Politik

Die Politik begeht einen Fehler, wenn sie die Strompreise deckelt

Die politisch verfügte Begrenzung der in die Höhe geschnellten Strompreise ist wirtschaftlich und politisch schädlicher, als diese zu tolerieren, schreibt Daniel Gros.
Autor
avtor
15.01.2023 10:00
Lesezeit: 3 min

Europa erlebt endlich eine Atempause von den schwindelerregend hohen Gaspreisen der letzten Zeit. Aufgrund sinkender Nachfrage der Industrie und privaten Haushalte – dank Energiesparmaßnahmen und eines ungewöhnlich milden Winters – sowie der zunehmenden Verfügbarkeit von alternativen Energiequellen wie Wind- und Kernkraft sind die Gaspreise auf ein Niveau gesunken, wie man es zuletzt vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine im vergangenen Februar gesehen hat. Doch ein neuerlicher Preisanstieg ist möglich – und die Regierungen sollten ihn zulassen.

Stromerzeugung und Gas sind in der EU untrennbar miteinander verknüpft. Gas ist der flexibelste Brennstoff für Wärmekraftwerke und daher zu Spitzenzeiten unverzichtbar. Doch es ist nicht besonders effizient. Tatsächlich benötigt man Gas mit einem Brennwert von mindestens zwei Megawattstunden, um 1 MWh an Strom zu erzeugen.

Als letztes Jahr fast die Hälfte der französischen Kernreaktoren vom Netz genommen wurden, gingen dadurch mehr als 50 Terawattstunden an Atomstrom verloren. Um das auszugleichen, hätte man zusätzliches Erdgas im Umfang von 100 TWh importieren müssen. Angesichts teils durch den Ausfall der Kernkraftwerke bedingter durchschnittlicher Gaspreise von über 100 Euro pro MWh hätte das Kosten von mehr als zehn Milliarden Euro bedeutet. Ein wichtiger Grund für den jüngsten Rückgang der Gaspreise ist, dass einige der französischen Kernreaktoren inzwischen wieder den Betrieb aufgenommen haben.

Grundlegender für die derzeit sinkenden Strompreise ist jedoch Europas sogenanntes Merit-Order-System, bei dem der Strompreis durch die teuerste Stromquelle bestimmt wird. Natürlich waren diese Grenzkostenpreise auch der Grund, warum die Großhandelspreise für Strom in Europa nach Kriegsbeginn stark stiegen, während sie in den USA konstant blieben.

Doch waren diese hohen Preise nichts Schlechtes: Sie schufen einen Anreiz für die Nutzer, Strom zu sparen, und verringerten so die Notwendigkeit von Gasimporten. Das Problem ist, dass nur die von Industrie und Versorgern gezahlten Großhandelspreise durch das Merit-Order-System bestimmt werden. Die Verbraucherpreise sind häufig stark reguliert, was zu hohen Preisunterschieden zwischen den einzelnen Ländern führt.

In Deutschland und Italien, wo die Stromkosten weniger stark reguliert sind, haben sich die Verbraucherpreise laut Daten des Household Energy Price Index seit Kriegsbeginn in etwa verdoppelt. In Frankreich dagegen hat die Regierung verfügt, dass die Verbraucherpreise im Wesentlichen konstant bleiben sollten, und in Spanien haben Subventionen trotz des kriegsbedingten Kostenanstiegs zu einem Rückgang der von den privaten Haushalten gezahlten Preise geführt.

Die Bemühungen der Regierungen, Haushalte und Unternehmen vor den Auswirkungen der höheren Kosten abzuschirmen, haben offensichtliche Vorteile; nicht zuletzt mindern sie den Inflationsdruck. Die Gesamtinflation ist in Frankreich und Spanien viel niedriger als in Deutschland und Italien. Doch sind die indirekten volkswirtschaftlichen Kosten viel höher. Das fängt an mit der Beseitigung des Anreizes, Energie zu sparen. (Die Preisdeckelungen für Gas beruhen auf einer ähnlichen Logik und haben denselben unerwünschten Effekt.)

Zudem treiben Subventionen die Staatsverschuldung in die Höhe. Und weder Frankreich noch Spanien können sich das leisten. Beide sehen sich schon jetzt mit Schuldenständen in Rekordhöhe konfrontiert. Bemühungen zur Minderung des Preisdrucks haben auch zu Frankreichs jüngsten nuklearen Problemen beigetragen. Der staatseigene Produzent von Atomstrom Electricité de France erlitt vergangenes Jahr massive Verluste, nachdem die Regierung ihn zwang, einen beträchtlichen Teil seiner Produktion unter Selbstkostenpreis zu verkaufen.

Doch sind Frankreich und Spanien nicht damit zufrieden, lediglich die Verbraucherpreise niedrig zu halten; sie drängen nun darauf, das Merit-Order-System auf EU-Ebene abzuschaffen. Sie klagen, dass das Grenzkostensystem die Strompreise trotz des steigenden Anteils preiswerter erneuerbarer Energien hoch halten wird, solange die Gaspreise hoch bleiben. Die Verbraucher, so argumentieren sie, sollten von den Investitionen in die erneuerbaren Energien profitieren.

Das Problem mit dieser populistischen Haltung – die auch die Europäische Kommission übernommen hat – ist, dass sie die wichtige Funktion ignoriert, die hohe Energiepreise bei der Verringerung der Gasnachfrage und der Steigerung der Investitionen in erneuerbare Energien haben. Es gibt andere Möglichkeiten, die Kaufkraft der Haushalte zu stärken.

Natürlich wird man Europas Merit-Order-System überdenken müssen, wenn erneuerbare Energien mit Grenzkosten von null alle fossilen Energieträger verdrängt haben. Doch es ist das ideale System zum Übergang zur Emissionsneutralität. Dieser Übergang wird zu lange dauern, als dass die Länder sich die Aufrechterhaltung der Subventionen leisten könnten, insbesondere wenn man keinen ausreichend starken Preisanstieg zulässt, um zu den erforderlichen Investitionen anzuregen.

Das könnte unglücklicherweise passieren, denn die Qualität der politischen Entscheidungen in der EU geht zurück. Die EU-Kommission war früher ein Bollwerk gegen Versuche der Mitgliedstaaten zu politisch motivierten Eingriffen in die Wirtschaft. Inzwischen scheint sie diese Rolle aufgegeben zu haben, und zwar nicht nur in Bezug auf die Energiepolitik, sondern auch was die Begrenzung von Staatshilfen angeht.

Dies passt zur Selbstwahrnehmung der Kommission als „geopolitisches“ Organ. Doch selbst aus geopolitischer Perspektive ergeben Maßnahmen zur Kontrolle der Gas- und Strompreise keinen Sinn, denn der geopolitische Einfluss der EU wird einhergehend mit den steigenden Kosten staatlicher Eingriffe in den Energiemarkt schwinden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

Daniel Gros ist Vorstandsmitglied und Distinguished Fellow des Centre for European Policy Studies.

Copyright: Project Syndicate, 2023.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

avtor1
Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie: Warum die Führung zurücktrat und welche Rolle die Stiftung spielte
29.03.2026

Ein Machtkampf in der Führungsebene von Novo Nordisk hat das Unternehmen und die Novo Nordisk-Aktie in eine tiefe Governance-Krise...

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...

DWN
Finanzen
Finanzen Prediction Markets: Der Machtkampf um ein neues Finanzsystem eskaliert
28.03.2026

Ein digitaler Milliardenmarkt wächst rasant und entzieht sich klassischen Regeln. Prediction Markets verbinden Wetten und Finanzgeschäfte...