Politik

Insider: CIA steckt hinter Sabotage-Akten auf russische Infrastruktur

Russland wird seit Monaten von Explosionen an kritischer Infrastruktur heimgesucht. Laut US-Sicherheitskreisen handelt es sich dabei um Sabotage-Akte unter Leitung der CIA. Auch andere Geheimdienste seien mit Schläferzellen in Russland aktiv.
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01.01.2023 08:25
Lesezeit: 5 min
Insider: CIA steckt hinter Sabotage-Akten auf russische Infrastruktur
Dieses Bild, das aus einem Video des Telegrammkanals CHUVASHIYA BEZ TSENZURY stammt, zeigt Flammen und Rauch nach einer Gasexplosion in der Nähe des Dorfes Jambachtino. Bei einer großen Explosion an einer Gasleitung in der russischen Teilrepublik Tschuwaschien sind drei Arbeiter ums Leben gekommen. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Die CIA begeht zusammen mit anderen NATO-Geheimdiensten Sabotage-Akte in Russland. Das behauptet zumindest der amerikanische Investigativjournalist Jack Murphy. Bevor er als Journalist tätig wurde, war er selbst jahrelang bei den US-Spezialeinheiten als Army Ranger und Green Beret tätig. Zuletzt beriet Ausbilder einer Militäreinheit im Irak-Krieg unter Präsident George W. Bush.

Verübt die CIA Anschläge auf russische Infrastruktur?

„Die CIA benutzt den Spionagedienst eines europäischen NATO-Verbündeten, um eine verdeckte Sabotagekampagne in Russland unter der Leitung der CIA durchzuführen“, so Murphy auf seiner Webseite. Er bezieht sich dabei auf die anonymen Aussagen von zwei ehemaliger Geheimdienstlern, drei ehemaligen Militärbeamten und einer Person, die über die Kampagne unterrichtet wurde.

Bei der Kampagne handele es sich laut Murphy um seit langem bestehende Schläferzellen, die der alliierte Spionagedienst aktiviert hat, um Moskaus Invasion in der Ukraine zu behindern, indem er einen geheimen Krieg hinter den russischen Linien führt.

Die seit Jahren geplante Kampagne sei nach Angaben der anonymen Quellen aus dem US-Sicherheitsapparat für viele der unerklärlichen Explosionen und anderen Pannen verantwortlich, die den russischen militärisch-industriellen Komplex seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar heimgesucht haben.

Die ehemaligen Beamten lehnten es Murphy gegenüber ab, konkrete Ziele für die von der CIA geleitete Kampagne zu nennen, aber Eisenbahnbrücken, Treibstoffdepots und Kraftwerke in Russland wurden alle bei ungeklärten Zwischenfällen beschädigt, seit der Kreml im Februar seine groß angelegte Invasion in der Ukraine startete.

Brandserie kritischer Infrastruktur erschüttert Russland

Im Jahr 2022 wurde Russland von einer Brandserie von zum Teil kritischer Infrastruktur heimgesucht, die zuletzt in immer kürzeren Abständen stattfand. Am 19. November löste eine Explosion an einer Pipeline nahe St. Petersburg einen Großbrand aus. Am 9. Dezember ging in Moskau die erste IKEA-Filiale des Landes in Flammen auf. In Krasnodar ging ebenfalls ein Einkaufszentrum in Flammen auf.

Am 15. Dezember gab es dann eine Explosion in einer Ölraffinerie im ostsiberischen Angursk, die zum Staatskonzern Rosneft gehört. Am 19. Dezember stand das strategisch wichtige Öl- und Gasfeld von Markowskoje nach einer Explosion in Flammen. Und zuletzt, am 21. Dezember, meldete Russland eine Explosion an einer Ölpipeline in der Republik Tschuwaschien, bei der drei Menschen getötet wurden.

„In den letzten Monaten hat es in ganz Russland viele Brände gegeben, insbesondere in Waffenfabriken und anderen wichtigen Anlagen“, so die Russland-Analystin Olga Lautman, die als Non-Resident Fellow am Center for European Policy Analysis arbeitet. „Die russischen Medien haben über diese Brände als separate Vorfälle berichtet. Sie haben keine Propaganda um diese Vorfälle gemacht und sie als Unfälle behandelt“.

Als beispielsweise Ende April ein Gebäude der russischen Luft- und Raumfahrtverteidigungskräfte abbrannte und mehr als 20 Menschen ums Leben kamen, berichteten die russischen Staatsmedien, dass der Brand durch eine fehlerhafte Verkabelung verursacht wurde. Der Kreml sei sich jedoch bewusst, dass es sich dabei nicht nur um zufällige Brände und Industrieunfälle handelt, auch wenn dies in den offiziellen Medien so dargestellt wird, so ein ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter gegenüber Murphy.

US-Präsident Biden müsste derlei Aktionen genehmigen

Zwar sei kein amerikanisches Personal vor Ort in Russland an der Durchführung dieser Missionen beteiligt, aber paramilitärische Offiziere der Agentur leiten und kontrollieren die Operationen, wie zwei ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und ein ehemaliger Militärbeamter dem Journalisten berichteten.

Die paramilitärischen Offiziere seien dem Special Activities Center der CIA zugeteilt, aber dem European Mission Center der Agentur unterstellt, so die beiden ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter. Obwohl die Befehlsgewalt und Kontrolle über das Sabotageprogramm aus rechtlichen Gründen bei der CIA liegt, habe der NATO-Verbündete ein starkes Mitspracherecht, welche Operationen durchgeführt werden, da es seine Leute seien, die die Risiken eingingen.

Murphys Quellen wiesen wiederholt die Behauptung zurück, der NATO-Verbündete sei dabei nur ein Erfüllungsgehilfe der CIA, und bezeichneten es als eine enge Partnerschaft. Murphy sagt nicht, um welchen europäischen Verbündeten es sich handelt, dessen Agenten die Sabotagekampagne durchführen, da dies die operative Sicherheit der Zellen gefährden könnte, die noch in Russland noch aktiv seien.

Der Einsatz eines verbündeten NATO-Geheimdienstes verschaffe der CIA eine zusätzliche Ebene plausibler Bestreitbarkeit, da man die Schuld im Zweifel auf den NATO-Partner schieben kann. Das sei nach Angaben eines ehemaligen US-Beamten für Sondereinsätze auch ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung von US-Präsident Joe Biden gewesen, die Angriffe zu genehmigen.

Weitere Geheimdienste leiten eigene Sabotage-Aktionen

Die von der CIA überwachte Kampagne des NATO-Verbündeten sei dabei nur eine von mehreren verdeckten Operationen, die von westlichen Staaten in Russland durchgeführt werden, so Murphy mit Bezug auf zwei ehemalige US-Beamte für Sondereinsätze. Mit Ausbruch des Krieges seien jahrelang ruhende Widerstandsnetzwerke aktiviert worden, die wiederum Agenten nach Russland geschickt haben, um dort CIA Chaos zu stiften, so ein ehemaliger US-Militärbeamter.

Darüber hinaus führen ukrainische Nachrichtendienste und Spezialeinheiten, wie bereits vielfach berichtet, ihre eigenen Operationen hinter den russischen Linien durch. Dazu zählt wohl auch der Anschlag auf die Tochter des Putin-Vertrauten Alexander Dugin, die bei der Explosion einer Autobombe in Moskau ums Leben kam. Russland beschuldigte offiziell eine ukrainischstämmige Bürgerin der Tat. Außerdem äußerten sich CIA-Quellen zu dem Anschlag und behaupteten, die Behörde habe davon gewusst, der Ukraine aber dringend davon abgeraten.

Der wohl bekannteste Sabotage-Akt seit Ausbruch des Krieges war die Explosion der Krim-Brücke, die die Halbinsel mit dem russischen Festland verbindet. Die für Russland strategisch wichtige Auto- und Eisenbahnbrücke war nach Angaben aus Moskau nach einer Explosion teilweise eingestürzt. Die Detonation habe sich in einem Lastwagen ereignet, teilte das Russische Nationale Anti-Terror-Komitee mit. Sieben Treibstoff-Anhänger eines Zuges hätten dadurch Feuer gefangen. Die Aktion wurde von westlichen Beobachtern mit dem ukrainischen Geheimdienst in Verbindung gebracht.

Nach Ansicht von Mick Mulroy, einem ehemaligen paramilitärischen CIA-Offizier, zeigen die zahlreichen Sabotageaktionen Wirkung. „Ich weiß nicht, wer hinter diesen Anschlägen steckt, aber ihr Wert ist erheblich und dient mehreren Zwecken“, sagte er. „Russland hat erhebliche Probleme, seine logistischen Versorgungslinien aufrechtzuerhalten. Diese Angriffe erschweren die Versorgung seiner Streitkräfte zusätzlich“.

Sie dienen auch dazu, Zweifel im Kreml zu säen, weil sie zeigen, dass der russische Präsident Wladimir Putin „keine Kontrolle über das hat, was in seinem eigenen Land passiert“, so Mulroy. „Handelt es sich um ein verdecktes Programm, um verärgerte Russen, die ihre eigene Anlage sabotieren, oder um reine Inkompetenz der Arbeiter? Ich weiß es nicht, und vielleicht weiß es auch der Kreml nicht. Das ist wichtig für paranoide Autokraten.“

Was ist dran an Murphys Behauptungen?

Die Anschuldigungen wiegen schwer, wären sie doch ein direktes Eingreifen in den Russland-Ukraine-Konflikt und wohl die direkteste Auseinandersetzung der USA und Russland seit dem Kalten Krieg. Dass die CIA auch Aktionen in Russland durchführt, davon kann man getrost ausgehen. Genauso wird der russische Geheimdienst immer wieder dabei ertappt, wie er zum Beispiel Cyberattacken auf NATO-Länder durchführt, darunter auch Deutschland.

Doch Sabotage-Akte auf zum Teil kritische Infrastruktur in Russland? Das wäre in jedem Fall ein Spiel mit dem Feuer, das mindestens Racheakte der russischen Geheimdienste nach sich ziehen könnte. CIA-Sprecherin Tammy Thorp bestritt jede Beteiligung der Behörde an der Welle mysteriöser Explosionen, die im Jahr 2022 die russische Verteidigungs- und Verkehrsinfrastruktur getroffen haben. „Die Behauptung, die CIA unterstütze in irgendeiner Weise Saboteur-Netzwerke in Russland, ist kategorisch falsch“, sagte die Sprecherin.

Das der Geheimdienst die Operationen dementiert, war in jedem Fall zu erwarten. Denn laut US-Recht, das auch verdeckte Operationen erlaubt, kann die CIA die Existenz solcher Operationen rechtmäßig gegenüber allen außer der so genannten „Gang of Eight“ - den Vorsitzenden und ranghohen Minderheitsmitgliedern der Geheimdienstausschüsse des Kongresses, dem Sprecher und dem Minderheitsführer des Repräsentantenhauses sowie dem Mehrheits- und dem Minderheitsführer des Senats – abstreiten.

Murphy ist als langjähriger Veteran jedenfalls bestens vernetzt im US-Sicherheitsapparat. Und in Sicherheitskreisen ist man nicht immer einer Meinung. Es ist denkbar, dass ehemalige CIA-Mitarbeiter unzufrieden mit den Aktionen sind und die Informationen deshalb an die Presse durchgestochen haben, etwa weil sie den eingeschlagenen Kurs für zu gefährlich halten. Es ist auch keineswegs unüblich, dass Journalisten, die über Geheimdienstaktionen berichten, sich ausschließlich auf anonyme Quellen berufen.

Schlussendlich lässt sich der Wahrheitsgehalt von Murphys Behauptungen aber nich in letzter Konsequenz prüfen. Nur er selbst und die Geheimdienste beider Seiten wissen wirklich, wer hinter den Sabotage-Aktionen steckt. In jedem Fall wäre damit eine neue Eskalationsstufe in einem Konflikt erreicht, der längst zum Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland geworden ist.

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