebracht werden. Wie dramatisch es bisweilen werden kann, wenn der Sport der politischen Staatsräson untergeordnet wird, beweisen Erinnerungen von Alexander Pusch, deutscher Fecht-Olympiasieger in Montreal 1976. „Als es zur Abstimmung kam“, erklärte der inzwischen 64-jährige Sportler zuletzt gegenüber der „WELT“, „raste mein Puls auf einmal schneller als in einem Finale. Ich war am Boden zerstört, mir ging es saudreckig. Ich fühlte mich, als hätte ich das wichtigste Gefecht meines Lebens verloren.“

Heute wie im Kalten Krieg prägen Boykotte den Weltsport

Der damalige US-Präsident Jimmy Carter forderte nämlich aufgrund des russischen Einmarschs in Afghanistan den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980. Obwohl viele der betroffenen bundesrepublikanischen Sportler dagegen waren, verzichtete Deutschland so erstmals freiwillig auf eine Olympia-Teilnahme. Für Russland war es bereits der zweite Boykott, nachdem mehrere Länder den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 nach der sowjetischen Niederschlagung der antikommunistischen Proteste in Ungarn fernblieben. Im Gegenzug boykottierte Russland vier Jahre nach der boykottierten Olympiade im eigenen Land samt seiner besetzten Satellitenstaaten die Olympischen Spiele in Los Angeles. Nach dem Überfall auf die Ukraine wurde Russland wiederum am 28. Februar dieses Jahres seitens der FIFA und der UEFA von der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ausgeschlossen.

Nadelstiche, die Katar und die FIFA zum Handeln bringen sollen

Derart vergleichsweise scharfe Boykotte spielen in der Debatte über die Fußball-WM in Katar selbst freilich keine Rolle. Vielmehr geht es um Nadelstiche, die Katar und die FIFA zum Handeln bringen sollen. So sollen in mehreren französischen Großstädten keine Public Viewings abgehalten werden. Auch in einigen deutsche Großstädte wird die diesjährige Fußball-Weltmeisterschaft nicht auf Großleinwänden übertragen. Zwar werden derlei Entscheidungen auch häufig mit der gegenwärtigen Energiekrise oder der Jahreszeit des Ende November beginnenden und knapp eine Woche vor Heiligabend endenden Sport-Events begründet. Dennoch geht es dabei in erster Linie stets um – wenn auch nur vorsichtige – Boykotte aus ethischen Gründen. Und die liegen zweifelsfrei vor: Die exakt kaum festzustellende Zahl der toten Arbeitsmigranten seit der WM-Vergabe changiert zwischen 6.500 und 15.000.

„Kafala“ macht Arbeitsmigranten extrem abhängig von ihren katarischen Arbeitgebern

Das in der Arabischen Welt im allgemeinen und besonders in den arabischen Golfstaaten verbreitete Bürgschaftssystem „Kafala“ macht Arbeitsmigranten aus Drittländern extrem abhängig von ihren katarischen Arbeitgebern, die sogar die Pässe ihrer Angestellten einbehalten und ihnen die Ausreise verbieten können. Obwohl Katar das Kafala-System seit der Vergabe nach internationaler Kritik gesetzlich verbieten ließ, ist es laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen de facto nach wie vor in Kraft. Das Minimum, das die Menschenrechtsorganisationen von der FIFA als Wiedergutmachung für die umstrittene WM-Vergabe einfordern, ist ein Entschädigungsfonds für die Familien der ums Leben gekommenen Arbeiter, die in vielen Fällen nicht einmal die ihren verstorbenen Männern und Söhnen noch zustehenden Löhne ausgezahlt bekamen.

Wann waren Boykotte in der Sportgeschichte überhaupt erfolgreich?

Von einem harten Boykott raten die Menschenrechtsorganisationen gleichsam ab. Lieber wollen sie die WM als mediales Großevent nutzen, um Menschenrechtsverletzungen in Katar anzuprangern. Dennoch ist der Begriff des Boykotts in der Diskussion allgegenwärtig, manchmal abgewandelt als „Mini-Boykott“. Dementsprechend stellt sich zwangsläufig die Frage: Wann und unter welchen Bedingungen waren Boykotte in der Sportgeschichte überhaupt erfolgreich? Gegenüber den „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ erklärt Jutta Braun, Historikerin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) , dass die Beantwortung der Frage davon abhänge, wie man erfolgreich definiere. Letztlich hätten Boykotte die Abhaltung von Spielen nie wirksam verhindert. „Die Boykottbewegung gegen das Völkerfest unter dem Hakenkreuz in Berlin 1936 war nicht erfolgreich, die Spiele fanden statt und wurden zum Propagandacoup der Nazis.“

„Boykotte haben mithin eher einen symbolischen Charakter“

Zugleich hätten aber die zahlreiche Proteste in Amerika und Großbritannien, auch die von deutschen Intellektuellen wie Heinrich Mann, geholfen, auf Antisemitismus und Gewalttätigkeit in Deutschland aufmerksam zu machen. „Boykotte haben mithin eher einen symbolischen Charakter und sie richteten sich auch nicht immer gegen den Gastgeber“, erklärt Braun. „1956 blieben Staaten wie die Schweiz, Spanien und Niederlande den Spielen in Melbourne fern, aus Protest gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes. Andere wie Libanon und Ägypten fehlten im gleichen Jahr, um die Suez-Krise zu skandalisieren.“ 1980 wiederum hätten nicht nur die USA die Olympischen Spiele Moskau aus Protest gegen den Einmarsch in Afghanistan boykottiert, sondern auch zahlreiche islamische Staaten. „In der Folge hat sich kein sowjetischer Soldat aus Afghanistan herausbewegt, aber die kommunistische Propaganda war immerhin in der unkomfortablen Lage, der eigenen Bevölkerung erklären zu müssen, weshalb so viele große Sportnationen nicht bei den Spielen in Moskau antraten“, betont Braun.

„Boykotte entmachten Diktaturen nicht, aber sie bringen sie manchmal in Erklärungsnot“

Gerade in einer so abgeschirmten, pressegelenkten Öffentlichkeit wie im kommunistischen Russland hätte so das parteioffizielle Bild gestört werden können. „Boykotte entmachten Diktaturen nicht, aber sie bringen sie manchmal in Erklärungsnot. Am konsequentesten war wohl der jahrzehntelange Sportbann gegen Südafrika.“ Zwar sei, wie Braun erklärt, die Apartheid nicht deshalb abgeschafft worden – dennoch habe der Sportbann geholfen, die Sichtbarkeit der Missstände zu erhöhen und das Apartheidsregime öffentlich zu isolieren. „Da sich insbesondere Diktaturen und autoritäre Regime durch eine überproportionale Sportförderung auszeichnen und ihr Prestige durch Medaillen und Titel zu mehren trachten, waren Sportboykotte mithin immerhin ein probates Mittel, um diese Staaten auf einem zentralen Feld ihrer Selbstdarstellung zumindest zu stören“, schließt die Historikerin.

Ausbeutung von Arbeitsmigranten ist nicht nur in Katar an der Tagesordnung

Und in der Tat sieht Katar derlei Störfeuer nicht gerne. „Seitdem wir die Ehre haben, die Weltmeisterschaft auszurichten, ist Katar einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt, die noch kein Gastgeberland jemals erlebt hat“, klagte so zuletzt Katars Staatsoberhaupt Emir Tamim Bin Hamad Al Thani. Ob die FIFA tatsächlich einen Entschädigungsfonds ins Leben ruft, wie es die Menschenrechtsorganisationen fordern, bleibt derweil abzuwarten. Dennoch dürften die Boykotte der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, und seien sie auch nur „Mini-Boykotte“, das Thema Arbeitsmigration langfristig auf die Agenda der Weltöffentlichkeit setzen. Denn die Ausbeutung von Arbeitsmigranten ist längst nicht nur in Katar an der Tagesordnung, sondern ein grenzübergreifendes Phänomen, wie der Islamwissenschaftler Sebastian Sons zuletzt in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ anmerkte.

Arbeitsmigration muss auch hierzulande kritisch hinterfragt werden

Katar sei dabei „Symptom eines Systems, das seit vielen Jahrzehnten existiert“. In einem Land wie Nepal würden beispielsweise 25 Prozent der Einkommen im Bruttoinlandsprodukts aus sogenannten Rücküberweisungen an die Familien von Arbeitsmigranten stammen. Würde man diese von „heute auf morgen unterbinden“, so Sons, hätten Länder wie Nepal mit Staatsbankrotten zu rechnen. Neben einem Entschädigungsfonds und strengeren Vergabekriterien seitens der FIFA müsste man, nähme man den Fall Katar ernst, also auch das Phänomen der Arbeitsmigration selbst, der weltweiten Verwandlung von Menschen in nach Gutdünken verschiebbare Handelsgüter und die damit verbundenen internationalen Abhängigkeiten und „Brain Drain“-Effekte, kritisch hinterfragen – auch und besonders hierzulande. Boykotte allein helfen wenig.


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