Politik

Türkei: Kommt nach Erdogans Wiederwahl der Crash?

Am Sonntag finden in der Türkei Präsidentschaftswahlen statt. Die Stimmung ist aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise angespannt. Einige Experten fürchten, dass es bei einer Wiederwahl Erdogans zum Wirtschaftscrash kommt.
10.05.2023 10:09
Aktualisiert: 10.05.2023 10:09
Lesezeit: 3 min
Türkei: Kommt nach Erdogans Wiederwahl der Crash?
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gestikuliert bei einer politischen Kundgebung am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Umfragen sehen bei der Parlaments- und Präsidentenwahl am 14. Mai 2023 ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Erdogan und dem Oppositionsführer. (Foto: dpa) Foto: -

Hohe Inflation, sinkende Kaufkraft, geringerer Lebensstandard: Sollten die Türken am Sonntag ihren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan abwählen, dann hat das vor allem wirtschaftliche Gründe. Der Urnengang am 14. Mai, der in das Jahr des hundertjährigen Bestehens der türkischen Republik fällt, ist Erdogans bisher größter Test.

Türken zahlen hohen Preis für Wirtschaftspolitik

Viele Wähler machen ihn persönlich für die wirtschaftliche Misere im Land verantwortlich. In Umfragen liegt mittlerweile der Oppositionskandidat Kemal Kilicdaroglu vorn, der eine andere Wirtschaftspolitik will.

„In der Vergangenheit konnte Erdogan seinen Anhängern viel bieten, aber die Wirtschaftskrise hat ihm geschadet“, sagt Seda Demiralp, Vorsitzende der Abteilung für internationale Beziehungen an der Isik-Universität in Istanbul. „Seine Anhänger mögen ihn immer noch, sie lieben ihn sogar.

Aber sie sind unglücklich darüber, dass sie den Preis dafür zahlen müssen.“ Der selbsternannte „Zinsfeind“ Erdogan hat die Geldpolitik lockern lassen anstatt die enorm hohe Inflation mit höheren Zinsen zu bekämpfen. Diese nagt nun an der Kaufkraft der Türken.

Die Regierung behauptet, dass die Zinssenkungen Exporte und Investitionen angekurbelt haben. Sie verdoppelte in den vergangenen anderthalb Jahren den Mindestlohn und gab Rekordbeträge für Sozialhilfe aus. Das hat dazu beigetragen, dass das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr bei mehr als fünf Prozent gelegen hat. Auch die Arbeitslosigkeit sank von fast 14 Prozent in den vergangenen beiden Jahren auf aktuell etwa zehn Prozent, so die offzielle Statistik.

Nicht in den Griff bekommen hat die Regierung dagegen die Inflation, die im vergangenen Jahr zeitweise bei mehr als 85 Prozent lag - die Verbraucherpreise sich also binnen eines Jahres beinahe verdoppelt haben. Ein Grund dafür sehen Ökonomen darin, dass die Zentralbank wie von Erdogan gewünscht ihren Leitzins gesenkt hat - von 19 auf aktuell 8,5 Prozent. Das letzte Mal, dass die jährliche Inflationsrate das offizielle Ziel von fünf Prozent erreichte, war 2011.

Der langsame Abstieg der Türkei

Damals begann auch der international anerkannte Gini-Index – der die Ungleichheit bei Einkommens- und Vermögensverteilung misst – zu steigen. Dieser Trend beschleunigte sich 2013 und machte die großen Zuwächse aus den Jahren 2006 bis 2010, dem ersten Jahrzehnt von Erdogans Amtszeit als Regierungschef, wieder zunichte.

Die im Großbritannien ansässige Denkfabrik Legantum Institute stuft die Türkei in ihrem Wohlstandsindex weltweit auf Platz 95 ein, womit sich das Land seit 2011 um 23 Plätze verschlechtert hat. Ab 2013 begannen ausländische Investoren, sich aus türkischen Anlagen zurückzuziehen. Die Folge: Die Devisen-, Kredit- und Schuldenmärkte des Schwellenlandes, das unter westlichen Fondsmanagern einst als Star gehandelt wurde, werden nun stark staatlich verwaltet.

Erdogans aufstrebende AK-Partei (AKP) kam 2002 an die Macht, als sich die Wirtschaft von ihrem schlimmsten Einbruch seit den 1970er Jahren erholte. Er punktete mit dem Versprechen, mit der jahrelangen Misswirtschaft zu brechen. Als Ministerpräsident kam ihm anfangs zugute, dass die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auferlegten Sparmaßnahmen nachließen.

Wendejahr 2013 und Putschversuch 2016

Es folgte ein Jahrzehnt des wachsenden Wohlstands mit sinkender Armut und Arbeitslosigkeit. Auch die Inflationsrate, die ein Jahrzehnt zuvor dreistellig war, sank. Das wiederum erhöhte die Attraktivität der türkischen Landeswährung Lira. Die westliche Politik des billigen Geldes als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008/09 führte zu einer Flut billiger ausländischer Kredite und befeuerte den türkischen Bauboom.

Erdogan schien unantastbar. Doch das änderte sich 2013, als die Proteste rund um den Istanbuler Gezi-Park das Land erfassten und zu zahlreichen Zusammenstößen, Verhaftungen und Inhaftierungen führten. Gleichzeitig versiegte das billige Geld aus dem Westen, was eine Abwanderung von Finanzmitteln aus der Türkei auslöste und den Boom der billigen Kredite bremste.

Die Lira hat in den vergangenen fünf Jahren um 80 Prozent zum Dollar abgewertet. Das schwächt die Kaufkraft der Türken, ist doch das rohstoffarme Land stark auf Importe angewiesen, die durch die Lira-Abwertung teurer eingekauft werden mussten.

Der von Teilen des Militärs verübte Putschversuch von 2016, für den Ankara den in den USA lebenden Geistlichen Fethullah Gülen verantwortlich macht, führte zu einem Ausnahmezustand. Dieser habe „Erdogans personalistische Herrschaft formalisiert, die von einer Reihe unterwürfiger Berater mit fragwürdigen Referenzen unterstützt wird“, sagt Ates Altinordu, Assistanzprofessor für Soziologie an der Sabanci Universität. „Das Zusammentreffen dieser Faktoren schuf den perfekten politischen Sturm für wirtschaftliches Versagen“

Kommt es nach Erdogan-Wiederwahl zum Crash?

Andere Schlüsselbereiche wie das Gesundheitswesen oder die Infrastruktur sind jedoch nach wie vor stabil. Hier hat sich seit Erdogans Amtsantritt 2003 vieles stark verbessert, was seiner AKP zu mehr als einem Dutzend Wahlsiegen verhalf.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die politischen Spaltungen im Land verschärft, nachdem sich Erdogan nationalistischen Verbündeten zuwandte, um sich parlamentarische Mehrheiten zu sichern. Später gewann er ein knappes Referendum über die Einführung des Präsidialsystems, das die Macht in seinem Palast konzentriert. Einige wichtige Wirtschaftsfunktionäre verließen die AKP aus Protest dagegen.

„Jeder erinnert sich an die frühe Erdogan-Regierung, als es hieß, er würde eine integrative Wirtschaft schaffen“, sagt Bülent Gultekin, ein ehemaliger türkischer Zentralbankgouverneur und außerordentlicher Professor an der Wharton University. „Aber in Wirklichkeit hat sie noch nie dagewesene Teile der Gesellschaft vollständig von der Regierung abhängig gemacht, und das ist unhaltbar.“

Sollte Erdogan die Wahl gewinnen und seine Wirtschaftspolitik fortsetzen, werde es irgendwann zu einem kompletten Crash kommen. Gultekin warnt: „Du kannst Dinge für eine Weile verschieben, aber irgendwann musst du die Rechnung bezahlen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Vielleicht ist alles, was man Ihnen über Geld erzählt hat, falsch?
12.07.2026

Vielleicht gelten die jahrhundertealten Investitionsweisheiten nicht mehr? Vielleicht sind es Mythen, die früher einmal funktioniert...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungswirtschaft: Neubau droht der "Kollaps"
12.07.2026

Schon 2025 sank die Fertigstellung neuer Quartiere auf den niedrigsten Wert seit mehr als einem Jahrzehnt. Auch für dieses Jahr schlägt...

DWN
Technologie
Technologie Cyberrisiken erkennen: 5 typische Schwachstellen im Mittelstand und was Unternehmen tun können
12.07.2026

Cyberangriffe treffen den Mittelstand oft nicht durch spektakuläre Hackertricks, sondern durch alltägliche Versäumnisse. Eine Analyse...

DWN
Panorama
Panorama Von der Pandemie zur erschöpften Gesellschaft: Verschwindet die Menschlichkeit immer mehr?
12.07.2026

Alles begann mit der COVID-19-Pandemie, seitdem geht es weiter bergab. Es entstehen immer neue militärische Konflikte, wirtschaftliche...

DWN
Technologie
Technologie Verliebt in einen Bot – Sind KIs die besseren Partner?
12.07.2026

Immer verfügbar, stets zuvorkommend, keine Ego-Touren: Im Gespräch mit KI-Bots fehlt der menschliche Faktor. Kann das unter Umständen...

DWN
Immobilien
Immobilien Vom Leerstand zum Lebensraum – der Staat will leere Büros in Wohnraum verwandeln
12.07.2026

Die deutschen Innenstädte stecken in einer bizarren Identitätskrise: Auf der einen Seite suchen Menschen verzweifelt nach bezahlbarem...

DWN
Panorama
Panorama Porträt: Er erbte Milliarden und ein Schloss – so hält er das Erbe seines berühmten Großvaters am Leben
12.07.2026

Er erbte Tausende von Werken des vielleicht größten Künstlers der Welt. Nun widmet er seine Zeit dem Verleihen dieser Werke an Museen...

DWN
Politik
Politik Renteneintritt: Die Babyboomer-Welle trifft den Arbeitsmarkt hart
11.07.2026

Der bevorstehende Rentenboom der Babyboomer-Generation wird die deutsche Wirtschaft weitaus härter treffen als bislang prognostiziert. Zu...