Politik

Japan leitet historischen Kurswechsel ein und rüstet extrem auf

Japan rüstet massiv auf. Die seit Ende des Zweiten Weltkriegs bestehende defensive Sicherheitspolitik ist Geschichte.
16.12.2022 14:00
Aktualisiert: 16.12.2022 14:33
Lesezeit: 3 min

Japan vollzieht einen historischen Kurswechsel in der Sicherheitspolitik und rüstet massiv auf. Die Regierung von Ministerpräsident Fumio Kischida beschloss am Freitag eine historische Änderung der japanischen Sicherheitsstrategie: In Abkehr von der bislang ausschließlich auf Verteidigung ausgerichteten Sicherheitsdoktrin will sich der US-Vasall künftig in die Lage versetzen, feindliche Raketenstellungen auszuschalten.

Rund 43 Billionen Yen (297 Milliarden Euro) will Japan über die nächsten fünf Jahre für Verteidigung ausgeben. Der Wehretat soll von bislang einem auf künftig zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts verdoppelt werden.

USA forcieren die Aufrüstung gegen China

Der Kurswechsel geschieht angesichts eines Sicherheitsumfelds, das die Regierung als das „ernsteste und komplizierteste“ seit dem Zweiten Weltkrieg beschreibt. Das militärische Auftreten Chinas in der Region stelle „die größte strategische Herausforderung“ aller Zeiten dar, heißt es in dem neuen Sicherheitspapier. Ähnlich formuliert es auch Japans Hegemonialmacht USA, die seit Jahren einen multidimensionalen Feldzug gegen China führt. Die Vereinigten Staaten verfügen in Japan seit Ende des Zweiten Weltkriegs über zahlreiche Militärstützpunkte und haben insgesamt etwa 50.000 Militärangehörige stationiert.

Das offen erklärte Ziel der USA, Chinas Aufstieg zu bremsen oder gar zu unterdrücken, dürfte ein wichtiger Grund für Japans sicherheitspolitische Kehrtwende sein. So hatte Kischida die drastische Aufrüstung bereits nach einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden im Mai des laufenden Jahres angedeutet.

In Japan wird die Aufrüstung unter anderem damit begründet, dass China in ähnlicher Weise wie Russland mit der Ukraine eines Tages nach dem demokratischen Taiwan greifen könnte. Sorge bereitet auch die nahezu ständige Präsenz von Schiffen der chinesischen Küstenwache in Gewässern um die Inselgruppe der Senkaku im Ostchinesischen Meer, die von Japan kontrolliert, aber auch von China sowie von Taiwan beansprucht wird. Japan lege offenbar mehr Wert darauf, Chinas Ambitionen zu vereiteln, seine militärische Präsenz in nahe gelegenen Gewässern zu stärken, als sich gegen Nordkoreas Raketen- und Atomwaffenbedrohungen zu schützen, schrieb die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Experten.

Japans Ministerpräsident Fumio Kischida habe eine „neue Ära in der Verteidigung der Demokratie eingeläutet“, schrieb US-Botschafter Rahm Emanuel am Freitag. Kischida habe eine „klare, unmissverständliche strategische Erklärung zur Rolle Japans als Sicherheitsanbieter im Indopazifik“ abgegeben. Mit zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung würde Japan laut Medien gemessen am heutigen Stand künftig über den drittgrößten Militäretat der Welt nach den USA und China verfügen.

Zentraler Punkt der neuen Sicherheitsstrategie ist die so genannte „Gegenschlagfähigkeit.“ Japan kann demnach unter drei Bedingungen einen Gegenschlag starten: wenn Japan angegriffen wird oder ein Angriff auf eine befreundete Nation Japans Überleben bedroht; es keine geeigneten Mittel gibt, um einen Angriff abzuwehren und solange sich der Einsatz von Gewalt auf ein Minimum beschränkt. Dies sei „unverzichtbar“, um Raketenangriffe abzuwehren, erklärte Kischida. Unter anderem will Japan Marschflugkörper der Schutzmacht USA kaufen.

Eine Raketenabwehr allein reiche nicht mehr aus, um mit der „erheblichen Verstärkung“ der Raketenarsenale von Ländern wie China und Nordkorea fertig zu werden, so die japanische Regierung. Inwieweit der Besitz von Waffen zum „Gegenschlag2 jedoch abschreckend wirken kann, ist ungewiss. Die Regierung in Tokio betont, man halte auch weiterhin an einer ausschließlich auf Selbstverteidigung ausgerichteten Politik fest. Japan werde nicht zu einer Militärmacht.

Im Ernstfall Raketenstellungen auf feindlichem Territorium auszuschalten, betrachtet Japan schon länger als zulässigen Akt der Selbstverteidigung und daher im Einklang mit der pazifistischen Nachkriegsverfassung. Doch angesichts des atomaren Schutzschildes der USA hatte Japan bislang darauf verzichtet, sich mit eigenen Waffen hierzu in die Lage zu versetzen. Dies soll sich jetzt ändern.

Die neue Sicherheitsstrategie baut auf den Reformen des kürzlich ermordeten Ex-Premiers Shinzo Abe auf. Der Rechtskonservative hatte unter anderem 2015 umstrittene Sicherheitsgesetze durchgesetzt, die Kampfeinsätze der japanischen „Selbstverteidigungsstreitkräfte“ im Ausland ermöglichen. Damit hat Japan das Recht zur „kollektiven Selbstverteidigung“ erhalten und darf künftig in Konflikten an der Seite der USA kämpfen, selbst wenn es nicht direkt angegriffen wird.

Kritiker beklagten, damit sei die pazifistische Nachkriegsverfassung zur Makulatur geworden. Es kam damals zu den größten Massenprotesten seit fünf Jahrzehnten. Diesmal jedoch blieben Massenproteste aus. Seine Regierung werde angesichts eines „Wendepunkts der Geschichte“ die eigene „Nation und das Volk verteidigen“, versicherte Kishida.

Aufrüstung weckt böse Erinnerungen

Es bleibt abzuwarten, wie China, Russland und Nordkorea auf die Aufrüstung reagieren. Dabei geht es nicht nur um militärische Aspekte, sondern in vielen Ländern Ostasiens – in China und Korea besonders - dürften angesichts der Wiedererstarkung Japans Erinnerungen an den Überfall des Landes im Zweiten Weltkrieg neue Relevanz erhalten.

Ab 1895 begann eine lange Phase japanischer Expansion, im Zuge derer Korea, Teile des heutigen Russlands und Taiwan erobert wurden. Ab 1931 begann Japan, mit Gewalt große Gebiete in China zu erobern. Ab 1937 eskalierte der Feldzug und bis 1945 verleibte sich das Land große Gebiete in Ostasien bis in die Tropen ein.

Viele Millionen Menschen in China und ganz Ostasien wurden von den Soldaten des Kaisers in dieser Zeit getötet, bestialisch gequält und vergewaltigt. Ein Symbol für die japanischen Gräuel in China bildet bis heute das Massaker von Nanjing, bei dem wahrscheinlich 300.000 Einwohner brutal niedergemetzelt und rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt wurden.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen ETF-Boom unter Kritik: Verzerren passive Investments den Markt?
14.01.2026

ETF gelten manchen Kritikern als Gefahr für den Kapitalismus. Angesichts der wachsenden Dominanz passiver Investments stellt sich die...

DWN
Politik
Politik US-Geldpolitik unter Druck: Strafrechtliche Vorladungen gegen Jerome Powell
14.01.2026

Der Konflikt zwischen politischer Macht und institutioneller Unabhängigkeit in den USA erreicht eine neue Eskalationsstufe. Steht damit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft WEF-Jahrestreffen in Davos: Furcht vor geoökonomischer Konfrontation
14.01.2026

Welche Folgen hat es, wenn Staaten gezielt mit wirtschaftlichen Mitteln Macht ausüben? Im Bericht über globale Risiken der Stiftung World...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bosch-Kooperation mit Neura Robotics: Wie humanoide Roboter schneller lernen sollen
14.01.2026

Humanoide Roboter rücken in den Fokus der Industrie – und eine Bosch-Kooperation mit Neura Robotics soll den nächsten Schritt...

DWN
Politik
Politik Bekämpfung der Inflation: Österreich senkt Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel
14.01.2026

Die Inflation in Österreich ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt hoch. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und Neos einigt sich auf eine...

DWN
Politik
Politik Ukraine verlängert Kriegsrecht: Neuer EU-Kredit soll vor allem Militär stärken
14.01.2026

Das neue riesige EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro soll nach dem Willen der Europäischen Kommission zu einem großen Teil den...

DWN
Immobilien
Immobilien Pflegeimmobilie als Geldanlage: Finanzbranche entdeckt das Pflegeheim
14.01.2026

Die deutsche Bevölkerung altert, und damit steigt der Bedarf an Betreuung. Banken und private Kapitalgeber suchen nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Handschriftliches Testament: Wenn eine einfache Quittung über Millionen entscheidet
14.01.2026

Handschriftliches Testament: Wie sicher ist Ihr letzter Wille? Ein aktueller Prozess um eine Darlehensquittung hat die Tücken des...