Die Kosten der Eskalation im Nahen Osten könnten am Ende auch Europa treffen
Die Europäische Union tut sich seit Jahren schwer, bei internationalen Krisen geschlossen aufzutreten. Auch die von den USA und Israel begonnenen Bombardierungen des Irans bilden hier keine Ausnahme. Während Brüssel noch um eine gemeinsame Position rang, warnten Analysten bereits vor möglichen wirtschaftlichen Folgen für Europa. Sollte der Konflikt länger andauern, könnte der Kontinent stärker betroffen sein als andere Regionen.
Für die Ukraine, die sich weiterhin im Krieg mit Russland befindet, ergeben sich aus der Entwicklung zugleich Chancen und Risiken. Einerseits könnte eine Schwächung des Irans Moskaus militärische Unterstützung beeinträchtigen. Andererseits droht eine Verschiebung der politischen und militärischen Aufmerksamkeit der USA weg von Europa. Besonders für Kiew könnte dies spürbare Folgen haben.
Europas schwierige Suche nach einer gemeinsamen Linie
Die EU steht derzeit vor der schwierigen Aufgabe, eine konsistente außenpolitische Strategie für eine Region zu formulieren, in der ihr Einfluss begrenzt ist. Gleichzeitig wächst die Zahl internationaler Krisen. Neben dem Krieg Russlands gegen die Ukraine belasten auch neue transatlantische Spannungen im Zusammenhang mit US-Präsident Donald Trump die Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
Die Folge ist ein vertrautes Muster. Während einige Mitgliedstaaten versuchen, eine gemeinsame Linie zu formulieren, reagieren andere Regierungen sehr unterschiedlich auf die Ereignisse im Nahen Osten. Der Anspruch der Europäischen Union, als geopolitischer Akteur geschlossen aufzutreten, stößt damit erneut an politische Grenzen. Besonders in sicherheitspolitischen Fragen treten nationale Interessen deutlich hervor.
Uneinigkeit über den Angriff auf Iran
Einige europäische Hauptstädte betrachten den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran als überfällige Demonstration westlicher Stärke. Nach dieser Sichtweise hätte eine ähnliche Entschlossenheit auch im russischen Krieg gegen die Ukraine gezeigt werden müssen. Für diese Regierungen steht die Abschreckung autoritärer Staaten im Mittelpunkt der politischen Bewertung.
Andere Staaten warnen hingegen vor einer weiteren Eskalation. Sie befürchten, dass Europa stärker in Konflikte außerhalb des Kontinents hineingezogen werden könnte. Zudem wächst in mehreren Hauptstädten die Sorge über die schwer berechenbare Außenpolitik von Präsident Trump. Diese Unsicherheit erschwert es europäischen Regierungen, eine langfristige Strategie zu entwickeln.
Europa gerät zunehmend in den Sog der Krise
Die Entscheidung der USA, iranische Ziele zu bombardieren, hat Europa dennoch rasch in die eskalierende Lage hineingezogen. Kurz nachdem der britische Premierminister Keir Starmer erklärt hatte, er habe den USA die Nutzung britischer Militärbasen erlaubt, wurde eine britische Basis auf der Südseite Zyperns von einer iranischen Drohne angegriffen. Damit wurde deutlich, dass europäische Einrichtungen direkt betroffen sein können.
Obwohl Europa politisch gespalten bleibt, wächst damit die praktische Einbindung in die Krise. Einig sind sich die europäischen Regierungen lediglich in wenigen Punkten. Viele Politiker teilen die Einschätzung, dass der Iran ohne den inzwischen getöteten Ajatollah Ali Khamenei eine andere politische Entwicklung nehmen könnte. Ebenso besteht breite Zustimmung, dass die Repressionen gegen die iranische Bevölkerung beendet werden müssen.
Unterschiedliche Reaktionen in den europäischen Hauptstädten
Spanien verurteilte die amerikanisch-israelischen Angriffe öffentlich. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte, man könne sich zwar einem repressiven Regime widersetzen, gleichzeitig aber eine militärische Intervention ablehnen. Er forderte eine rasche Deeskalation und eine Rückkehr zu diplomatischen Verhandlungen.
„Man kann sich einem hasserfüllten Regime widersetzen und gleichzeitig eine unbegründete und gefährliche militärische Intervention ablehnen. Ich rufe erneut zu einer sofortigen Deeskalation, zur Einhaltung des internationalen Rechts und zur raschen Wiederaufnahme des Dialogs auf“, sagte Sánchez. Damit stellte sich Madrid deutlich gegen die militärische Eskalation.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte sich deutlich zurückhaltender. Er erklärte öffentlich, jetzt sei nicht der Zeitpunkt, den eigenen Verbündeten Vorhaltungen zu machen. Zudem betonte er, dass juristische Bewertungen des internationalen Rechts in der aktuellen Situation nur begrenzten Einfluss auf die politischen Entscheidungen hätten.
Sicherheitsbedenken innerhalb der EU
In anderen europäischen Hauptstädten wächst unterdessen die Sorge über die möglichen Folgen der militärischen Eskalation. Einige Politiker bezweifeln, dass ein möglicher Regimewechsel allein durch militärischen Druck erreicht werden kann. Zudem warnen Diplomaten vor schwer kalkulierbaren politischen Folgen im gesamten Nahen Osten.
„Die Amerikaner haben diesen Schritt letztlich getan. Aber wir bewerten die Entwicklung mit Vorsicht“, sagte ein EU-Beamter gegenüber der Financial Times. Bei einem kurzfristig einberufenen Treffen der EU-Außenminister wurde zudem über mögliche Terroranschläge in Europa diskutiert, die von iranischen Netzwerken organisiert werden könnten.
Gleichzeitig zweifeln viele Diplomaten daran, dass ein seit vier Jahrzehnten bestehendes Regime kurzfristig durch eine prowestliche Regierung ersetzt werden kann. Die politische Zukunft des Irans bleibt daher ungewiss. Für Europa bedeutet diese Unsicherheit ein zusätzliches Sicherheitsrisiko.
Kritik an der langsamen Entscheidungsfindung
Die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, erklärte, der Krieg könne das Kräfteverhältnis im Nahen Osten grundlegend verändern. Ein möglicher politischer Wandel im Iran könnte langfristig auch die Sicherheitslage in Europa beeinflussen.
„Der laufende Krieg kann das Kräftegleichgewicht im Nahen Osten verändern. Er könnte den Weg für ein anderes Iran öffnen, das weder die Region noch Europa bedroht. Aber es ist noch zu früh, um zu sagen, in welche Richtung sich das Land entwickeln wird.“
Auch innerhalb der EU wächst die Kritik an der eigenen Handlungsfähigkeit. Der litauische Außenminister Kęstutis Budrys kritisierte die langsamen Entscheidungsprozesse der Union. Europa brauche häufig zu lange, um gemeinsame Positionen zu formulieren.
Debatte über Europas strategische Interessen
Budrys argumentierte zudem, dass diplomatische Bemühungen zur Begrenzung des iranischen Atomprogramms bislang kaum Ergebnisse gebracht hätten. Aus seiner Sicht müsse die EU klar definieren, welche strategischen Interessen sie im Nahen Osten verfolgt. Nur so könne Europa politisch glaubwürdig auftreten.
Auch andere Politiker unterstützen diese Position. Der litauische Abgeordnete Giedrimas Jeglinskas erklärte, Neutralität gegenüber aggressiven Regimen sei keine politische Strategie. Iran strebe nach Atomwaffen, drohe offen mit der Zerstörung Israels und unterstütze gleichzeitig Russlands Krieg gegen die Ukraine.
Neue Migrationsrisiken durch den Konflikt
Neben sicherheitspolitischen Fragen wächst auch die Sorge vor neuen Flüchtlingsbewegungen. Besonders die Türkei beobachtet die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Bereits heute leben dort mehr als 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge.
Sollte der Konflikt weiter eskalieren, könnten zusätzlich Hunderttausende Iraner sowie Afghanen, die derzeit im Iran leben, in Richtung Türkei fliehen. Ein militärischer Konflikt könnte diese Fluchtbewegungen deutlich beschleunigen. Ein solcher Migrationsdruck könnte mittelbar auch Europa erreichen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, wie schnell regionale Konflikte zu neuen Flüchtlingsbewegungen führen können.
Ölpreise und Transportkosten steigen
Die größten unmittelbaren Auswirkungen für Europa könnten jedoch wirtschaftlicher Natur sein. Bereits jetzt steigen die Kosten für den Transport von Waren durch den Persischen Golf deutlich an. Gleichzeitig reagierte auch der Ölpreis empfindlich auf die militärische Eskalation.
Analysten gehen davon aus, dass eine längere militärische Konfrontation erhebliche wirtschaftliche Folgen haben könnte. Ein anhaltender Konflikt würde die Inflation erhöhen und die geldpolitischen Strategien vieler Zentralbanken erschweren.
Wie stark die Auswirkungen ausfallen, hängt entscheidend von Dauer und Intensität der Kämpfe ab. Besonders für energieabhängige Volkswirtschaften könnte ein längerer Konflikt problematisch werden.
Gefahr eines Energieschocks
Nach Einschätzung des Analysehauses Capital Economics könnten länger anhaltende Störungen der iranischen Ölproduktion oder eine Blockade der Straße von Hormus den Ölpreis auf bis zu 100 Dollar pro Barrel treiben. Gleichzeitig würden auch die Preise für Erdgas deutlich steigen.
Ein solcher Preisanstieg könnte die globale Inflation um etwa 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte erhöhen. Für eine ohnehin fragile Weltwirtschaft wäre dies ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Zentralbanken könnten gezwungen sein, Zinssenkungen zu verschieben oder sogar erneut über Zinserhöhungen nachzudenken. Dies würde die wirtschaftliche Erholung vieler Länder bremsen.
Politischer Druck auf Regierungen
Sollte der Konflikt hingegen nur kurz andauern und die Energiepreise rasch wieder sinken, wären die Folgen für die Eurozone begrenzt. Ein längerer Krieg würde jedoch neue politische Spannungen auslösen. Regierungen müssten möglicherweise zusätzliche Mittel bereitstellen, um Bürger vor steigenden Energiepreisen zu schützen.
Dies könnte neue Haushaltsbelastungen verursachen. Nach Einschätzung der Bloomberg-Economics-Analysten Antonio Barroso und Simona Delle Chiaie könnte dies den politischen Druck auf europäische Regierungen deutlich erhöhen.
Konfliktfolgen könnten auch Deutschland treffen
Der weitere Verlauf der militärischen Operation hängt stark davon ab, wie lange die USA militärisch engagiert bleiben. Präsident Trump gilt als politisch ungeduldig, weshalb ein langfristiger Krieg im Nahen Osten innenpolitisch schwierig werden könnte. Gleichzeitig bleiben die strategischen Ziele der Operation bislang unklar. Diese Unsicherheit erhöht das Risiko eines länger anhaltenden Konflikts.
Sollte sich die Krise zu einem dauerhaften Krieg entwickeln, wären die wirtschaftlichen Folgen weltweit spürbar. Besonders Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft wäre anfällig für steigende Energiepreise, gestörte Handelsrouten und neue geopolitische Unsicherheiten.

