Deutschland

50 Stunden Warnstreik: Montag und Dienstag kein Bahn-Fernverkehr

50 Stunden lang kein ICE, kein IC und auch kaum ein Regio: Die EVG wird den Bahnverkehr zum dritten Mal in diesem Jahr lahmlegen. Der Ton zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite wird schärfer.
11.05.2023 16:04
Aktualisiert: 11.05.2023 16:04
Lesezeit: 3 min

Ein 50-stündiger Warnstreik stellt die Deutsche Bahn und ihre Kunden ab Sonntagabend auf eine harte Belastungsprobe. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) rief die Beschäftigten am Donnerstag zum Ausstand von Sonntagabend, 22.00 Uhr, bis Dienstagabend, 24.00 Uhr, auf. Die Bahn entschied wenig später, in dieser Zeit den Fernverkehr komplett einzustellen.

„Auch bei DB Regio wird während des Streiks größtenteils kein Zug fahren“, hieß es in einer Mitteilung des bundeseigenen Konzerns. Ein 50-stündiger Warnstreik sei „sehr ärgerlich für die Fahrgäste“, sagte EVG-Tarifvorständin Cosima Ingenschay in Köln. „Aber wir müssen in dieser Länge streiken, weil wir dann einfach auch stärkere wirtschaftliche Auswirkungen haben und dadurch den Druck erhöhen können.“

Zweimal hatte die EVG im laufenden Tarifkonflikt bereits zum Ausstand aufgerufen – auch bei diesen Aktionen folgte die Einstellung des Fern- und ein fast kompletter Stillstand im Regionalverkehr. Eine Lösung des Konflikts liegt aus Gewerkschaftssicht aber noch immer in weiter Ferne. Nach Ansicht der DB ist der erneute Arbeitskampf „irrsinnig“ und „restlos überzogen“. Er sei jederzeit bereit, in neue Verhandlungen einzutreten, um den Ausstand noch zu verhindern, sagte DB Personalvorstand Martin Seiler – notfalls auch am Wochenende. Die Gewerkschaft wolle aber offenbar nur von Streik zu Streik gehen.

Heftige Auswirkungen für Fahrgäste

Nach der Ankündigung des Warnstreiks dauerte es knapp vier Stunden, bis die Bahn für Gewissheit sorgte: Am Montag und Dienstag wird kein Fernverkehrszug fahren und auch der Regionalverkehr größtenteils stillstehen. „Die DB bittet die Fahrgäste, wenn möglich ihre für den Streikzeitraum geplanten Fahrten im Fern- und Nahverkehr bis zum frühen Sonntagabend vorzuziehen“, hieß es. Sonntags sind die Züge generell meist voll, viele Menschen sind dann auf der Rückreise von ihren Wochenendausflügen. „Für Fahrten im Fernverkehr wird eine Sitzplatzreservierung empfohlen“, hieß es passend dazu von der DB.

Fahrgäste mit einem Ticket für den Zeitraum 14. bis 16. Mai können die Fahrscheine ab sofort flexibel bis einschließlich Sonntagabend nutzen. Eine flexible Nutzung nach Streikende sei dieses Mal nicht möglich, da der Ausstand direkt vor einem der reisestärksten Tage im Jahr ende. Am 18. Mai ist Christi Himmelfahrt.

Die EVG vertritt bei der Bahn Beschäftigte aus fast allen Bereichen und hat auch sämtliche Berufsgruppen zum Warnstreik aufgerufen. Entsprechend sind die Auswirkungen direkt heftig. Treten etwa die Fahrdienstleiter in den Warnstreik, steht gleich der gesamte Verkehr auf bestimmten Streckenabschnitten still. Vom Ausstand betroffen sein werden aller Voraussicht nach auch Bahnunternehmen, die derzeit gar nicht mit der EVG über neue Tarifverträge verhandeln.

EVG-Forderung und DB-Angebot liegen weit auseinander

Die EVG will für die Beschäftigten mindestens 650 Euro mehr pro Monat oder zwölf Prozent bei den oberen Einkommen. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll zwölf Monaten betragen. Die Gewerkschaft verhandelt parallel mit 50 Bahnunternehmen für gut 230 000 Beschäftigte, die Forderungen sind dabei im Kern immer gleich. Nicht alle dieser 50 Unternehmen werden dieses Mal direkt bestreikt, bei einigen laufen die Verhandlungen aus EVG-Sicht bisher besser als bei anderen. Der Fahrbetrieb dürfte aber bei allen zum Erliegen kommen.

Die Deutsche Bahn hat zuletzt einen steuer- und abgabenfreien Inflationsausgleich von insgesamt 2850 Euro angeboten, der über mehrere Monate verteilt ausgezahlt werden soll. Ab März des kommenden Jahres könnte dann ein Lohnplus von insgesamt zehn Prozent für die unteren und mittleren sowie acht Prozent für die oberen Lohngruppen folgen – allerdings stufenweise. Die vorgeschlagene Laufzeit liegt bei 27 Monaten. Die EVG hält das Angebot für nicht verhandlungsfähig.

Nächste Gespräche für 23. Mai geplant

Bei der DB arbeiten 180 000 der 230 000 Beschäftigten, für die derzeit verhandelt wird. Besonders vehement wurde zuletzt über den Mindestlohn gestritten, den bei der DB etwa 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur über Zulagen erhalten. Ein von der Bahn vorgelegtes Angebot zu dieser Frage bewertete die EVG als inakzeptabel.

DB-Personalvorstand Seiler machte am Donnerstag mehrfach deutlich, dass er verhandlungsbereit sei – und das jederzeit. „Die Mitarbeitenden brauchen Lösungen. Wie wollen endlich zu Ergebnissen kommen“, sagte er vor Kameras im Kölner Hauptbahnhof. Die EVG wolle aber offensichtlich nicht verhandeln und denke nur von Streik zu Streik. „Kompromisse findet man aber nur am Verhandlungstisch“, hob Seiler hervor. Bisher ist die nächste Gesprächsrunde für den 23. Mai in Fulda terminiert - also gut eine Woche nach dem erneuten Warnstreik.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäischer Gaspreis steigt wieder: Iranische Attacken nach US-Angriffsstopp – Entspannung nicht in Sicht
29.07.2026

Die Hoffnung auf eine Entspannung im Nahen Osten war nur von kurzer Dauer. Neue militärische Entwicklungen lassen den europäischen...

DWN
Finanzen
Finanzen Europa droht ein Preisschock und ein stärker als erwarteter Anstieg des Euribor
29.07.2026

Der 6-Monats-Euribor ist auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren geklettert. Der Anstieg dürfte sich fortsetzen, da ein unerwartet...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Starke Quartalszahlen stützen Erholung, Cashflow bleibt Belastungsfaktor
29.07.2026

Nach Monaten deutlicher Kursverluste zeigt sich die Rheinmetall-Aktie am Mittwoch von ihrer besten Seite – dank starker Quartalszahlen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Einspeisevergütung: Was sich durch die EEG-Reform bei der Solarförderung ändert
29.07.2026

Die Bundesregierung stellt die Förderung von Solarstrom grundlegend um. Das Kabinett hat eine Reform des EEG beschlossen, die private...

DWN
Finanzen
Finanzen DWS-Aktie sackt ab: Deutsche-Bank-Tochter enttäuscht mit Erträgen
29.07.2026

Auf den ersten Blick liefert DWS starke Zahlen: Milliarden fließen neu in die Fonds, das verwaltete Vermögen erreicht einen Höchststand...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: So nutzen Sie die neuen Freibeträge und Steuerpauschalen
29.07.2026

Die Steuererklärung 2025 müssen pflichtveranlagte Steuerzahler bis spätestens 31. Juli 2026 beim Finanzamt einreichen. Auch in diesem...

DWN
Finanzen
Finanzen BMW-Aktie unter Druck: Anlegern reicht BMW-Stellenabbau offenbar nicht aus – BMW-Zahlen stehen an
29.07.2026

BMW galt lange als Ausnahme unter den deutschen Autobauern. Nun folgt ein BMW-Stellenabbau, der Münchener Autobauer verschärft seinen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose 2027: Kommt jetzt der nächste große Kursrutsch?
29.07.2026

Nach einem Kursrückgang von über 25 Prozent seit dem Goldpreis-Rekordhoch Ende Januar haben Anleger ihre Investitionen in Gold-ETFs...