Politik

Landtagswahl in Bremen: Für die Grünen wird es brenzlig

Die Wahl zur Bremer Bürgerschaft am Sonntag entscheidet nicht nur darüber, wer den Stadtstaat künftig regiert. Auch für Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und für die Grünen insgesamt könnte der Urnengang im Norden eine Art Schicksalswahl sein.
Autor
09.05.2023 15:25
Aktualisiert: 09.05.2023 15:25
Lesezeit: 4 min

Wenn am Sonntag die 463.000 Wahlberechtigten in Bremen und Bremerhaven zur Wahl aufgerufen sind, steht erst einmal ein Mann im Zentrum des Geschehens: Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte. Der SPD-Politiker, der seit August 2019 Bürgermeister ist, hat allerbeste Chancen, seinen Job zu behalten. Jüngsten Umfragen zufolge kann die Bremer SPD mit deutlichen Zuwächsen rechnen.

Nach einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap würde die SPD ihr Ergebnis im Vergleich zur vorangegangenen Bürgerschaftswahl um 5,1 Prozent verbessern und käme demnach auf 30 Prozent der Stimmen. Damit hätte die Bremer SPD wieder den Spitzenplatz eingenommen, den sie bei der Wahl 2019 an die CDU verloren hatte. Diese bliebe den Umfragen zufolge stabil und käme mit ihrem Spitzenkandidaten Frank Imhoff auf einen Stimmenanteil von 27 Prozent (2019: 26,7 Prozent).

SPD-Bürgermeister Bovenschulte mit guten Chancen

Käme es so, wäre dies ein ganz persönlicher Erfolg des Bürgermeisters Bovenschulte, denn alle Umfrage belegen, dass ein solches Ergebnis in erster Linie auf seine persönliche Popularität zurückzuführen wäre. Könnten die Bremer ihr Stadtoberhaupt direkt wählen, so würde Bovenschulte mit 59 Prozent seinen schärfsten Konkurrenten, den CDU-Kandidaten Frank Imhoff (23 Prozent), weit hinter sich lassen.

Damit ist auch Bovenschulte als Person deutlich populärer als die von ihm angeführte Rot-Grün-Rote Koalition. Diese findet nur von kaum der Hälfte der Wahlberechtigten (45 Prozent) Zustimmung; allerdings können sich noch weniger mit einem Wechsel hin zu CDU anfreunden: Nur 23 Prozent der Wahlberechtigten würden einen Wechsel an der Senatsspitze zugunsten des CDU-Kandidaten Imhoff vorziehen.

Der Verlierer des Wahlabends am kommenden Sonntag aber könnten die Grünen sein – in Bremen und im Bund. Alles deutet darauf hin, dass die Partei bei der Wahl in Bremen deutlich verliert, jüngsten Umfragen zufolge käme sie lediglich auf 13 Prozent der Stimmen, vier Prozentpunkte weniger als bei der Wahl im Jahre 2019. Dies allerdings habe, so die Meinungsforscher von Infas gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN), sowohl landes- als auch bundespolitische Ursachen.

Grüne Verkehrspolitik sorgt für Unzufriedenheit

Mit höchst eigenwilligen Verkehrsversuchen in der Bremer Innenstadt hatte die Spitzenkandidatin der Grünen, Verkehrssenatorin Maike Schaefer, für erhebliche Verstimmung bei Anwohnern und besonders bei Gewerbetreibenden gesorgt. Ergebnis: Nur noch 19 Prozent der Bremer sind, so eine Untersuchung von Infas, mit der Arbeit der Spitzenkandidatin zufrieden. Für die Grünen in ihrer Hochburg Bremen ein eher schwacher Wert.

Doch zu den landespolitischen Ungeschicklichkeiten kommt bei den Grünen jetzt auch im Bund Ungemach dazu. Noch bei der letzten Infas-Umfrage, die am 20. April erhoben worden ist, kamen die Grünen in Bremen auf 17 Prozentpunkte, womit sie ihr Ergebnis von der letzten Bürgerschaftswahl zumindest gehalten hätten.

Tatsächlich hat sich eine ganz andere Entwicklung vollzogen – und die hat nichts mit den Entwicklungen im nördlichen Stadtstaat zu tun. Noch im vergangenen Jahr feierten die Grünen beeindruckende Wahlerfolge in Schleswig-Holstein, Niedersachen und Nordrhein-Westfalen, die sie in allen drei Bundesländern auch in die Regierungsverantwortung brachte. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock sonnten sich in höchsten Zustimmungswerten. Das US-Magazin „Politico“ platzierte Habeck gar an die Spitze seines Beliebtheitsrankings – er habe die Fähigkeit, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen und könne durch sein Charisma eine direkte Verbindung zu den Wählern herstellen.

Doch seit dem Sommer vergangenen Jahres haben die Grünen rund ein Drittel an Zustimmung verloren. Lagen Sie noch im August beim „Deutschlandtrend“ der ARD bei 23 Prozent sind sie inzwischen bei 16 Prozent angekommen, gleichauf mit der „Alternative für Deutschland“ (AfD). Mehrere Prozesse sind für den Sinkflug der Grünen verantwortlich, denn der Schwund an Zustimmung setzte schon lange vor dem Bekanntwerden der personellen Filz-Vorwürfe im Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck ein.

Graichen-Affäre sorgt für Sinkflug der Grünen

Denn es waren ursprünglich grüner Dirigismus gepaart mit handwerklichen Unzulänglichkeiten, die den grünen Höhenflug beendete. Die Gasumlage aus dem Hause Habeck entpuppte sich als folgenschwerer Fehler. Auch die Pläne, neue Öl- und Gasheizungen ab dem Jahre 2024 zu verbieten, wurde – so Umfragen – von 80 Prozent der Bürger abgelehnt. Zwischendurch patzte auch Außenministerin Annalena Baerbock, als sie öffentlich darüber sprach, dass sich Deutschland im Krieg befinde, was nicht nur die Koalitionspartner, sondern auch Deutschlands Verbündete ziemlich irritierte.

Doch deutlich schwerer wiegen demoskopisch die Filz-Vorwürfe im Hause Habeck. Die Affäre um Geschwister, Trauzeugen und Schwager im politischen (und wirtschaftlichen) Beziehungsdreieck zwischen Ministerium, Think Tank (bei dem das Ministerium Gutachten in Auftrag gab) und einer Bundesagentur, die wiederum das Ministerium berät, ist inzwischen Habeck, der sonst immer als ein Meister der politischen Kommunikation galt, komplett aus dem Ruder gelaufen, wie selbst Parteifreunde einräumen.

Wo immer Habeck auftaucht, was immer er verkünden will – das Thema „Filz im Ministerium“ lässt ihn nicht los. Folgerichtig stürzten die persönlichen Zustimmungswerte Habecks ab: Im letzten Beliebtheitsranking des ARD-Deutschlandtrends wird der einstige Superstar nach hinten durchgereicht. Gerade auf nur noch 30 Prozent Zustimmung kommt Habeck und hat dabei binnen nur eines Monats sechs Prozentpunkte an Zustimmung verloren. In der Rangliste kommt Habeck nur noch auf Platz fünf – einen Platz hinter seinem Widersacher Christian Lindner, was ihn besonders schmerzen dürfte.

Bei den Grünen macht sich indes Ratlosigkeit breit: Ungewiss, ob ihr einstiger Superstar Habeck einen Weg aus seiner Krise findet. Ungeklärt aber auch, wie ein politisch angeschlagener Wirtschaftsminister die sogenannte Energiewende vorantreiben kann. Und gänzlich in den Sternen steht, was das für die weitere Zusammenarbeit in der Koalition bedeutet.

Zumal auch die Koalition in Bremen selbst in Frage steht. Bisher hat es Amtsinhaber Bovenschulte absichtsvoll vermieden, sich auf eine Koalitionsoption festzulegen. Den zunehmend nervöser werdenden Grünen ist nicht entgangen, dass sich der SPD-Bürgermeister ausdrücklich die Möglichkeit einer Koalition mit der CDU offenhält. In einem solchen Falle wäre dann Bremen nach Berlin die zweite Hochburg der Grünen, in der sie ihre Regierungsbeteiligung verlieren. Die Grünen im Land und im Bund haben viele Gründe, den Wahlsonntag mit Sorge entgegenzusehen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Plus 20 Prozent: Briefporto könnte stärker steigen als jemals zuvor
12.10.2026

Das Briefporto könnte in Deutschland so stark steigen wie noch nie. Die Bundesnetzagentur hat einen neuen Preisspielraum vorgeschlagen,...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie steigt trotz sinkender Verkäufe: Was den Anlegern und dem Konzern Hoffnung gibt
12.10.2026

Volkswagen verkauft deutlich weniger Autos, doch die VW-Aktie legt zu. Vor allem China belastet den Konzern, während sich in Europa ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Porsche Cayenne Elektro im Test: Dieser Luxus-SUV sprengt die Leistungsgrenzen
12.10.2026

1.156 PS, null auf 100 Kilometer pro Stunde in 2,5 Sekunden und bis zu 400 Kilowatt Ladeleistung: Der elektrische Porsche Cayenne Turbo...

DWN
Technologie
Technologie „Die Super-Firewall wird nicht reichen“: Ex-BND-Chef Gerhard Schindler über die Zukunft des Wirtschaftsschutzes
12.10.2026

Künstliche Intelligenz, Cyberangriffe und klassische Spionage verschmelzen zunehmend miteinander. Gerhard Schindler, von 2012 bis 2016...

DWN
Politik
Politik Bärbel Bas tritt zurück – Alexander Schweitzer soll Arbeitsminister werden
12.10.2026

Bärbel Bas zieht sich aus der Bundesregierung und der SPD-Spitze zurück. Für das Arbeitsministerium zeichnet sich bereits eine Nachfolge...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmenpleiten steigen weiter: Unternehmensinsolvenzen erreichen Juli-Hoch
12.10.2026

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist im Juli 2026 deutlich gestiegen. Die Amtsgerichte registrierten 2.373 Fälle –...

DWN
Politik
Politik Ungarn gegen Russland: Péter Magyar erklärt Putins Einfluss den Kampf
12.10.2026

Jahrelang galt Ungarn als Putins verlässlichster Verbündeter innerhalb der EU. Jetzt macht ausgerechnet Budapest Front gegen Moskau. Der...

DWN
Politik
Politik Kostenrisiko Rentenreform: Rente verbraucht immer mehr Steuereinnahmen
12.10.2026

Rentenniveaugarantie, Mütterrente und Reformpakete: Warum die Pläne der Regierung für Milliardenrisiken sorgen und der Rechnungshof...