BYD Sealion 5: Viel Auto für vergleichsweise wenig Geld
Man siezt Menschen vor allem deshalb, weil es sich um eine traditionelle Form des Respekts, der Höflichkeit und einer gewissen gesellschaftlichen Distanz handelt. Historisch war das Siezen mit Respekt gegenüber Älteren, Vorgesetzten, Unbekannten und Personen in wichtigen Positionen verbunden. Ich gebe zu, dass mir das Siezen nicht nahesteht. Deshalb nutze ich möglichst schnell die kleinste Gelegenheit, um vom Sie zum Du zu wechseln. Ich bin überzeugt, dass ich mit diesem Denken nicht allein bin.
Wenn ich mich ans Lenkrad eines neuen Autos setze, was in der Regel alle 14 Tage geschieht, sieze ich es aus Respekt immer. Doch mit allen Testkandidaten gehe ich noch vor dem Ende unseres Zusammenseins zum Du über. Bei manchen geschieht das langsamer, bei anderen schneller. Diesmal dauerte es einige Tage.
Aus zwei Gründen etwas Besonderes
Unser Testkandidat, der Sealion 5 DM-i, war etwas Besonderes, und zwar aus zwei Gründen. Seine Eltern namens BYD kommen aus China, sein Antrieb ist ein Plug-in-Hybrid. Das ist auf europäischen Straßen eher eine Seltenheit als der Normalfall. Das bedeutet aber nicht, dass er keinen Sinn ergibt. Im Gegenteil, er ergibt Sinn. Doch die Entwickler müssen die Ärmel hochkrempeln, damit potenzielle Käufer noch stärker auf ihn aufmerksam werden. Und was bedeutet ein Plug-in-Hybrid eigentlich?
Es handelt sich um eine Kombination aus Elektro- und Benzinmotor, die zwei Dinge ermöglicht: Man kann per Tastendruck nach Wunsch rein elektrisch fahren oder die Kombination nutzen und wie mit einem Hybrid unterwegs sein. Das Testmodell hatte eine Batterie mit einer Bruttokapazität von 18,3 Kilowattstunden. In den technischen Daten wurde eine elektrische Reichweite von 86 Kilometern angegeben. Gelogen war das nicht, denn wir kamen dem sehr nahe und fuhren 80 Kilometer. Bei einem Durchschnittsverbrauch von unter 20 Kilowattstunden drehten wir zufrieden den Daumen nach oben.
Wenn die Batterie eines Tages größer wird, wird die Geschichte noch positiver. Schon heute aber fahren viele Menschen von Montag bis Freitag weniger als 100 Kilometer und sind günstig unterwegs. Der Sinn des Ladens einer Plug-in-Hybrid-Batterie liegt nämlich in der heimischen Steckdose, wo Strom am billigsten ist. Deshalb überrascht es auch nicht, dass an einer öffentlichen Ladesäule die maximale Ladeleistung mit 3,3 Kilowatt unterdurchschnittlich ist.
Offiziell 1.016 Kilometer, im Test 880 Kilometer
Ich selbst fuhr meist im Hybridmodus. Dort zeigt sich die Systemleistung von 212 PS, also 156 Kilowatt. Das klingt nach viel, ist es aber gar nicht. Dennoch lässt sich der Sealion 5 auch dynamischer fahren, wenn auch natürlich nicht gerade adrenalintreibend. Die Kraft wird über ein stufenloses Automatikgetriebe auf die Vorderräder übertragen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 170 Kilometern pro Stunde, der Sprint auf Tempo 100 dauert 8,1 Sekunden.
Wie hoch der Verbrauch im Hybridmodus ausfällt, hängt natürlich davon ab, ob man durch Stadtstraßen, über Landstraßen oder auf der Autobahn fährt, wo der Druck auf das Gaspedal sicher stärker sein wird.
Ich probierte alle möglichen Straßen aus. Der durchschnittliche Benzinverbrauch von 6,5 Litern erschien mir verlockend. Nicht vergessen: Das Auto wiegt schon in der Basis 1,8 Tonnen. Übersetzt man den Verbrauch in Kilometer, kommt man mit einer Tankfüllung 800 Kilometer weit. Rechnet man die 80 elektrischen Kilometer hinzu, ist man schon nahe an der Marke von 900. Offiziell werden 1.016 Kilometer angegeben.
4,74 Meter misst der Sealion 5 in der Länge
880 Kilometer betrug die Gesamtreichweite dieses Plug-in-Hybrids
36.100 Euro kostet der Sealion 5 mit Design-Ausstattung
Komfort steht im Vordergrund
Das erste Wort, das mir während der Fahrt in den Sinn kam, war Komfort. Der Fahrersitz, elektrisch verstellbar und beheizt, erinnert tatsächlich an einen Sessel aus dem heimischen Wohnzimmer. Alle Schalter liegen ergonomisch griffbereit. Der zentrale farbige Touchscreen, dessen Alternative für den Zugriff auf Menüs die Tasten am Lenkrad sind, hat einen Durchmesser von 32,5 Zentimetern, also 12,8 Zoll.
Erfreulich ist, dass für Kleinigkeiten zwei geschlossene Fächer zur Verfügung stehen. Dazu kommen weitere Ablagen, eine davon ist für das Mobiltelefon gedacht, das während der Fahrt kabellos geladen werden kann.
Viel Platz für Passagiere und Gepäck
Obwohl das Soundsystem in einem Auto mit stattlichen 4,74 Metern Länge durchaus solide ist, hört man im Innenraum noch etwas anderes: gute Laune. Auf der Rückbank sind Zentimeter für Knie und Kopf großzügig bemessen. Das bestätigte ein Kollege, der zwei Meter groß ist. Die überzeugende Raumgeschichte setzt sich im Kofferraum mit 463 Litern Grundvolumen fort.
Wenn die Rückbank umgeklappt wird, ist der Boden fast eben, und der Kofferraum ist mit 1.410 Litern seines Namens würdig. Schade ist nur, dass die großen Kofferraumklappen nicht elektrisch unterstützt werden. Als Minus würde ich außerdem erwähnen, dass man zum Verriegeln und Entriegeln der Türen den Griff berühren muss.
Absurd: Keine Förderung in Slowenien, in Deutschland schon
Der Plug-in-Hybrid Sealion 5 ist auf europäischen Straßen noch nicht häufig zu sehen. Das könnte sich mit der Zeit ändern. Zum Anstieg der Verkaufszahlen würde sicher eine Förderung beitragen, die trotz rein elektrischer Fahrt derzeit noch nicht verfügbar ist.
In Deutschland gibt es sie zum Beispiel, und zwar zwischen 1.500 und 4.500 Euro, wenn das Auto elektrisch mindestens 80 Kilometer fährt. Ich hab das Auto in Slowenien getestet: Für „meinen“ BYD mit der höchsten Ausstattungslinie Design muss man 36.100 Euro bezahlen. Schade.


