Politik

Armenien stoppt russisches Manöver auf seinem Territorium

Armenien hat eine von Russland geplante Militärübung platzen lassen. Denn Moskau leistet dem Land derzeit nicht die versprochene Militärhilfe in der Region.
Autor
12.01.2023 14:00
Lesezeit: 3 min

Der armenische Ministerpräsident Nikol Pashinyan hat erklärt, dass sein Land die geplante Militärübungen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) nicht ausrichten wird. Die Ankündigung verdeutlicht die wachsenden Spannungen zwischen Armenien und Russland.

Pashinyan hat die russischen Friedenstruppen wiederholt dafür kritisiert, dass sie es nicht geschafft haben, den freien Transit entlang eines Korridors zu sichern, der Armenien mit der separatistischen Region Berg-Karabach verbindet. Dieser Korridor wird seit Dezember von aserbaidschanischen Aktivisten blockiert.

Auf einer Pressekonferenz am Dienstag sagte Paschinjan, dass Armenien die Militärübung, die das von Russland angeführten Militärbündnis für später in diesem Jahr geplant hatte, "in der gegenwärtigen Situation für unangemessen" halte, wie die Washington Post berichtet. Zumindest in diesem Jahr würden diese Übungen "nicht stattfinden", so der armenische Ministerpräsident.

Ungelöster Konflikt im Kaukasus

Die aktuellen Mitglieder des im Jahr 2002 gegründeten Militärbündnisses sind Armenien, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, Russland und Tadschikistan. Hervorgegangen ist die OVKS aus einer 1992 gegründeten Staatenkooperation (Vertrag über kollektive Sicherheit, VKS), der auch Aserbaidschan, Georgien und Usbekistan angehörten.

Pashinyan hatte sich bereits im Herbst geweigert, ein Abschlussdokument des Treffens der Staats- und Regierungschefs der OVKS-Mitgliedsländer in Armeniens Hauptstadt Eriwan zu unterzeichnen. Hintergrund ist der Konflikt mit dem Nachbarland Aserbaidschan, in dem Armenien nicht die gewünschte Unterstützung durch Russland erhält.

Die Region Berg-Karabach liegt innerhalb von Aserbaidschan, wird aber seit dem Ende eines Separatistenkriegs im Jahr 1994 von ethnisch armenischen Kräften kontrolliert, die von Armenien unterstützt werden. Der Krieg führte dazu, dass nicht nur Berg-Karabach selbst, sondern auch große Teile der umliegenden Gebiete in armenischer Hand gerieten.

Nach Gefechten im Sommer des Jahres 2020 kam es Ende September zu einem erneuten Krieg zwischen armenischen Kräften und Aserbaidschan. In 44 Tagen schwerer Kämpfe schlug das aserbaidschanische Militär die armenischen Streitkräfte und zwang Eriwan, am 9. November 2020 ein von Russland vermitteltes Friedensabkommen zu unterzeichnen, das die Rückgabe eines großen Teils von Berg-Karabach sowie die Abtretung weiterer Landstrichen an Aserbaidschan vorsah.

Die Provinz Lachin, die Berg-Karabach mit Armenien verbindet, war das letzte der drei Gebiete am Rande von Berg-Karabach, das die armenischen Streitkräfte im Dezember 2020 aufgaben. Russland hat für mindestens fünf Jahre fast 2.000 Friedenstruppen entsandt, die den sicheren Transit durch die Region gewährleisten, das Friedensabkommen überwachen und die Rückkehr der Flüchtlinge unterstützen sollen.

Die Durchfahrt durch den Lachin-Korridor wird jedoch seit dem 12. Dezember von aserbaidschanischen Aktivisten blockiert, die Zugang zu den von Aserbaidschan als illegal bezeichneten Bergbaugebieten in Berg-Karabach fordern. Armenien hat die russischen Friedenstruppen aufgefordert, die Straße freizugeben.

Russland in der Zwickmühle

Das aserbaidschanische Vorgehen hat Russland in eine schwierige Lage gebracht. Armenien beherbergt einen russischen Militärstützpunkt, und Moskau ist der wichtigste Verbündete und Sponsor des Landes. Der Kreml ist jedoch auch bestrebt, warme Beziehungen zum ölreichen Aserbaidschan aufrechtzuerhalten. Zudem haben die westlichen Sanktionen Russland zunehmend von Aserbaidschans wichtigstem Verbündeten, der Türkei, abhängig gemacht.

Da sich Russland auf die Kämpfe in der Ukraine konzentriert, hat es in Bezug auf die Blockade des Latschin-Korridors eine abwartende Haltung eingenommen, was Armenien verärgert. "Russlands militärische Präsenz in Armenien garantiert nicht nur nicht die Sicherheit des Landes, sondern stellt auch eine Bedrohung für die Sicherheit Armeniens dar", sagte Paschinjan am Dienstag.

Mit der Blockade des Latschin-Korridors solle "der Wille der Bevölkerung von Berg-Karabach gebrochen werden". Armenien werde auch die USA und die Europäische Union um Unterstützung bitten, um die Spannungen mit Aserbaidschan zu verringern. Nach Ablauf des fünfjährigen Mandats der russischen Friedenstruppen könnte Armenien UN-Friedenstruppen anfordern, "wenn Russland seiner Aufgabe, die Sicherheit der Bevölkerung von Berg-Karabach zu gewährleisten, nicht nachkommt", so Paschinjan.

Das von Russland vermittelte Friedensabkommen aus dem Jahr 2020 sieht auch die Einrichtung einer Verkehrsverbindung zwischen Aserbaidschan und der Exklave Nachitschewan über armenisches Gebiet vor. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew warf Armenien am Dienstag vor, sein Versprechen, einen solchen Transitkorridor einzurichten, nicht gehalten zu haben.

"Ob Armenien ihn will oder nicht, er wird umgesetzt werden", sagte Alijew in einer im Fernsehen übertragenen Rede und bezeichnete den Korridor nach Nachitschewan als Aserbaidschans "natürliches Recht". Er fügte jedoch hinzu, dass Aserbaidschan nicht vorhabe, einen weiteren Krieg gegen Armenien zu führen.

Auf die Entscheidung Armeniens, die geplanten Militärübungen abzusagen, angesprochen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, Moskau werde Eriwan bitten, seine Position zu klären. "In jedem Fall ist Armenien unser enger Verbündeter, und wir werden unseren Dialog fortsetzen, auch über die komplexesten Themen", sagte er gegenüber Reportern.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Top-Ökonom warnt: Wie die US-Außenpolitik Europas Wirtschaft belastet
07.02.2026

Die Europäische Union steht unter geopolitischem Druck, während wirtschaftliche Unsicherheit und geldpolitische Erwartungen neu justiert...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Geldanlage: Diese US-Aktien sollten Sie jetzt besitzen
07.02.2026

Ein wichtiger Sektor der US-Wirtschaft sorgt derzeit für überraschend starke Ergebnisse – trotz geopolitischer Risiken und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Datenhunger der Finanzämter: Wann Unternehmen E-Mails herausgeben müssen – und wann nicht
07.02.2026

Der Bundesfinanzhof hat Unternehmen im Streit um steuerrelevante E-Mails den Rücken gestärkt. Zwar bleibt die Pflicht zur Vorlage...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kove 800 X Pro: Chinesische Hersteller im europäischen Enduro-Markt
07.02.2026

Das Enduro-Segment gilt als besonders anspruchsvoll und stellt hohe Anforderungen an Technik, Qualität und Fahrverhalten. Kann ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft LNG: Warum Europas neue Gasabhängigkeit brandgefährlich ist
07.02.2026

Europas Gaspreise steigen, während politische Spannungen mit den USA zunehmen. LNG aus Amerika gilt als Rettungsanker, entpuppt sich aber...

DWN
Finanzen
Finanzen Begrenzung für Kreditkartenzinsen: Airlines und Investoren warnen vor Trumps Plan
07.02.2026

US-Präsident Donald Trump will Kreditkartenzinsen in den USA auf 10 Prozent begrenzen. Was als Verbraucherschutz verkauft wird, könnte...

DWN
Politik
Politik Ganz nah an Russland können Kinder nach der Schule zum Drohnentraining gehen
07.02.2026

In Litauen wächst der Druck, sich auf neue Bedrohungen einzustellen, und selbst Schulen geraten dabei in den Fokus. Was bedeutet es, wenn...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Dow Jones durchbricht die Marke von 50.000 Punkten
06.02.2026

Die US-Aktienmärkte erholten sich am Freitag nach einem einwöchigen Rückgang im Technologiesektor, da die Zurückhaltung der Investoren...