Politik

Kanada startet Sterbehilfe für psychisch Kranke

Die "medizinische Unterstützung beim Sterben" ist heute eine der häufigsten Todesursachen in Kanada. Und nun wird das Programm noch auf zahlreiche weitere Fälle ausgeweitet.
Autor
18.12.2022 10:00
Lesezeit: 2 min
Kanada startet Sterbehilfe für psychisch Kranke
Premierminister Justin Trudeau. In Kanada wird die medizinische Sterbehilfe massiv ausgeweitet. (Foto: dpa) Foto: Paul Chiasson

Nirgendwo sonst in der Welt werden so viele Menschen auf Wunsch medizinisch getötet wie in Kanada. Und nun baut das Land die Sterbehilfe weiter aus. Ab März kommenden Jahres werden in Kanada auch Menschen Zugang zur Sterbehilfe erhalten, deren einzige Grunderkrankung eine psychische Krankheit ist. Bei der Verabschiedung des letzten Gesetzes zur medizinischen Sterbehilfe im Jahr 2021 waren psychische Erkrankungen noch ausgeschlossen worden.

Mit der Ausweitung der Sterbehilfe im März wird Kanada eines von sechs Ländern weltweit, wo Menschen von einem Arzt beim Sterben unterstützt werden können, die allein an einer psychischen Krankheit leiden und nicht kurz vor dem natürlichen Tod stehen. Menschen, die medizinisch getötet werden wollen, müssen auch künftig einen Antrag stellen.

Außerdem müssen zwei Ärzte feststellen, dass die Antragsteller tatsächlich an einer unheilbaren Krankheit erkrankt sind, die ihnen unerträgliches Leid zufügt, und dass die Antragsteller urteilsfähig sind, dass sie also ihren Zustand, die Entscheidung für die medizinische Unterstützung beim Sterben (medical assistance in dying, MAID) sowie die Folgen ihrer Entscheidung verstehen und einschätzen können.

"Lebensmüde Fälle in Kanada kommen vor", zitiert Reuters Madeline Li, eine auf Palliativmedizin spezialisierte Krebspsychiaterin, die für ihr Krankenhausnetzwerk in Toronto einen Rahmen für die Sterbehilfe zusammengestellt hat. "Ich habe mich mit MAiD für Menschen, die im Sterben liegen, sehr gut angefreundet." Weniger wohl fühle sie sich bei der Ausweitung des Programms. "Wir haben MAiD so offen gestaltet, dass man es im Grunde aus jedem Grund beantragen kann."

Mehr als 30.000 Kanadier sind mit medizinischer Hilfe gestorben, seit sie 2016 legal wurde. Allein im vergangenen Jahr wurden 10.000 Kanadier medizinisch getötet, was laut offiziellen Daten 3,3 Prozent der Todesfälle in diesem Jahr ausmachte. Die überwiegende Mehrheit wurde als kurz vor ihrem natürlichen Tod eingestuft. Letztes Jahr waren 4,5 Prozent der Todesfälle in den Niederlanden und 2,4 Prozent der Todesfälle in Belgien "medizinisch assistiert".

Einige Kritiker sagen, das bestehende System der Sterbehilfe sei fehlerhaft, weil es Menschen in die Sterbehilfe drängt, die unter einem Mangel an Behandlung oder Unterstützung leiden. Die lokalen Nachrichten haben über einige Personen berichtet, die eigenen Angaben zufolge Sterbehilfe in Anspruch nehmen, weil es ihnen an einer angemessenen Unterkunft oder sonstiger Unterstützung fehlt.

Bei der Bundesbehörde, die für Veteranen zuständig ist, hat ein Mitarbeiter zwischen 2019 und 2022 mindestens vier Veteranen unaufgefordert Sterbehilfe angeboten. Und die Behörde untersucht derzeit noch einen weiteren derartigen Vorwurf, sagte ein Sprecher in einer E-Mail an Reuters. Die Beratung über Sterbehilfe sei jedoch keine Dienstleistung der Behörde.

Einige Psychiater, die gegen die Ausweitung sind, sagen, es sei unmöglich zu bestimmen, ob eine psychische Krankheit wirklich unheilbar ist. Ein Sprecher des Gesundheitsministers Jean-Yves Duclos sagte, die Regierung arbeite mit ihren Amtskollegen zusammen, um sicherzustellen, dass "ein starker Rahmen vorhanden ist", wenn die Sterbehilfe für psychische Erkrankungen verfügbar wird.

Eine Verzögerung würde bedeuten, dass "Menschen, die derzeit unerträglich leiden, weiter leiden müssen", sagte die Ärztin Justine Dembo aus Toronto, die Patienten für die Sterbehilfe begutachtet und an einem Expertengremium zu diesem Thema teilnahm. Sie rechnet mit einem Mangel an Gutachtern und Anbietern aufgrund des Stigmas und dem Anspruch, die mit dieser Tätigkeit verbunden sind.

Eine Frau, die darum gebeten hat, nur mit ihren Initialen L.P. genannt zu werden, leidet an Anorexie, einer schweren Form von Appetitlosigkeit. Sie hofft darauf, nun Zugang zur Sterbehilfe zu erhalten, sobald diese im März verfügbar ist. "Das wäre einfach würdevoller." Denn ohne medizinische Unterstützung beim Sterben werde sie weiter leiden, bis die Krankheit sie umbringt oder sie Selbstmord begeht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Zeit für vernachlässigte Aktien und den Energiesektor
25.10.2026

Die kommende Woche wird eine der wichtigsten dieser Berichtssaison.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Audi baut US-Werk für SUVs: Jobverluste in Deutschland drohen  
25.10.2026

US-Präsident Donald Trump verkündet den Bau eines neuen Autowerks von Audi in den USA. Daraufhin entzündet sich am Auftritt des...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Zeit für vernachlässigte Aktien und den Energiesektor
25.10.2026

Die Ergebnisse amerikanischer Unternehmen übertrumpfen die Marktstimmung deutlich, doch Sorgen über KI-Kosten trüben die Aussichten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kapitalismus lebt: Warum Yanis Varoufakis mit seiner Theorie vom Technofeudalismus zugleich falsch und richtig liegt
25.10.2026

Der Kapitalismus ist tot. An seine Stelle ist ein neofeudales System getreten, in dem sich die Macht in den Händen der Eigentümer...

DWN
Finanzen
Finanzen OpenAI-IPO: Die wahre Sorge der Finanzchefin vor dem Börsengang
25.10.2026

Während die Finanzwelt auf den milliardenschweren OpenAI-Börsengang wartet, treibt Finanzchefin Sarah Friar eine ganz andere Sorge um:...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Arbeitnehmer in der Dauerkrise: Immer mehr psychische Erkrankungen
25.10.2026

Die Krisen der vergangenen Jahre hinterlassen Spuren in der Psyche vieler Menschen und am Arbeitsmarkt: Immer mehr Arbeitnehmer fallen...

DWN
Technologie
Technologie Adobe-Alternative kostenlos: Ein verärgerter Kunde fordert den Milliardenkonzern heraus
25.10.2026

Ein Kunde will sein Adobe-Abo kündigen und soll dafür auch noch bezahlen. Seine Rache könnte den Software-Riesen teuer zu stehen kommen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI im Unternehmen: Warum ChatGPT allein noch keine Prozesse automatisiert
25.10.2026

ChatGPT schreibt Texte, fasst Informationen zusammen und spart Mitarbeitern Zeit. Doch wer KI wirklich zur Prozessautomatisierung nutzen...